Fliegende Blätter — 30.1859 (Nr. 705-730)

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bei Leibz'g, denn ich muß mit Dir reden. Ich habe
nenilich irgend wo ä Schatz vergraben, denn »vollen mer
theelen, aber schreiben kann mer nich, wo cs is, weil'n
sonst Andre suchen. Komm nur gleich nach unser Lager,
hosscntlich lebe ich noch, wenn ich bis dahin nicht tod bin.

Tein Bruder

Millergnstavchen.

Wie ich Sie nn den Brief so lesen that, da war mer's
als ginge s'ganze Haus mit mir in ä Kreise 'rum. Aber
Meester Schubert sagte: Miller, machen Sie meinswegen noch
heite Abend fort un nehmen Sc ä Eensbenaer, da missen Se
eilen, ich will Sie das Geld borgen was cs kosten kann. Na,
ich nahm das ooch an un kntschirte nu druff los, zwee Tage
und zwee Nächte. Wie ich balde ran war bis Leibz'g, da
herte man nur de Kanonen un das Geschrei bis uff drei vier
Meilen weit un wie ich mich crkundgen that, hieß es: „Na-
bolijon is Heike fortgemacht un sei ganzes Armeekohr ge-
schlagen." Das freite mich damals schändlich un ich lies mir
gleich ä Schnaps un meinen Ferdc eene Meetze Hafer geben
nn dann machte ich mein'swegen nu weiter nein in's östrcich-
sche Lager. Se wollten mich iberall uffhalten nn arretiren,
wenn ich aber sagen that: „ich will zu meinen Bruder,
Millergustav hccßt er und Leitnant is er bei der Artullerie"
da ließen Sc mich allemal los. Hären Se, aber eh' ich
Sie durch das ganze Heer dorchkam, das war meinswegen eene
schwere Usfgabe un immer that's Heeßen: „Miller? Miller-
I gnstav? Ja Millersch haben mer viele bei der Armee, da
: missen Se sich selber ä Bischen mit umsehn." lln während
der Zeit ging immer im Hintergründe de Kanonade nn de
Reterade von de Franzosen Vorwerts. Ach, das kann- ich Se
sagen, das war ä schauderhaftger Anblick, so die Berstimmcltcu
j un die Verwundeten liegen zu sehen. Ta lag unter Andern
Eener da, ä französischer General mit gewiß ä Dutzend Or-
dens ufs der Brust, denn hatten sie 'n Kopp weggeschossen nn
dabei lebte der arme Deisel immer noch und bat mich meins-
wegen wie ich vorbei ging, daß ich'n sollte doch ä Glas Bier
oder Wasser verschaffen. S'that mehr zwar sehre leed um den
armen Menschen, aber ich konnte mich nicht uffhalten, weil
ich doch erst vor Allen meinen Bruder Gustav finden wollte;

! i° lief ich Sie nu immer weiter, bis fast an Leipz'g ran un
wie ich da wieder meinswegen eben nach den Artullcristcnleit-
nant Miller fragen thue, da dreht sich ufi een Mal ä scheuer
großer Kerl um un sagt: „Jh Gottlieb? Seefensieder! bist
Du's denn werklich?" — „Na versteht sich, bin ich's", sagte
ich nn nu umarmten mer uns, daß die ganze östreichsche
Armee gerihrt worde. Gustav ließ sich nu glei ablösen un
sagte: „Nu komm, Gottfried, ich habe grade noch meinswegen
eene Stunde Zeit, aber dann muß ich wieder fort und Na-
bolijonen verfolgen. Bis dahin wollen mer uns ä Bischen
was erzehlen." — Nn mußte ich'n also erst meinen Lebens-
loof herdeklemiren un dann sagte ich: „Nn sag mir aber ooch
nur ä Mal, wie is denn Dir gegangen?" „Jh", sagt er,
das will ich Dir gleich erzählen; komm mer wollen uns dazu
hier ä Bischen in'n Schossehgraben setzen. Ich weeß den Fleck

