Zeitung für Einsiedler — Heidelberg, 1808

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den. Einesmales stand sie im Gebete, da kam die Kel-
len» und klagete, daß sie nicht Weines genug hätte
den Frauen zu geben. Da sprach sie: Der Gott dev
mit fünf Broden und fünf Fischen fünf tausend Men-
schen speisete, der mag auch uns von dem wenigen
Weine tränken. Darum so geh hin und vollbringe deine
Andacht in der Kirche, wenn Christus hat gesprochen:
Ihr sollet für- erste suchen das Reich Christi, so fallen
euch zu alle zeitliche Ding nach eurer Nothdurft. Da
nun die Zeit kam, daß sie essen sollten, da fand die
Kellerin das Faß voll Weines, das sie vor hatte leer ge-
lassen. Also nahm die Sankt Otilie in allen Tugenden
zu, und übete sich in großen Gotteswerken, darum
wollte sie unser Herr aus diesen Arbeiten erledigen. Da
sie empfand, daß die Zeit ihrer Hinfahrt nahete, da
ging sie in Sankt Johannes Kirche und hieß alle ihre
Frauen vor sich kommen, und ermahnete sie, daß sie al-
lezeit Gott vor Augen hätten, und seine Gebote nimmer
übergingen und für sie und ihren Vater und alle ihre
Vordem mit Fleiße beteten. Also hieß sie die Frauen
alle gehn in unsre Frauen Kirche, und da eine Weile
den Psalter leseu. Dazwischen fuhr ihre selige Seele
van ihrem Leibe in die ewige Freuden. Da ward ein
so süßer Geruch, daß ihn wahrnahmen die Frauen in
der anderen Kirche. Darum gingen sie hin und fanden
ihre selige Mutter todt, und kniecnd in der Kirche; deS
betnibcten sich die Frauen gar sehr, daß ihre selige
Mutter ohne das heilige Sakrament war verschieden,
und riefen alle die Gnade unsres Herrn an, daß er sei-
nen Engeln geböte, daß sie die heilige Seele wieder in
den Leichnam führten. Zur Stund ward Sanfte Otilie
wieder lebendig und sprach: O ihr lieben Schwestern,
warum habt ihr mir solche Unruhe gemacht, daß ich aus
der seligen Gesellschaft Sankt Lucien wieder mußte in
diesen arbeitseliger Leib kommen: Also hieß sie, ihr
biethcn einen Kelchs mit dem heiligen Sakramente, daS
nahm sie selber, darnach schied die heilige Seele wieder
von ihrem Leibe. Durch dies Wunder ist derselbe Kelch
behalten in der Kirche: Also nahmen die heiligen Frauen
den Leichnam, und begruben ihn vor Sankt Johannes
Altar, da blieb der süße Geruch acht Tage in der Kir-
che , da wirkete der Herr seiner Dienerin zu Lohe, viel
große Zeichen und Wunder ob ihrem Grqbe. Bei dem
Begräbniß waren Sankt Attala mit ihren Schwestern,
denen schrieb Sankt Attala mit der Hand: Gottes Frie-
der, guter Friede, Zeitenlehre tödtet.
(Nach /xrm-ar-clrca S. 101» Königshoven Straß,
burgische Cbr-nik her von Schilter» Straßburg MS
ß. 5t5.)

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Dies« Worte stehen all Umschrift der Kapsel Wer der heilige«
Reliquien Hand der heiligen Attala, denn warum sollte uns dar
nicht heilig seyn, was an ein heiliges Leben erinnert, wie uns die
Trümmern Roms groß sind, weil sie an ein großes Leben erin,
nern. Zur Vergleichung fällt uns hier eine sehr schöne Erzählung
Ottilie in den neuen Volksmährchen (Leipzig Weygand 178S-S2
4 Bände) in ganz anderm Sinne, minder ehrwürdig aber zierlich
und tiefsinnig in Ergreifen des flachsten modernen Treibens, sie
will fast nie eigentlich altertliümltch seyn. Diesen neuen Volks-
mährchen, die vielleicht durchaus keinen Fehler als eine allzu ge-
regelte breite Sprache haben, ist das gewöhnliche Schicksal treffli-
cher Bücher begegnet aus Nachsprecherey irgend eines tonangeben-
den Kritikers immerdar verachtet worden zu seyn. Nock neulich
Siebt ihnen ein guter Schriftsteller schuld, daß sie dem Musäus
nicht glücklich nachgeahmt sind; unbegreiflich ist dies Verkennen
einer reichen Eigenthümlichkeit, an die Musäus, ungeachtet seines
Talents nie anrcichen konnte, nicht zu gedenken, daß sie rein sind
von dm widrigen literarischen Anspielungen der Zeit, die zu den
Zeiten des Musäus für Witz gelten «nutzten sie sind ein unbe-
nutzter Stoff für Singspieldichter und Romanzensänger. Nie
ist Kindergefühl so dargrstellt worden wie in der Otilie, im
iin Hiolm, in Walther und Maria, im St. Georg, nie der
Ernst des schrecklichen Lebens wie im Ottbert, kein Heiligenkampf,
wie im Julian, kein Familienwesen wie in» stillen Volke — ich
bin unerschöpflich in dem Lobe dieses Buchs, das mir sehr trau-
rige Nächte erhellte. Aus Dankbarkeit hoffe ich noch oft die Rechte
des Sinnes gegen die Anmaßungen der Kritik zu verfechten, deren
Nichtigkeit ich endlich ganz zuin eignen Pekenntniß bringe, die
Kritik wird eingestehen, daß sie ihrer Natur nach Mysterie gewe-
sen, daß es ohne diese Mysterie (wir brauchen das Wort um den
den Bock in» Morgenblatt ein wenig zu stntzen) bloße Täuschung
sey, wo wir stille sichen, wohin wir sortschreitcn mit einem uni-
versalhistorifchcn Gefühle für alle anzunehmen und der Well alf-
ganze Klassen Eindrücke aufzubürden — oder in ihrem Namen aus-
zugeben, was doch alles nur für den einen mückeutanzenden Sog-
ncnradius ohne Breite und Tiefe gilt, "den der Kritiker in sich dar-
stellt. Es wird sich zeigen, daß alle Kritik über das Mitlebcnde
Scherz ist, es gicbt darin nur ein Anerkennen, ein Hiuführen zum
Anerkennen, und doch ist dies selbst meist überflüssig, die Würdi-
gung ist nicht die Wirkung der Schrift, die immer ein Wunder
bleibt, man mag sie nach Pestalozzi oder nqch Olivier lernen, eist
Wunder wie alle Ansicht der Natur in ihrer Neuheit bei jeder
Entdeckung, beim ersten absichtlosen Verse, den wir machen, wir
-erstaunen über uns, Indier und Perser erkannten das auch, wie
wir gesehen haben, uns sucht die Erziehung dgs Wunderbarste ge-
wöhnlich zu macken, weil sie keine Wui,der thun kann. Ilm die
Leerheit der Kritik darzuthun, die mit einem Paar Einfällen auS-
stafsirt, alles Wunderbare übersehen, und die Bemühungen gan-
zer Völker berichtigen will, haben wir aus dem Umschläge des vorige»
Hefts ein altes Gespräch über deutsche und welsche Wirthshäusex
zur Vergleichung deutscher und italiänischer Sonette abgedruckt,
nickt als wenn das wirklich paßte, nur um zu zeigen, wie alles
in -en Welt durch Kritik und zur Kritik abgenutzt werden kann.
Einsiedler,

i.'
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