Fliegende Blätter — 24.1856 (Nr. 553-576)

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Herrn Gras s Tagebuch über eine Neise nach Prag und Wien.
(Fortsetzung.)

Der große General Wallenstein, welcher seiner Brauchbar-
keit wegen von den Kaiser in den dreißigjährlichen Krieg ge-
schickt wurde und deshalb noch heutzutage oft zu Rohmanen,
Opern und Trauersbielen benutzt wird, hat auch in Prag ge-
lebt und muß hier ein sehr fidehlcs Leben geführt haben, wo-
von man die Ueberbleibsel noch jetzt in seinen Ballast bemer-
ken kann, so wie auch sein ausgestobftes Pferd und seine Ge-
mahlin, welche letztere aber nicht etwa auch ausgestobft, sondern
hingegen mit Oelfarbe als Bohrdreh an die Wand aufgehängt
ist. Auch ist der dabei sich befindliche Garten sehr merkwir-
dig und ganz in den vorweltlichen Geschmacke angelegt, wie es
in jene bewegten Zeiten so Mode gewesen ist.
Schiller soll besonders auf einen sehr freindschaftlichen
Fuße mit dem alten Wallenstein gelebt haben und hat ihn auf
den Todcnbette noch versprechen missen, ihn nach seinen Tode
als Trauersbiel zu bearbeiten und auch womöglich noch ein
Vorsbiel dazu zu machen, was man Wallensteins Lager nennt.
Denn Wallenstein soll immer Angst gehabt haben, daß er nach
seinen Tode in die Hende von die franzesischen Schausbiel-
dichter thete fällen kennen, welche ihn freilich nicht ibel wirden
verarbeitet haben und keinen guten Faden an ihn gelassen.
Schiller hat aber sein Versbrechen gans ehrlich gehalten
und er wird noch Heute gegeben, was ihm freilich auch nun
nichts mehr nitzt, da es jetzt blos in die Theaterkassen stießt.

In den alte» verreicherten Bulverthurme sollen die Pra-
ger bei dem dreißigjährlichen Krieg haben von einem Mönche
das Bulver erfinden lassen, woher er auch seinen Namen hat.
Ob dieses aber währ ist, das glaub ich auch noch nicht.
Denn die Prager haben schon Vieles wollen erfunden haben.
Unter Andern Kleinigkeiten soll auch die Buchdruckerkunst hier

gemacht sein, woriber aber unser Einer als geschichtlicher Sach-
verstendiger nur die Akseln zucken und lccheln kann. Mit den
Asirohnomikus Tischodeprag ist es vielleicht auch nur so eine
Aufschneiderei, denn wenn man solche Sachen hört, wird man
zweifelhaft und mistrauisch. Da Moses auch ein Prager soll
gewesen sein, so werden sie gewiß behaubten, daß die Efa auch
eine geborene Pragerin ist und vielleicht hierzu Lande Nannerl
geheisen hat.

Mit besondere Befriedigung hätten wir Abends eine sehr
schöne Bierknetbe gefunden, wo wir es uns recht wohl schmecken
ließen. Das sogenannte Pilsnerbier war sehr gut und wir
tranken immer eine Halbe nach der andern. Bei diese ange-
nehme Bescheftigung war es so um die Mitternacht herum ge-
worden, wie wir wollten zu Hause gehn und diese freindliche
Kneibe verliefen.
Wie wir nun aber jetzt in die dunkle freie Natur her-
austreten thatcn, da wußten wir freilich nicht mehr, wo wir
waren und in welches von die verschiedenen Stadtviertel wir
uns befanden. Es entstand deshalb auch unter uns rin lan-
ger Streit, denn der Eine behaubtete, wir mißten uns mehr
nach Sieden halten, und der Andre sagte, wir wohnten mehr
in die nerdlichte Gegend. Spreeberger aber meinte, der eng-
lische Hof, wo wir wohnten, geherte gans in die ehstlichte
Richtung, wie man es am Tage auf der Landkarte gesehn
hette.
Wir warm immer noch über unfern Streit nicht einig
als glicklichcr Weise ein lebendiges Wesen durch die Nacht sich
uns nährte, welches bei genaurer Betrachtung ein Mann war.
Ich beschloß mich an ihn zu wenden und fragte ihn sehr hef-
lich, „Sie sind wohl so frei und entschuldigen wo wir nach den

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