noch wie heite; s'war uff der Schösset) nach Tauche! Ich setzte
mich oben an'n Rand von den Graben und unten in Graben
lag eene große, dicke Kanonenkugel, eene Bombe nennt mersch
>vic meinswegen Gustav sagte, un nsf die Bombe that er sich
setzen. „Ei, Herr Jeminechens," sagte ich, „Gustav setze Dich
doch nich uff so eene Kugel, ich dechte die roochte sogar noch."
Aber Gustav that mich anslachen und sagte, ich wäre ä Ha-
senfuß. Nu ging aber s'Erzchlen los.

„Siehst'e," sagte er, „wie ich in Altenborg meinen
Schuster Solinger durchgebrannt war, da machte ich Dir in
de Welt 'nein, ohne daß ich meinswegen wissen that, wohin.
Wie ich so ä paar Tage gcloofen war, da kommt mir aber
ä Schangdarme in'n Weg und fragt mich nach de Lektimazion.
Ta ich nu kecnc nich hatte, so arretirte er mich un ich mußte
drei Tage sitzen un zwar war das behmesch, denn ich war
bis nach Behmcn gekommen. Nu fragten se mich, wer ich
were und was ich meinswegen wollte, aber ich that nich ant-
worten, weil ich dachte, sic thetcn mich dann wieder nach
Altenborg zu Solinger» schaffen. Wie ich nu so gar nich
reden that, da setzt es ä Mal fünfunzwanzig aus'n Fcffcr
und dann steckten se mich unter s'Militeer als Dambohr. Aber
das war mir grade recht un es dauerte ooch gar nich lange,
da derfte ich unter das merkliche Militär treten, Ivo ich mir
j nu de Artullerie wehlte. Na, blede war ich ooch nich nn da
habe ich mich mehre Male so vorgethan, daß ich meinswegen
immer ä Bischen awanksiren that, bis ich's nn zum Leitnant
gebracht habe."

„Nee, Du bist doch ä wahrer Mordskerl," sagte ich, „das
hette Eens gar nich in Dir gesucht. Aber sag ä Mal -
riecht's nich ä Bischen wie verbrannt? Hast Tn vielleicht eene
Towaksfeife in der Tasche?"

„Gott bewahre," sagte Gustav, „ich weeß gar nich was
Du so 'rum schnobberst, ich rieche doch nischt niche. Nu kommen
mer uff den Haubtpufikt, nemlich uff den Schatz, den ich
vergraben habe un den wir briderlich theelen wollen. Aber
ich muß Der erscht erzehlen, wie ich derzu gekommen bin.
Wie mer nemlich in dieses Frihjahr ä Mal in de Lausitz Ba-
trullche ritten, sahn mer ä feindliches Bicket mit ä viersbennigen
Wagen. Halt, sag ich zu meine Soldaten, Kinder, da machen
mer uns dran! Un nu saußten mer druff los, daß die lum-
bichen Baar Franzosen balde in Stücke gehauen waren. Nu
hatten mer also den Wagen als Beite un niachten uns driber
her. Wie ich 'neingucke, ist der ganze Wagen voll Geldsäckc
un geherte also wahrscheinlich zur Kriegskasse. „Kameraden,"
sage ich, „da theelen mer. Greift zu!" Na, das ließ sich
Keener nich zwee Mal sagen un ich hatte uff meinen Theel
ungefähr vier bis fünf ticht'gc Säcke. Wie ich eenen davon
uffbinden that, waren lauter Goldstücke drinne un in de
andern ooch. Also konnte wohl s'Ganze so ä zwanzig bis
drcißigtausend Thaler sein."

Ich war ganz verblifft vor Erstaunen, wie mei Bruder
Gustav das erzählen that; aber da roch mir's ooch schone
wieder so brenzlich un s'war mir als roochte hinter Gustaven
seine Uniform. (Schluß solqt.)

Was sich Stürzenbechers Stammgäste erzählen.
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