Fliegende Blätter — 31.1859 (Nr. 731-756)

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Der He

Doch Alles hat seine Zeit. Dem guten Scelcnhirten war
über dem Predigen und Katcchisircn unvermerkt das Alter ge-
kommen. Sein Haar war grau und immer grauer geworden,
die Gemeinde hatte ebenfalls ihre Alten zu Grabe getragen
und sich durch die nachrückende Jugend ergänzt, aber etwas
war bei allem Wechsel gleich geblieben : der Geist des Predigers
und der Geist der Gemeinde, und was noch mehr war, die
innige Harmonie zwischen beiden. Und gleich geblieben war
sich auch die Wirksamkeit des närrischen Burschen an der Kirchen-
wand, dem erst dann recht wohl zu sein schien, wenn er von
seinem Visavis auf der Kanzel tüchtig hcruntergemacht wurde.
Denn, wenn man ihn dann ansah, so grinsie er wie vergnüg-
lich einen an, und cs wollte manchem der Bauern bedünkcn,
als habe er ihm recht höhnisch und ächt satanisch ein wenig
zugewinkt.

Und der steinerne Gast hatte gut lachen. Er spreizte sich
nach wie vor in der Vollkraft seiner Glieder, während seinen
Widersacher bereits die bösen Winterstürme wcggcfegt hatten
aus der Mitte seiner Heerde, aus seinem traulichen Psarrhause,
aus dem feuchten, alten Kirchlein, in dein er sich den bösen
Husten geholt hatte, der ihn in seinen alten Tagen quälte,
«ohne Ihm jedoch sein heiteres Gemüth rauben zu könne». Die
Gemeinde weinte au seinem Grabe nicht so fast über ihn, als
in ihm und durch ihn über sich selber. Denn lvlch einen
Geistlichen glaubte sie nie wieder zu bekommen. Und bei der
Leichcnprcdigt, die der Herr Amtsnachbar in der Kirche aus den
Verstorbenen hielt, schaute der eine und der andere der Leid-
tragenden sich verstohlen nach dem Heidenmäunlein um, ob cs
nicht auch etwas betrübt sei über den Hingang des braven
Mannes, der zwar sein Widerpart gewesen und cs bei Gele-
genheit tüchtig ausgcscholten, aber es doch allein jo zu Ehren
gebracht habe.

Nun über dem Todten hatte das Grab sich geschlossen,
und cs dauerte nicht lange, so zog mit Sack und Pack jein
Erbe ein. Der Ruf eines frommen eifrigen Geijtlichcn ging
ihm voran, aber die Bauern achteten wenig daraus. Sie schauten
nur darnach, ob er auch in etwas dem Alten gleiche. Aber da
konnten sie lange Hinsehen, sic fanden nichts Aehnlichcs, nicht
i» seinem Aeußercn, nicht in seinem Wesen, nicht in jcincm
Predigen. Es war alles herbe und streng, nichts Gcmlithliches
und Ansprechendes, ein Eifer um's Wort, ein Betonen des
Dogmas, ein Dringen auf die einzig wahre und richtige Aus-
fastung desselben. Wie vermißten sic die wasscrklarc, anschau-
liche Predigtweise des Alten, wie blickten sie betrübt aus die
Figur au der Wand hin, die nirgends mehr, nicht im Guten,
nicht im Schlimmen in Mitleidenschaft gezogen wurde! Aber
zu sagen wagten sic nichts. Wie hätte» sie sich auch über das
verständlich machen können, was ihnen wohl im Innern klar
war, aber doch so schwer sich in Worte fassen ließ!

