Fliegende Blätter — 196.1942 (Nr. 5031-5056) = 98. Jahrg.

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Der Aktensack

Von Peter Robinson

Als diese Geschichte dem Lerrn Kreisrichter Anton Neubeyser
widerfuhr, gab es — sonst wäre er ja nicht Kreisrichter gewesen —
in Preußen noch keine Amts-, sondern Kreisgerichte. Es gab aber
noch die häßliche Mahl- und Schlachtsteuer, über die sich die Be-
wohner der größeren Städte ärgern mußten; die kleineren Nester
brauchten sie nicht einzuführen, da hätte der Personalaufwand nicht
gelohnt. Es bestanden damals auch erst wenige Kleinbahnen, und
an Motorposten war natürlich gar nicht zu denken; die schlummerten
noch im Schoße einer fernen Zukunft. And schließlich gab es noch
kein Gesundheitsamt, und deshalb war auch noch nicht die Verfügung
erlaffen worden, daß Lebensmittel beim Verkauf nur in sauberes
weißes Papier zu verpacken wären; nein, man durfte dazu Zeitungs-
papier nehmen oder nicht mehr zu verwendende Schriftstücke, und
wenn es selbst alte Liebesbriefe waren. Alle diese Faktoren aber
mußten zusammenwirken, damit die Geschichte zustandekommen konnte
und am Ende auch einen dem Lerrn Kreisrichter Neubeyser ein
befreiendes Aufatmen gestattenden Ausgang nahm.

Die große alte Lafenstadt, in der damals der Lerr Kreis-
richter Neubeyser wirkte, hatte einen ausgedehnten Amtsbezirk,
von deffen äußeren Grenzen in die Stadt zu gelangen, eben
wegen des Fehlens von Kleinbahnen und Motorposten, für
alle jene Leute schwierig war, die nicht
Pferd und Wagen hatten oder wenig-
stens ein Fuhrwerk mieten konnten. Des-
halb konnte das Kreisgericht nicht ver-
langen, daß kleine Frevler, die vielleicht
nur mit einem Taler zu bestrafen waren,
zur Verhandlung des Falles vor ihm er-
schienen. Denn man durfte doch etwa einem
alten Weiblein, das im Walde Lolz ge-
stohlen oder, besser gesagt, genommen hatte,
nicht zumuten, mühselig sechs Meilen hin
und dann wieder zurück zu wandern. Wenn
der Berg nicht zum Propheten kommt, muß
sich der Prophet zum Berge bemühen, und
so fuhr denn der Lerr Kreisrichter Neubeyser
etwa alle zwei Monate einmal hinaus nach
dem Dorfe Schoppau, wo dann Gerichtstag
abgehalten und mit einem Schlage der
ganze Krempel kleiner Vergehen abgeur-
teilt wurde. Begleitet war er dabei von
seinem jeweiligen Aktuar als Protokoll-
führer, und auf halbem Wege gesellte sich
noch der Landreiter hinzu. Der mußte auch
dabei sein, denn wenn die Leute auch vor
dem Kreisrichter und dem Aktuar als Ge-
richtspersonen Respekt hatten — — vor
dem Landreiter hatten sie Angst, und das
war mehr wert und bot sichere Gewähr,

daß Störungen des Gerichtsbetriebes durch aufsässige Elemente
verhindert wurden.

Gewöhnlich genügten zwei Tage für die Verhandlungen. Am
dritten Tage wurden dann noch Klagen entgegengenommen, die
Protokolle noch einmal durchgesehen, sowie sonstiger Kleinkram der
Themis erledigt, und schließlich wurde das ganze Aktenmaterial in
einen großen Sack gestopft, der hinten auf den altmodischen, einer
Postkutsche ähnlichen Wagen des Gerichts geschnallt wurde. Dieser
Sack wurde einfach der Aktensack genannt. Es kam dann aber noch
ein zweiter Sack hinzu, und der hatte einen erfreulicheren Inhalt.
Denn während in dem Aktensack doch nur Verdruß bereitendes,
also am Menschen zehrendes Zeug steckte, kamen in den anderen
prächtig nährende Dinge: Landschinken, Würste, Bauernbrot, ja auch,
wenn die Zeit dazu war, Rebhühner oder ein Lase oder eine Gans.
Diese schönen Sachen kaufte der Lerr Kreisrichter Neubeyser in
Schoppau sehr billig ein, viel billiger, als das in der Stadt möglich
gewesen wäre; ja, die Rebhühner und Lasen bekam er sogar ge-
schenkt — von dem Lerrn Oberförster nämlich, der bei den Ver-
handlungen gegen Forstfrevler als Forstpolizeianwalt aufzutreten hatte.

Man fuhr dann zu später Stunde von Schoppau ab, so daß man
erst nach ein Ahr nachts zu Lause war. Dann konnte man nämlich
für den neuen Tag auch noch Diäten be-
rechnen. Der Lerr Kreisrichter meinte, daß
dies seinem Aktuar, der ja nur 18 Taler
und 20 Silbergroschen Monatsgehalt hatte,
wohl zu gönnen wäre; deshalb richtete er
das so ein — beileibe nicht seinetwegen.

Kurz vor ein Ahr war man also an der
Zollgrenze der Stadt. Da kam ein sehr
schläfriger — wer wollte ihm das ver-
denken! — Beamter an, nach etwa steuer-
pflichtigem Gut zu fragen. Da aber der
Lerr Kreisrichter Neubeyser ganz fest in
seiner Kutschenecke schlief, mußte der Aktuar
die Antwort geben, und sie lautete: „Säcke
mit Akten!" Das genügte; da zudem die
Kutsche als Iustizvehikel bekannt war, wurde
der Fall als erledigt angesehen. Der Lerr
Kreisrichter konnte also — wer schläft, sündigt
nicht! — wirklich nichts dafür, daß für seine
Viktualien keine Steuer entrichtet worden
war. Nun —; und der Aktuar wollte wohl
auch nur wegen der späten Stunde dem
müden Zöllner Mühe ersparen. Aebrigens:
wenn nachher der Lerr Kreisrichter di« beiden
Säcke glücklich in seinem Lause geborgen
sah, überreichte er dem Aktuar aus dem
Futtersack eine ordentliche Wurst. „Zur Stär-
kung nach all der verfluchten Schreiberei!"

Glasschuhe

„Du hast ein Loch im Strumpf — man
sieht es beim Gehen durch die Glassohle."

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Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Glasschuhe"
Weitere Titel/Paralleltitel
Serientitel Serientitel
Fliegende Blätter
Quelle des Titels
Sachbegriff/Objekttyp
Grafik

Inschrift/Wasserzeichen

Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Bauer, Max
Entstehungsdatum
um 1942
Entstehungsdatum (normiert)
1937 - 1947
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Karikatur
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Reproduktionstyp
Digitales Bild Digitales Bild
Rechtsstatus
CC BY-SA 4.0 CC BY-SA 4.0
Creditline
Fliegende Blätter, 196.1942, Nr. 5046, S. 242 Universitätsbibliothek Heidelberg
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