Fliegende Blätter — 24.1856 (Nr. 553-576)

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Herrn Graf's Tagebuch über eine Reise nach Prag und Wien.

wurde auch meine Schitzenhaubtmannslibereh mit eingcbackt,
denn ich dachte: man kann es doch nicht wissen, ob man nicht
einmal hier oder da wird mit an den Hof gezogen, wie dieses
die regirenden Häubter mit großen Reisenden sehr oft zu thun
siegen. Und daß ich nicht zu die kleinen Reisenden gehere,
dieses sagt mir immer mein Schneider, welcher allemal vor
mich zu einen Baar Hosen will eine Elle Tuch mehr haben,
als vor jeden Andern, welches aber eigentlich nicht hierher
gehert.
An einen sehr schönen Tage betraten wir also alle Dreic
den Dambfwagen und setzten uns in Bewegung. Ich hatte mir
ein kleines Fäßchen Meißner Landwein mitgenommen, damit
man unterwegs ein Schlickchcn hat. Fritze war mit ein haus-
backenes Viergroschenbrod nebst kalte Kiche beladen und Kohle
brachte zwei Ris Pabier vor sich hergewelzt, weil er sich be-
schlossen hatte, von jeder Merkwirdigkeit eine Skieze zu machen.
Jetzt machte die Lokamitiefe einen Fiff und Hui saßen wir
in Bewegung und sagten noch unser geübtes Pirne ein Lcben-
siewohl.
Obgleich ich ein großer Freind von Magengenissen bin,
so ziehe ich doch immer die schöne Natur vor, welches ich auch
jetzt that, wo wir durch die säcksische Schweiz fuhren und ich
bin ordentlich stols darauf, in eine so schöne Gegend in der
Nähe von die Bastei und den Kuhstall geboren geworden zu sein.
In unfern Eisenbahnkuhbö sas noch ein andrer Herr,
welcher sich auch die schöne Gegend ansah, aber wie es mir
scheinen that mit sehr gethcilte Gefihle und zweifelnde Emfin- !
düngen. Denn wie wir in Herrnskretschen waren, drehte er
sich auf einmal zu mir und sagte:
„Aberst jutestcs Männecken," sagte er, „kommen wir denn
nu man balde in die sojenannte sächsische Schweiz?"
„Sie entschuldigen, sagte ich, „aber da sein wir eben
durchgckommen. Hier ist sie nun schon ziemlich alle geworden."
„Na, wenn det weiter nischt war, dann hätte ick mich
ooch nich den Hals hier an des Fenster zu verdrehen brauchen,
denn des malt Jropius man viel besser bei uns in Berlin,"
sagte der Fremde.
Aus sein gebrechliches Deitsch hatte ich schon bemerkt, daß
dieser Herr ein Berliner war, warum ich mich beleidigt fihlte
und ihn sehr grob sagte:
„Aber, hören Sie einmal, mit Ihren Bischen Kreizberg
bei Berlin können Sie sich auch nich mausich machen, sonst
schicke ich Sie einmal den Hausknecht aus den schwarzen Adler
in Pirne nach Berlin und der kehrt Ihren Kreizberg mit seinen
Stallbesen in einer halben Stunde in Ihre alte , dreckichte
Spree."
Dadurch hatte ich aber den Berliner inbohnirt, denn ich
sah ihn ordentlich im Innern seinen Aerger an. Ich beleidige
aber nie nicht gerne keinen Menschen, und da wir jetzt an-
fingen zu frihsticken, so gab ich de» Berliner auch ein Stick
kalte Kiche und einen Schluck Meißner, wodurch wir wieder
ausgesehnt werden thaten und er tadelte jetzt auch nicht mehr
Alles, sondern er fragte sogar: ob das unsere beste Sorte
Meißner Landwein, were, und als ich Ja sagte, da sagte er:

„Nu da jicbt es bei unfern Jrüneberger doch noch eene schlech-
tere Sorte." Das läßt man sich also doch eher gefallen, als
wenn Einer Alles schlecht macht. Er sagte uns auch, daß er
Spreeberger heißen thctc und auch mit nach Wien machen wollte,
wo wir nun also gleich einen Reisegeferden mehr hatten.
Aber vor der östreichischen Grenze hatte ich eine furcht-
bare Furcht, weil ich davon gehört hatte, daß man da die
Menschen bis in das Innerste hinein untersuchen und auseinan-
der legen thete, damit daß keine Konnderbande in das Land
sollte eingeschmuchelt werden. Ich hatte sogar erzehlen hören,
daß sie lange Spise hetten, wodamit sie Einen durch den Bauch
stechen, so daß sie sehn, wie auch innewendig nichts gebascht
werden darf. Ich zitterte also immer mehr, wie wir an die
Grenze kamen, so daß mir in Bodenbach immer die Zehne
klabbcrten, denn ich dachte, nu» geht es an das Leben und ich
bercihte es schon, nicht zu Hause geblieben zu sein. Aber wir
kamen noch so leidlich mit den Schrecken davon, denn sie tha-
ten uns nichts, sondern fragten blos, ob wir nichts Steier-^ ^
baares nicht bei uns hetten, wobei sie gans besonders auf mein
kleines Fäßchen Wein hinschielten. Da ich ihnen nun sagte,
daß dieses Wein für unser» heislichen Gebrauch wäre, so sag-
ten sie, sie müßten dieses untersuchen, worauf ich ihnen ein
Glas von meinen Meißner Landwuchsc einschenkcn that. Wie sie
dieses aber kosteten, sagten sie blos: „Brrrr! dös is halt Essig,
der geht frei ein." Und wie ich ihnen noch einmal zu trinken


anbot, da liefen die semmtlichen Herrn Steierbeamten wie in
einer Todenangst davon, so daß wir frei basiren konnten. Aber
den Berliner Spreeberger hatten sie vorher noch wegen Zigar-
ren gestraft, die er hat hinüber bäschen wollen. Es half ihn
auch nichts nicht, daß er sagte: er were krank und müßte vor
seine Gesundheit rauchen, sondern man sagte ihn, daß er dazu
in Oestreich schon auch rechte gesunde Zigarren und Rauchtobake
bekomnten kennen thete. Weshalb aber Spreebcrger sehr schimpfte
und sagte: daß dieses in Berlin doch „janz anders" were.
Nachdem der Berliner sich in sein gekränktes Herz nnt
Rehsohniren ein Luftloch gemacht hatte, so beschlosen wir uns
nun auch auf fremden Grund und Boden lustig zu machen und
setzten uns zur Tafel, was aber auch für einen Fremden schwie-
richt ist, weil man die fremden Sbeisenamen nicht kennt, daß
man manchmal Suppe meint und Salat kriecht oder umgekehrt.
Aber der Wein war da nicht schlecht und hics die eine Sorte !
wohl sogenannter Mehlnickeler und eine andere Scheernochsecker, i

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"Herrn Graf's Tagebuch über eine Reise nach Prag und Wien"
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Fliegende Blätter
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G 5442-2 Folio RES

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Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Stauber, Carl
Entstehungsort (GND)
München

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Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Zoll
Geschmack
Ekel
Landesgrenze
Wein <Motiv>
Karikatur
Reisender <Motiv>
Satirische Zeitschrift
Meißen
Thema/Bildinhalt (normiert)

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Fliegende Blätter, 24.1856, Nr. 566, S. 106 Universitätsbibliothek Heidelberg
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