Fliegende Blätter — 10.1849 (Nr. 217-240)

Seite: 46
DOI Heft: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb10/0050
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
Des Altgesellen Erinnerungen und Einfälle.

«Fortsetzung.)

In acht Tagen war die bestellte Arbeit fix und fertig.

* Die armen Buben meinten zu träumen, als über sie selber
; das hochnotpeinliche Halsgcricht gehegt wurde, das sie vor
so kurzer Zeit noch als ein seltsames Schauspiel angegafft.

Als der Stab gebrochen war und sie mitsammen hinaus-
geführt wurden, that der Steinbacher wie unsinnig; je mehr
er aber schalt und schimpfte, um so spöttlicher redete ihm der
Bademer zu. Statt auf den Geistlichen zu hören, zankten
die zwei miteinander, und wären ihre Hände nicht gebunden
gewesen, sie hätten Bigott einander geschlagen. Dazwischen
jammerte der Muck, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen;
nicht über sein junges Leben, sondern weil er durch seine
unbedachte Rede schuld sei an des Nazi Verderben. Was
that indessen des Grasen-Nazi-Nazcles-Naz? Ter betete
fleißig mit dem Geistlichen und kümmerte sich um nichts
weiter. Weshalb auch der Taveri zum Nepvmuck sagte:
„Was greinst du nur um den? Unser Herrgott braucht
einen schönen Engel und könnte gar keinen bessern finden."
Draußen auf der Richtstätte wandte sich der Beuermer plötz-
lich vom Galgenpater ab und redete den Metzger-Taveri an:
„Horch, Bruder Bademer, ich verzeihe dir von ganzem
Herzen, daß du mit falscher Jnzicht mich um mein junges
Leben bringst; und du, Bruder Steinbacher, vergib ihm auch.
Mir sind drei Feinde gewesen unser Leben lang, das war
unchristlich; so laßt uns wenigstens als Christen sterben, um
uns nach so bitterm Tod eine fröhliche Urständ zu bereiten."
Mein Muckele wollte zuerst nichts von Versöhnung hören,
aber sein Gespann gab nicht luck und hielt inständig mit
Bitten an, bis ihm der Steinbacher endlich den Willen that.
Wie der Laver solches inne ward, kam es wie eine mensch-
liche Regung über ihn. Nun meint ihr vielleicht, er werde
in die Knie gesunken sein, um reumüthig vor Gott und Welt
sein schnödes Unrecht zu bekennen? Weit gefehlt. Zu den
Beiden sagte er: „Verzeiht ihr mir euern unschuldigen Tod,
so verzeih' ich euch, womit ihr mich geärgert, und wir sind
wett." Mit lauter Stimme fügte er hinzu: „Aber die von

Ulm sind die einfältigsten Schwaben, die mir noch vorge-
konlmen. Auf das Zeugniß eines verdammten Straßenräubers
hin henken sie ein paar unschuldige Bürschlein mir nichts
dir nichts an den lichten Galgen. Das unschuldige Blut komme
über euch, ihr Tröpfe, nicht über mich. Ich habe die Krämer allein
abgeschlachtet, ich, der Taulen-Iaveri. Ihr habt's gehört,

. und nun laßt' uns ein End' machen."

Jetzt gab's ein noch ärgeres Halloh als acht Tage zuvor
auf dem Marktplatz. Die Herrn wollten die armen Sünder
frischweg abthun lassen, weil die Leitern doch einmal gelehut
stünden. Das schreiende Volk ließ solches nicht zu, sondern
verlangte neue Untersuchung für die zwei Küfer. Jetzt sollte
die ganze Handlung verschoben werden, doch auch das durfte
nicht gelten, denn der L'aver schrie überlaut: „Ich Hab' das

Ding satt, mag mich nimmer vom Ponzi zum Pilatus schicken
laffen. Henkt mich, oder ich thu nimmer mit."

„Henkt ihn, henkt ihn!" brüllte das Volk. Die Herrn
vom Rath willigten zuletzt ein, weil sie nicht anders konnten.

j Von der Leiter rief der arme Sünder noch: „Bruder Beuernier,
wenn sie daheim nach mir fragen, so sage nur, ich hätte mit |
eines Seilers Tochter Hochzeit gehalten und du dabei getanzt."

Tie zwei Küfer lagen etwa noch zehn bis zwölf Wochen
im Thurm, dann wurden sie der Haft entlassen, weil ihre
Unschuld sich vollkommen bewährt hatte. Meine Herrn vom
Rath reichten ihnen einen Zehrpfennig und schärften ihnen ein,
binnen drei Jahre sich nicht im Weichbild der Stadt betreten zn
lassen, bei Strafe des Staupenschlags. Ich denke, sie werden
kein sonderliches Heimweh nach Ulm empfunden haben.

Als sie an den nächsten Kreuztveg kamen, sprachen der
Steinbacher und der Beuermer zu einander: „Wir haben für

unfern Ungehorsam gegen die Satzungen eines ehrsamen Hand-
werkes schwer gebüßt. Tie harte Zurechtweisung soll wenig-
stens nicht verloren sein. Geh du von hinnen, Gesellschaft,
ich will von dannen gehn. Behüt dich Gott, Bruderherz,
bis wir uns Wiedersehen."

Sie drückten einander die Hände und gingen jeder seines
Weges, ohne sich umzuschauen ; was hätte auch das Um-
schauen genützt, da sie vor lauter Waffer nicht aus den
Augen sehen konnten?-

Wenn uns Gott das Leben schenkt und wir wieder zu-
sammen kommen, sollt ihr vernehmen, was sich mit den
Beiden ferner zugetragen hat.

Zweites Ltüek.

Hast du dir schon einen Zahn ausziehen lassen? Es thut
abscheulich weh, und danach bleibt eine Lücke wie ein Scheunen-
thor ; wenigstens meinst du, wenn du mit der Zunge daran
stößest, daß ein beladener Heuwagen leicht hindurchfahren
würde. Aerger noch ist's, wenn dir ein Schatz aus dem
Herzen geriffen wurde, am ärgsten aber, so dein trauter
Bruder dir abgeht; da gibt's ein Loch als wie mit Stück-
kugeln geschossen, und du bildest dir ein, die ganze Welt ver-
mög' es nimmer auszufüllen. Aber nur Geduld, allgemach
heilt' s von selber zu, und wenn dir kein neuer Zahn wächst,
an neuer Liebe wird's schwerlich fehlen, und etwa auch
wieder ein Bruderherz sich finden. Unser Herrgott verläßt
keinen Deutschen! Dem Steinbacher war seit der Trennung
am Kreuzweg hinter Ulm längst wieder >vohl geworden;
er hatte mancherlei Freuden und auch andre Leiden durch-
gemacht, abwechselnd getanzt, geschmaust und gehungert, sich
toll und voll gesoffen und Durst gelitten, mit Sechsbätznern
nach den Spatzen geworfen und Bettelbrod gekostet, kurz:
Sonnenschein und Regen durchgemacht. Es war aber auch
seitdem viel Waffer den Rhein hinabgeronnen. Mein Muckele
kam vom Wald *) herab und lief Freiburg zu, er wußte selber
nicht recht, weßhalb, und hätte sich eben so gut auf Basel
wenden können, denn um's Heimgehen war's ihm gar nicht zu

') Tchwarzwald.
loading ...