Fliegende Blätter — 22.1855 (Nr. 505-528)

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Die sympathetische Ku

Seifensieder Bieber, indem er sein Licht in aller Verzweiflung, |
um den Pjorten etwas mehr Nachdruck zu geben, ausgeputzt j
hatte und am anderen wieder anzündete, — „das nehme mir !
Keiner übel. Einen hier so lange fitzen und warten zu lassen." >

„Ob er nun die paar Loth Kaffee und Schnupftabak >
noch abwiegt oder das den Lehrjungen thun läßt," brummte :
auch jetzt sein Gegenüber, der Instrumentenmacher Hamm.

„Dreimal herum könnten wir jetzt schon gegeben haben," j
sagte Biber, die Karten zum sechsten Male ausnehmend und
durchmischend, „wenn er nun nicht gleich kommt, schicken wir
ihm den Jungen hinüber, daß er ihn holt."

„So lassen Sie aber nur das verfluchte Mischen sein," !
rief Hamm ärgerlich, — „es kommt ja den ganzen Abend !
kein Spiel wieder zusammen — nein weiß Gott, nun reißt '
mir die Geduld auch bald, so 'was ist zum Auswachsen." ■

Die beiden Männer waren so ungeduldig geworden, daß
sie eben wirklich im Begriff standen, den einen Kellner nach j
ihrem dritten Manne beim Solo, den Matcrialwaarenhändler j
Laur hinüber zu schicken, als die Thüre aufging und dieser,
bleich und elend dabei aussehend, mit verbundenem Kopse und >
vorwärts gebogenem Halse herein in's Zimmer trat, und mehr
aus alter Gewohnheit, als in dem Bedürfniß an der heutigen
Geselligkeit Theil zu nehmen, aus seinen Tisch zuging.

„Na das nehmen Sie mir aber nicht übel Laur, so was
ist denn doch noch nicht dagewescn," rief Hamm in voller j
Entrüstung aus, „eine volle Stunde sitzen wir schon hier." —

„ttnb wie sehen Sie aus, Mensch? — was fehlt Ihnen
denn?" rief Bieber, dem das kläglich-traurige und verbundene
Gesicht des sonst so munteren, lebendigen kleinen Freundes
auffiel, „was ist Ihnen denn passirt?"

„Ach, lassen Sie mich zufrieden," sagte Laur, sich auf
seinen Stuhl, aber halb abgewandt vom Tische setzend, indem
er das rechte Bein über das linke schlug, seinen Ellbogen auf
das Knie, und seinen verbundenen Backen in die hohle Hand
stützte; „ich habe furchtbare Zahnschmerzen — schon seit heute!
Morgen, und weiß gar nicht was ich anfangen soll."

„Lassen Sie sich den verdammten Knochen hcrausziehen,"
sagte Hamm ärgerlich, — „was thun Sie damit im Munde;
— nebenan wohnt ein Zahnarzt, in zehn Minuten können
Sie wieder da sein."

„Wahrhaftig, Laur," sagte Bieber, „gehen Sie hinüber
zum Zahnarzt, im Handumdrehen ist so ein Zahn heraus."

„Ach, thun Sie mir den Gefallen und sprechen Sie gar
nicht davon," sagte Laur, unmuthig auf seinem Stuhl hin
und her rückend, — „Hand umdrehen, Hals umdrchen, ich
kann den Kopf nicht einmal zurückbiegcn, ich habe einen
Hercnschuß."

„Na und was sonst noch?" rief Hamm, „so kommen
Sie wenigstens und setzen Sie sich herum, beim Spiel ver-
gessen Sie Ihre Schmerzen."

„Nein, um Gotteswillen," rief Laur, „mir ist's nicht wie
Spielen heut' Abend, ich wäre gar nicht herüber gekommen,
wenn ich nicht gewußt hätte, daß Sie auf mich warteten."

„Und da haben wir nun was davon," sagte Hamm,
ungeduldig die Karten vor sich aus den Tisch werfend.

„Wir können doch nicht zu Bett gehen, wie die Pferde,
ohne unsere Parthic gemacht zu haben," meinte Bieber.

„Oh Gott, oh Gott," klagte Laur, mit dem rechten
Fuß dabei auf und nieder fahrend, „das ist doch gerade als
ob's Einen mit Messern durch den Kinnbacken stäche."

„Haben Sie denn schon Nelkenöl versucht?" frug Hamm
wieder, „wenn Sie davon einen Tropfen auf Baumwolle und
in den hohlen —"

„Ach, ich habe Alles versucht, es hilft nichts."

„Auch Chreosot? — das ist ganz famos, stinkt nur
ein Bischen; wenn Sie davon einen Tropfen auf Baumwolle
und in den hohlen —"

„Ich sage Ihnen ja, ich habe Alles versucht," rief
Laur, ungeduldig werdend.

„Wenn Sie nun den Mund voll Wasser nähmen und
sich auf Köhlen setzten, bis das kochte," meinte Biber ruhig.

„Ach, gehen Sic zum Teufel!" rief Laur, ärgerlich wer-
dend, „Sie sollten nur einmal auszustehen haben, was ich
ausstehe. Aber Donnerwetter, das zieht hier, ich will mich
hinter den Ofen setzen."

Er stand auf und ging hinter den Ofen, während die
beiden Männer, ohne Spiel heute Abend, an dem Tisch
allein zurückblieben. Bieber trommelte auf dem Tische mit den
Fingern einen Marsch, und Hamm zog an seiner Cigarre, bis
sie über und über glühte und warf sie dann auf die Erde.

„Re das ist zu langweilig," rief er endlich, von seinem
Stuhl aufstehend und im Zimmer herumgehcnd, „mit dem
ist heute Abend aber auch gar nichts anzufangen, da kann
man eben so gut heimgehen."

■ Sie gingen aber nicht, sondern drückten sich den Abend
in höchst ungemüthlicher Laune im Zimmer herum, rauchten
ihre Cigarre oder Pfeife, ttanken ihr Bier und ärgerten sich
über Laur, der hinter dem Ofen saß, seinen Backen hielt und
stöhnte.

Um zehn Uhr gingen sic alle nach Hause, Laur aber
wurde von den beiden Freunden noch einmal ermahnt, sich die
Nacht hübsch warm zu halten, daß er morgen auf dem Zeuge
wäre, und dann besonders morgen Abend nicht so spät zum
Solo käme."

Der nächste Abend brach an; wieder saßen Hamm und
Bieber im goldenen Löwen und warteten auf den Gefährten ;
heute freilich nicht so lange wie gestern, denn Laur kam bald
nach der gewöhnlichen Zeit , wieder aber mit verbundenem
Kopfe, und hatte er gestern gestöhnt und elend ausgesehen, so
war bas heute Abend gerade noch einmal so schlimm.

„Wenn Sie Sich doch nur den nichtswürdigen Knochen
wollten herausrcißen lassen," fluchte Hamm wieder, die Karten
auf den Tisch.werfend, „die Geschichte wird nun schon lang-

„Heraus reißen lassen," brummte Laur, „Sic - haben
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