Zeitung für Einsiedler — Heidelberg, 1808

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Du willst es nicht sagen/ wenn Dir einer in die Angen
sieht/ küchelst Du immer und magst deine Meynung nicht
sagen. Eine Hand wäscht die andre/ so will ich es auch
keinem sagen / daß Deine Nachtmütze darüber an Dei-
nem Sparlichte beim Lesen anbrennte; ich weis' es recht
gut/ worauf Du die Funken fallen sähest vor Deinen
Augen / und in Gedanken Feuer riefest in die ruhige
Welt. Aber mir 'einem Schlage auf Deinen Kopf, war
das Feuer gelöscht/ und meine Zeitung war aus/ denn
Du fürchtetest sic und wolltest in der Angst sie zerreißen.
Verehrtes Publikum! wäre der Kaffe nicht so theucr ge-
worden/ Du könntest sehr glücklich wieder leben in Dei-
nem Kaffeehause/ oder wo cS vornehm hergeht/ in Dei-
nen, Kasino; denke Dir/ wir treffen jetzt zum erstenmal
zusammen/ hätten wir uns' eher gekannt/ Du läst mit
Dir sprechen/ und bist sehr verständig/ sobald Du je-
mand persönlich kennst / nun machst Du gleich dein Be-
dauern kund/ daß Dein Einsiedler mit Todte abgcgan-
gen / oder vielmehr ein wahrer Einsiedler geworden sey..
Darauf antworte ich: Mein Unternehmen lebt noch/
wenn cs in dir einen so neuen sinnreichen Ausdruck er-
zeugen kann; deinen eingcschlummerten Witz anzuregen
war mein Zweck. Dein Beifall/ geehrtes Publikum!
ist mein Gluck/ und so sehe ich mit dankbarer Zufrie-
denheit auf diesen Versuch/ ich machte ihn mit dem
Vorgefühle unter dem Versuche allem gelingen. — DaS
Publikum nickt mit dem Kopfe und sagt zerstreut: Frei-
lich/ sie haben sich einen angenehmen Spaß gemacht I
— Ich machte meinen Versuch so lehrreich wie möglich
für mich und andre. Dem verständigen Leser wird sich
vielleicht durch den Inhalt sowohl wie durch die Aust
nähme dieser Blätter ein großer Theil von Deutschland
näher entwickeln; ja ich meine so/ daß sie sich noch
lange Zeit durch den sichern Ton als Stimmstvte ge-
brauchen ließen/ um zu beurthcilen/ wie sich die allge-
meine Stimmung verhalte. Das Gewohnte hat uns
nicht bezwungen/ und das Auffallende nicht verführt;
frei von den Tags'neuigkeicen / unter denen auch das
Beste wie die geraubte Princeß des Rübezahl/ unter
dem welkenden Sommerhoflagcr/ das er ihr aus' Rüben

geschnitten / verschmachtet. Auch das Leichteste in dieser
Sammlung war kein leichtsinniger Lückenbüsser/ mein
Einsiedler-Archiv möchte vielleicht noch für mehrere
Jahre Stoff geben: aber ich fühle jetzt erst/ nun ich die
Maske abgenommcn / wie unangenehm warm mir dar-
unter geworden/ durch dieses Anhsften an einen Fleck/
und den Druck des ewigen Drucks. Während ich gegen
die Kritik schrieb/ zog ich mir ein kaltes Fieber zu/ von dec
Art, wie es einem geehrten Publikum oft zustößt/ und
wie es eben davon befallen zu seyn scheint; ich zog in das
Bad/ die Correcturbogen mir nach/ so wurde die Aus-
gabe der Zeitung unterbrochen. — Bedanre recht sehr/
antwortet das'Publikum/ hoffe ft owicS schon müssen
verlieren; aber-sehn sie / ich habe auch jetzt wenig Geld/
ich weis nicht wo es steckt/ die Neuigkeiten hätten sie
nicht vergessen sollen / ach Gott/ ich hoffe alle Tage auf
gute Nachrichten / zum Fühlen nnd Lernen habe ich
eben nicht mehr Zeit/ ich habe Emguartierung. —
Deutschland/ mein armes/ armes Vaterland/ nnd da
liefen unS beiden/ mir und dem Publikum/ die Thronen
von den Augen/ und ich konnte nicht mehr scherzen.
Also/ gutes Publikum/ Du siehst wohl / ich wollte keines
der gelesenen Blätter nachahmen/ da ich den wesentlich-
sten Bestandtbeil/ die TagSneuigkeiten ausschloß; wer
thut gern etwas Ueberflüssiges/ und von jener Art haben
wir schon so viel/ daß sie wie Spinnen statt des Spin-
nens lieber einander auffressen/ was aller Spinngewebfa-
brikation im Großen sehr hinderlich ist. Hätte ich es
wohl vor mir (vor Dir geehrtes Publikum recht gut/
denn Du hast ein kurzes Gedächtniß) rechtfertigen kön-
nen/ der ich diese Anstalten telegraphische BureauS aller
literarischen Misere (deS Knaben Wundcrhorn I. äüo)
nannte / wenn ich selbst etwas der Art unternommen.
Freilich hat sich vieles seit der Zeit verändert/ und im
Spätherbst siehst du geehrtes Publikum meine rothc
Hanbutte so gern wie eine rothe Rose im Frühling/ nur
wir beide bleiben uns' treu/ ich habe Deinen Untergang
Dir wohl gesagt/ aber des Rechts war überall zu viel/
der Tbatcn zu wenig/ wohl uns' beiden/ wenn wir die
Ueberzeugung im sichern Herzen tragen/ daß wir nicht
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