Fliegende Blätter — 144.1916 (Nr. 3675-3701)

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Das L.

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zurück I — auch fo ein süß' Köpfletii mit wehenden Stirii[ocfenr
iJcs Goldschmieds Rind.

Indes er träumt und sein Herz plötzlich durch ein wunder-
sam' Frühlingsgeschehen wieder jung und voll Seligkeit wird,
malt seine Hand, des Merks kaum selber bewußt, in das obere
Rund des kunstreichen großen <E, an dem er eben arbeitet, ein
zauberhaft schelmisches und süßes Aöpfchcn hinein, gerad'so, wie
cs ihm just vor fünfzig Jahren da drunten gelacht und fein
bluljunges Herz gefangen und mit so reichem Lenzglück erfüllt,

daß cs bis heute nicht ganz hat verblassen können, sondern in
dem warmen Frühlingssonnenschein noch einmal aufcrsteht zur
alten Fracht und Herrlichkeit.

.... Fünfhundert Jahre rollen d'rübcr hin ivie Tage. In
der Stadt d'riunen am Fenster einer Gelehrtenstube sitzt just so
ein Meißkopf eben auch wieder an einem gleich herrlichen Früh-
lingstag tief gebückt über des alten Mönches Norbertus Pfalmen-
band, den einst der hochgelahrte und kunstsinnige Pater auf dicken
Pergamentblättern mit allerlei sinnreichen und boziehungsvollen

Initialen urid Bildern geschmückt hat. Aber — weiß der Himmel I
— der Gelehrte mag studieren und sein Hirn aiistrcngen, soviel
er kann, es gelingt ihm nicht und will ihm nimmer gelingen,
hcrauszutüfteln, warum Norbertus — Gott gcb' ihm fröhliche
Urständ'! — just und gerade den Anfangsbuchstaben £ dieses
Psalmes in seinem oberen Rund mit einem Mädchen köpf —
mit einem Mädchcnkoxf obendrein geschmückt hat, der noch dazu
das schönste und lieblichste Merk des ganzen Buches bildet. So
frisch und lebendig steht das holdselige Gesicht zwischen den ur-
alten Buchstaben, als wollt' cs jeden Augenblick die Lippen
öffnen und selber zu reden anfangen und das Geheimnis kund-
tun, wie cs mitten in den Tcrt hineiugeratcu, in dem doch weit
und breit nichts von einem solchen süßen Gesicht zu finden und
zu lesen ist.

Aber cs redet nichts und redet nichts, soviel auch der Gelehrte
darüber grübelt und studiert.. . .

Und doch l plötzlich muß es dennoch ZN reden angefangen
haben. Denn mit einemmal verklärt sich des greisen Mannes
ganzes Gesicht und wird völlig wieder jung dabei. Und plötzlich
sicht da auch er wo einen jungen Studiosen iu's Städtlein
ziehen, das Ränz'l auf dem Rücken. Auch ihm lacht irgendwo
ein süßes Gesicht aus dem Fenster, wie es holder die Melt nicht

gekannt. Und feines Herzens allcrtiefflcr Schrein springt aus
und der jungen Liebe ganzer Gold- und Juwelenschatz flutet
daraus hervor. Die Vögel singen. Die Bäume und Büsche
sprießen und die Welt ist der Seligkeit voll.

.... Mic lang er so geträumt,
er weiß es selber nicht. Aber auf
einmal, durch einen Stnudenschlag
erschreckt, wacht er auf und schaut
staunend aus das Blatt vor ihm und
sieht und sicht — ja, wahrhaftig,
da sieht er, wie feine eigene Hand,
des Merkes selber unbewußt, in das
andere, von Norbertus schier für-
sorglich freigelasseuo L-Rund eine»
Zweiten, nicht minder lieblichen und
holdseligen Mädchen köpf gezeich-
net hat. . . .

Und da plötzlich erfaßt und ver-
steht er auch des Mönches rätsel-
haft' Tun und lächelt dabei glücklich vor sich hin.

Ja, wer's gedacht hätte, was der Frühling doch dieweilen
für ein gelahrter und tiefsinniger Kommentator und Forscher ist!

v. Memden.

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Das E"
Weitere Titel/Paralleltitel
Fliegende Blätter
Quelle des Titels
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Grafik

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Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Objektbeschreibung
Verschlagwortung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Stockmann, Hermann
Entstehungsdatum (normiert)
1916
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Karikatur
Weltkrieg <1914-1918>
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Creditline
Fliegende Blätter, 144.1916, Nr. 3694, S. 237 Universitätsbibliothek Heidelberg
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