Eitelberger von Edelberg, Rudolf
Die Kunstbewegung in Oesterreich seit der Pariser Weltausstellung im Jahre 1867 — Wien, 1878

Page: 111
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ZEICHENUNTERRICHT. 111

überhaupt über Fragen des Zeichenunterrichtes im Interesse einer fach-
gemässen und einheitlichen Regelung und Leitung derselben ein Urtheil
abzugeben hat. Zu diesem Zwecke wurde der Aufsichtsrath durch meh-
rere Mitglieder verstärkt, welche nicht nur fachmännisches Wissen,
sondern auch die entsprechende pädagogische Bildung besitzen.

Bei der in jüngster Zeit durchgeführten Organisation des gewerb-
lichen Unterrichtes wurde selbstverständlich auf den Zeichenunterricht
ein besonderes Gewicht gelegt. In den höheren Gewerbeschulen
und den Werkmeisterschulen werden neben dem technischen Zeichnen
auch dem Freihandzeichnen wöchentlich 6 Stunden gewidmet. Wo aber
in letzteren eine specielle Abtheilung für ornamentale Ge werbe
in das Leben gerufen wurde *, wie es in Graz und Salzburg der Fall
war, da wurden dem Freihandzeichnen und Modelliren in den zwei
ersten Semestercursen 19 Stunden, im dritten und vierten Semester-
curse 3o Stunden in Verbindung mit dem Unterrichte in der Formen-
lehre gewidmet. Da diese Schulen wesentlich bestimmt sind, jenen Hand-
werkern, welche zu ihrem Gewerbe das Zeichnen und Modelliren ver-
stehen müssen — es sind dies: a) die Holzarbeiter, Tischler, Drechsler,
Vergolder; b) Schlosser, Schmiede, Graveure, Bronze- und Silberabeiter;
c) die Tapezierer, Decorateure, Zimmermaler, Buchbinder —, so ist
eine wesentliche Hebung der Kunstgewerbe zu erwarten, wenn diese
durchweg jungen Schulen praktische Erfolge werden erzielt haben. Fs
ist auch dafür gesorgt worden, dass in diesen Werkmeisterschulen und
in den betreffenden Abtheilungen künstlerisch gebildete Kräfte die
Leitung und den Unterricht übernehmen. In Graz fungirt als Director
Architekt Ortwein und in Salzburg Architekt C. Sitte. — Sehr för-
derlich wird die Einrichtung des offenen Zeichensaales an jeder
Gewerbeschule sein, in welchem tagsüber jedem Gewerbetreibenden der
Zutritt gestattet ist. Je nach den localen Verhältnissen sollen in ähn-
licher Weise Modellirübungen eingeführt werden.

* Siehe den „Auszug aus dem Expose über die Organisation des gewerblichen
Zeichenunterrichtes in Oesterreich". Wien, 1876.
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