Fliegende Blätter — 24.1856 (Nr. 553-576)

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XXIV. B-
Sqr.

Der verhangnißvolle Bleistift.

(Schluß.)

„Doch ich will davon reden," fuhr er fort, „und diese
Sache aufs Reine bringen, das ist der Zweck meines Hierseins.
Sie werden, wie ich mit aufrichtiger Theilnahme vernommen,
mit der hiesigen Postmeisterei auch die Posthalterei übernehmen.
Dazu gebrauchen Sie Geld, viel Geld, und so viel ich weiß,
haben Sie dessen wenig."
„Herr, das ist meine Sache!" unterbrach ich ihn hier
wieder.
„Hören Sie mich doch erst ruhig an," fuhr er fort, „ich
biete Ihnen zu diesem Geschäfte ein Darlehen von acht Tausend
Thalern an, in derselben uneigennützigen Weise, mit der Sie
mir in der Brandnacht geholfen haben."
„Herr! ich danke Ihnen," sprach ich mit unterdrückter
Rührung, aber fest entschlossen, sein Anerbieten nicht anzunehmen.
„Ich hatte einst den Muth, Sie um ein Brod zu bitten und
nun kommen Sie und bieten mir einen Stein an."
„Auch diesen Gegenstand will ich mit Ihnen besprechen,"
fuhr er fort, ohne durch meine Weigerung verletzt zu sein.
Er trat dabei näher zu mir an das Sopha heran und ergriff
meine Hand. „Herr, lieben Sie denn meine Tochter als ein
ehrlicher zuverlässiger Christenmensch, der sich vorgenvmmen, ein
treuer Gatte und guter Familienvater zu werden? Sie wissen,"
setzte er mit etwas zitternder Stimme hinzu, „ich alter Mann
habe nur dieses einzige Kind und dabei Vorurtheile gegen
Leute Ihres Standes."
„Herr! der Himmel ist mein Zeuge," erwiderte ich auf
diese sonderbare Frage des Alten nicht ohne einen eigenen An-
flug von Rührung, „ich wäre ei» grundglücklicher Mensch ge-
worden durch den Besitz Ihrer Tochter und glückliche Leute
werden gewöhnlich treue Gatten und gute Hausväter."

„Nun!" sagte er feierlich, „so machen Sie's mit dem !
Mädchen ab; mein Segen soll Ihnen nicht länger fehlen."
„Aber mein Gott, ist's denn wahr?" rief ich vom Sopha
aufspringend und fast betäubt von der so unerwarteten Eröff-
nung aus. „Welchem Umstande verdanke ich denn diesen glück-
lichen Wechsel Ihrer Stimmung gegen mich?" und fiel dem
alten Manne mit dem Ungestüme eines sechzehnjährigen Men-
schen und wie berauscht um den Hals, so daß wir beinahe zu-
sammen in der Stube niedergefallen wären. Als er sich aus
meinen allzustürmischen Umarmungen einigermaßen gerettet hatte
und wieder zu Worte kommen konnte, antwortete er still für
sich hinlachend: „Sie wollen wissen, Herr Sohn, wem Sie
diesen Umschwung in meinen Entschließungen zu danken haben?
Einem Bleistifte!"
„Einem Bleistifte?" rief ich nun meinerseits mit eben
der Verwunderung in Blick und Mienen aus, wie Jhr's Alle
vorhin beim Beginne meiner wahrhaften Historie gcthün.
„Ja!" erwiderte er, „einem Bleistifte der sonderbarsten
Art. Hören Sie mich an; ich will nichts vor Ihnen auf dem
Herzen behalten, und Gott möge es so fügen, daß auch Sie
künftig als mein Schwiegersohn mit derjenigen Offenheit immer
zu mir sprechen, die die reellste Grundlage aller soliden Ver-
bindungen ist. Ich läugnc nicht, die von Ihnen und, wie ich
wohl bemerkte, auch von meiner Tochter gewünschte und von
meiner Frau begünstigte Verbindung hatte durchaus meinen
Beifall nicht. Die Gründe kennen Sie; ich habe Sie Ihnen
als ein ehrlicher Mann offen herausgesagt. Gegen Ihre Person
hatte ich nichts, nur gegen Ihren Stand. Daß nicht bloßes
Vorurtheil, nicht Eigenwille, sondern pflichtmäßige Erwägung
und väterliche Sorge für das dauernde Wohl meines einzige»
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