Fliegende Blätter — 25.1856 (Nr. 577-600)

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Die Puppe. 115

zum Fenster hinausgeschaut, habe ste sogar genießt. Da hätte
sie es aber im Zimmer nicht länger aushalten können; sie sei
hinunter in die Küche zur Margareth gelaufen und habe der
Herrschaft noch an demselben Abend ihren Dienst gekündigt.
Die Madame habe auch das Nießen ganz natürlich gefunden
und ihr noch dazu Vorwürfe gemacht: sie hätte wahrscheinlich,
wie sie sagte, das Fenster ausgelassen und das Kind sich nun
erkältet, und den Abend bekam es Fliederthee und mußte sich
früh zu Bett legen, um zu schwitzen.

Die Thatsache, daß etwas Aehnliches in dem Hause
vorgehe, ließ sich nicht mehr läugnen, und das Stadtgespräch
beschäftigte sich ein halbes Jahr angelegentlich mit den Einzeln-
heiten, wobei natürlich die fabelhaftesten Sachen dazu erfunden
wurden. Nichts destoweniger beharrten die alten Leute, die sich
jetzt von der übrigen Welt fast ganz abgeschieden hielten, bei
ihrem harmlosen Treiben. Ebenso gewiß war es, daß die
Puppe wuchs oder größer gemacht wurde. Ste hatte jetzt,
wie man durch die Köchin erfuhr, die Größe eines vierzehn-
jährigen Mädchens und wurde demgemäß behandelt, ja bei einer
in H. vorgenommenen Volkszählung gab der alte Herr dieselbe
sogar als wirkliches Kind unter dem Namen Louise an.

Zwei Jahre vergingen hiernach wieder, da starb der alte»
Diener im Haus. Der Leiche folgte das alte Ehepaar zum
Gottesacker, und im festverschloffenen Wagen saßen die beiden
alten Leute mit einem dicht verschleierten jungen Mädchen, das
in die eine Ecke gelehnt war und das Tuch vor die Augen hielt.

Das Gerücht, daß die Puppe ausgefahren sei, durchlief
im Nu die ganze Stadt, und eine Masse Menschen eilten
hinaus nach dem Kirchhof, das mit anzusehen. Aber schon
unterwegs begegnete ihnen der Wagen wieder, dessen Fenster
jetzt inwendig verhangen waren, und als er im Thorweg der
Wohnung verschwand, wurde dieser geschloffen, ehe die im
Wagen Sitzenden ausstiegen.

Noch hatten sich die Bewohner von H. aber nicht darüber
beruhigt, als eine Annonce in der Zeitung ihre Neugierde wie
ihr Erstaunen auf's Neue beschäftigte.

Puhlmanns, wie das Ehepaar hieß, suchten darin einen
- jungen Hauslehrer, der mit einem vortrefflichen Gehalt zu
! ihnen ziehen und den Unterricht ihrer Tochter leiten sollte.

Das warf aus einmal das ganze Märchen von der Puppe
über den Haufen, denn für einen ausgestopften Balg mit einem
Wachskopf brauchte man keinen Erzieher. Nichts destoweniger
beharrte eine andere Parthei auf ihrer Meinung, während die
Frommen, von denen es eine nicht unbedeutende Zahl gab,
i augenblicklich nach der Polizei schrieen, weil das „Gottes-
! lästerung" sei.

Die Polizei war aber vernünftiger. Sie sah nicht
den geringsten Grund gegen die sonst ruhigen und wackeren
Leute einzuschreiten, die Alles zahlten, was man von ihnen
verlangte, und den Armen dabei mit vollen Händen streuten.
Bessere Unterthanen konnte sie sich gar nicht wünschen und die
Puppe, lieber Gott, über die Erziehung der Kinder zu guten
Staatsbürgern gab es überhaupt verschiedene Ansichten.

Wie dem auch sei, die Annonce stand in der Zeitung und

es blieb keine drei Tage mehr ein Gehcimniß, daß der Hauslehrer
wirklich für die Puppe gesucht wurde. Drei junge Leute hatten
sich nach und nach zu der Stelle gemeldet, sich aber auch, als ;
sie den wahren Sachverhalt erfuhren und ihrem künftigen Zög- !
ling vorgestellt wurden, wieder zurückgezogen. Ein vierter, ein
junger Theolog, hielt es endlich für seine Pflicht, den armen kinder- j
losen Eltern, die an solchen Wahn ihre Liebe hingen, dadurch !

! Trost zu bringen, daß er ihnen zu Willen sei. Schon am
zweiten Tag wurde ihm aber „von oben her" bedeutet, daß er !
seine ganze künftige Stellung gefährde, wenn er sich auf etwas !
derartiges Abnormes einlaffe, und er verließ ebenfalls das Haus. !

Der armen Teufel, die mit Kenntnissen ausgestattet, und
dem Drang ehrlich durch die Welt zu kommen in sich, doch ]
am Hungertuch nagen und kauen müssen, wie sie von Tag zu [
Tag ihr Leben fristen sollen, gibt es aber so viele auf der
Welt, daß es gar nicht lange dauerte, so meldete sich ein
mit den ganzen Verhältnissen schon vorher bekannt gewordener
junger Philolog, der die verlangten nöthigen Kenntnisse besaß,
und mit Sack und Pack — sein ganzes Besitzthum war ein
winzig kleines Köfferchen mit etwas Wäsche und einigen Bü-
chern — bei Puhlmanns einzog.

Drei Wochen wohnte er dort im Haus, ohne daß irgend
Jemand ihn auch nur gesehen, oder ein Wort von dem er-
fahren hätte, was jetzt darin vorging, als der „junge Doktor"
eines Abends, todtenbleich und mit verstörtem wirren Blick in

seiner alten Wohnung wieder anlangte, sich zu Bett legte und
einen Arzt verlangte. Ehe dieser gerufen werden konnte, fing
er an zu phantasiren und lag im wildesten Fieber die ganze
Nacht hindurch.

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Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Die Puppe"
Weitere Titel/Paralleltitel
Fliegende Blätter
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Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Muttenthaler, Anton
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Privatlehrer
Stadt <Motiv>
Staunen
Verzweiflung <Motiv>
Platz <Motiv>
Marktfrau
Karikatur
Puppe
Unterricht
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

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Fliegende Blätter, 25.1856, Nr. 591, S. 115 Universitätsbibliothek Heidelberg
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