Eitelberger von Edelberg, Rudolf
Die Kunstbewegung in Oesterreich seit der Pariser Weltausstellung im Jahre 1867 — Wien, 1878

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In Oesterreich gibt es verschiedene Factoren, von denen jeder, eine
gewisse Selbstständigkeit beanspruchend, berufen und berechtigt ist, in
das Kunstleben einzugreifen. Der kaiserliche Hof und die zu demselben
gehörigen Institute, die Staatsanstalten, welche den Ministerien unter-
stehen, die verschiedenen Corporationen und Vereine, welche mehr oder
weniger einen autonomen Wirkungskreis haben, alle sind berechtigt
und auch mehr oder weniger bemüht, das Kunstleben zu fordern. Das
leuchtende Vorbild, das der Kaiser auf diesen Gebieten gegeben hat,
spornt mächtig zur Nachahmung an. Was in dem letzten Jahrzehnt auf
dem Gebiete der Kunst unter der Regierung des gegenwärtigen Kaisers
geschaffen und angestrebt wurde, überwiegt an Bedeutung die Arbeit
von Jahrzehnten und Generationen. Es erscheint daher als keine leichte
Aufgabe, bei diesen etwas complicirten Verhältnissen ein anschauliches
und vollständiges Bild zu geben, aber je schwieriger dies ist, desto mehr
gewinnt das Kunstleben in Oesterreich eben dadurch an Mannigfaltig-
keit und Reiz. Denn, würde sich der Bericht nur auf die Mittheilung
dessen beschränken, was von Seite des Unterrichtsministeriums durch
die demselben unterstehenden Anstalten zur Förderung der Kunst,
der Kunstwissenschaft und Kunstindustrie geschehen ist, so würde
derselbe ein einseitiger und unvollständiger geworden sein. Es musste
daher der Bericht, um die gewünschte Vollständigkeit zu erzielen, über
den Wirkungskreis der Staatsbehörden hinausgreifen und jene Anstalten
und Institute mit in den Kreis seiner Erörterungen einbeziehen, welche
Veranlassung haben, sich der Förderung der Kunst zu widmen.

Es kommt aber noch ein anderer Umstand in Betracht. Dem
Programme der Pariser Weltausstellung gemäss sollte sich eigentlich
auch der Bericht nur auf die Zeit seit der letzten Pariser Welt-
ausstellung beziehen. Aber die Ereignisse und die Thatsachen lassen
sich chronologisch nicht so genau abgrenzen; es musste hie und
da die Vergangenheit mit in den Bereich der Erörterungen einbezogen
werden, ebenso wie es angemessen scheint, das zu beleuchten, was noch
nicht als abgeschlossene Thatsache vorliegt und erst der Zukunft ent-
gegenreift. Es war daher unerlässlich nöthig , bei den kunsthistorischen
Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses deren künftige Gestaltung
nach dem Ausbaue der neuen Hofmuseen in's Auge zu fassen; es war
ferner nothwendig, auf die Bauthätigkeit in der Votivkirche hinzu-
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