So viel hatten sic indeß dem neuen Seelsorger schon ab-
gcmerkt, daß er dem Männlein nicht grün war. Mehrmals
schon hatte er verlauten lassen, wie nöthig es wäre, daß die
nrg in Zerfall gcrathenc Kirche wieder in besseren Stand ge-
setzt würde und dabei angedeutet, daß nicht alles darin so sei,

dcngott. !

wie cs sein sollte, daß sie einer gründlichen Reinigung und
Säuberung in mehr als einer Hinsicht bedürfe, daß man es
ihr eigentlich im Inneren gar nicht ansehe, daß cs eine christ-
liche Kirche sei, und daß es an der Zeit wäre, sie von frem-
dem Beiwerk zu befreien. Die Bauern hatten sogleich gemerkt,
wohin das ziele, aber sich wohl gehütet, etwas darauf zu cr-
wiedcrn, nur der Kirchenpflcger hatte sich einmal das Herz ge-
nommen, zu entgegnen: in dieser Kirche, gerade so, wie sic
sei, habe der Herr Amtsvorsahr zum größten Segen für die
Gemeinde über fünfzig Jahre lang gewirkt.

Dessen hatten sie sich freilich nicht versehen, was nun-
mehr geschah. Als die Glocken eines Sonntags die Gemeinde
wieder zur Kirche riefen, freilich nicht mehr so zahlreich wie
früher, was sahen sic da? oder vielmehr was sahen sie da, nicht
mehr? Der Heidcngott war fort. Da waren noch die eisernen
Klackmcrn an der Wand, an welcher er gestanden war zu
allgemeiner Erbauung, aber die Steinplatte war weg. Kaum
gewann, wer es entdeckte, cs über sich, dem Gottesdienst ruhig
anzuwohnen; wer es nicht bemerkte, dem flüsterte der Nachbar
es in's Ohr, und der Geistliche in der Sakristei wußte nicht,
warum der sonst so kräftige und harmonische Gesang heute so
gar mager und unordentlich ausfiel und vollends am Schlüsse,
als er die Kanzel betreten hatte, in einer so schreckliche» Disso-
nanz endigte. Ebensowenig konnte er begreife», warum nach
Beendigung des Gottesdienstes alles, ehe noch das Nachspiel
zu Ende war, so stürmisch ausbrach und mit so auffallendem
Geräusch hinausdrängte. Er sah mit Befremden von seinem
Fenster aus rings um die Kirche die Bauern in Gruppen zu-
sainmcntreten und eifrig gestikuliren, und war wahrhaft froh,
als eine Deputation, bestehend aus den angesehensten und äl-
testen Gemeindcgliedcrn, den Schultheißen und Kirchenpfleger
an der Spitze, sich von ihm 'eine Audienz erbat. Er gedachte
sie gleich ernstlich zur Rede zu stellen wegen der unziemlichen
Art und Weise, wie sich die Gemeinde beim heutigen Gottes-
dienste benommen hatte. Allein der feierliche Ernst, mit dem
die Deputation eintrat, veranlaßtc ihn dieses Vorhaben sür's
erste auszugcben und abzuwarten, was sie vorzubringen habe.

In bescheidener aber fester Weise begannen sie, der Herr
Pfarrer werde wohl wisse», was sie herführe. Sie komme»
im Namen und Auftrag der ganzen Gemeinde, sich Auskunft
zu erbitten, was aus dem alten Götzenbild geworden sei, das
seit Wcuschengedenken immer an der Wand der Kanzel gegen-
über zu sehen gewesen und jetzt auf einmal, wie sie ver-
muthcn, auf seine Veranstaltung fortgcnomme» worden sei.
Jetzt ging dem Geistlichen ein Licht auf und er war eine»
Augenblick betroffen. Er faßte sich aber schnell und erwiderte
kalt, er habe dieses häßliche und in einer christlichen Kirche
höchst anstößige Bildwerk abnehmen lassen und dem Alter-
thumsvereine in der Hauptstadt zugesandt. Der Schultheiß
antwortete ruhig aber bestimmt, das Bild sei von jeher da
gestanden, eS sei unbestreitbar Eigenthum der Gemeinde, Nie-
mand, auch nicht der Herr Pfarrer, könne ohne ihre Einwil-
ligung über dasselbe verfügen und er müsse ihn daher er-
suchen, eö wieder an Ort und Stelle zu schaffen. Jetzt war

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