Fliegende Blätter — 31.1859 (Nr. 731-756)

Page: 90
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb31/0093
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
90

Nach alt cm Brauch.

Hier im Kreise der biederen Leute, fühlte er sich frei von Allem, was
das Leben auf der Universität Beengendes und Zwingendes hatte,
hier sah er keine hochmüthigen scheel blickenden College», hier gab
es keinen Neid, keine Eifersucht, Alles war offen und gerade, jedes
wirkte eifrig für sich in seinem Thcil und einträchtig mit den
andern zusammen. Auch hatte Alles so schön seine Zeit, daß
dem Belieben nur wenig Raum blieb. Und wie das Leben,
so war auch das Denken der Mensche», ruhig, gemessen, leiden-
schaftslos, Maß und Ordnung haltend.

Seit mehreren Jahren schon war der Gelehrte Hausfreund
und regelmäßiger Gast bei dem Pächter und hatte, so oft er
kam, immer Alles gleich gefunden. Empfang, Herberge, Mahl-
I zeit, Hausordnung, Geschäftsbetrieb, alles war in der alten

; Weise, so daß er beim Wiederkommen kaum meinte, daß wieder

j ein Jahr über diese Häupter weggegangen sei, ein Zeitraum,

der anderwärts oft .hinreichend ist, um Allem eine andere
Physiognomie zu geben. Auch jetzt fand er noch Alles am

selben Flecke, als er wieder am Abende eines heißen Sommer-
tagcs nach vollbrachter Tagesarbcit in den Hof hineinsteuerte.
Der Pächter schüttelte ihm ebenso kräftig wie früher die Hand,
die Hausfrau hieß ihn mit gleicher Freundlichkeit willkommen,
nur die mittlerweile hcraugewachsene Tochter des Hauses be-
eilte sich nicht mehr, wie sonst, ihm die Wange zum Kusse zu
reichen, sondern machte sich im Hintergründe des Zimmers zu
thun und begrüßte ihn nur aus der Ferne. Der Gelehrte, dem
ihr Gruß immer besonders gemundet hatte, sah sich mit einem
fragenden Blicke im Zimmer um, als ob er noch etwas ver-
mißte, und auch der Pächter bemerkte den Abfall von der alten
Sitte sogleich und rief seiner Tochter zu: „Therese, so komm
doch her! Kennst Du denn unseren alten Freund nicht mehr?"
„Doch Vater," antwortete sie, „ich kenne ihn recht gut und
freue mich aufrichtig, ihn wieder zu sehen." Damit schritt
sie auf den Gelehrten zu. Aber als dieser sich das alte Recht
des Kusses wieder nehmen wollte, wich sic ihm geschickt aus
und reichte ihm nur die Hand. Der Gelehrte hatte das Ge-
fühl eines Schützen, der neben das Ziel getroffen hat. Der
Pächter aber, der mit Verwunderung das Benehmen seiner
Tochter gesehen hatte, sprach im Tone des Vorwurfs: „Was
soll das heißen, Therese? Warum thust Du nicht mehr nach
altem Brauch? In meinem Hause dürfen keine willkürlichen
Neuerungen cingcführt werden nach Laune des Einzelnen.
Auf der Stelle sage ich" — „Lassen Sic's gut sein, Freund,"
unterbrach ihn der Gelehrte. „Die Frauenspersonen haben nun
einmal ihre Marotten, das ist noch ein älterer Brauch. Er
datirt sich schon von Evas Zeiten her. Ich behalte mir indeß
vor, selbst mit der Therese ein Wort darüber zu sprechen,
warum ihr der Hausfreund nicht mehr im alten Recht steht.
Vielleicht," fügte er lächelnd bei, indem er an sich hinunter-
sah, „erscheine ich ihr heute etwas gar zu ungcleckt, denn ich
habe in meinem blinden Eifer für die Wissenschaft mit den
Fröschen in den Sümpfen dort außen nähere Bekanntschaft ge-
macht, als mir lieb war." Man lachte. Aber der Pächter
schüttelte den Kopf und sagte: „Was auch der Grund sein
mag, ich kann's nicht billigen. Für heute mag die Sache be-

ruhen, aber zukünftig müssen derartige Neuerungen unterbleiben."

Als der Professor sich zur Ruhe begeben wollte, sprach
der Pächter: „Sie müssen heute schon mit einem kleineren

Gelaß vorlieb nehmen, das Ihrige wird eben neu hergerichtet,
und so haben wir Sie in das Zimmer cinquartiert, das ge-
wöhnlich meine Tochter bewohnt." „Aha," sprach der Gelehrte
bei sich, als er von seinem Wirthc geführt, die Treppe in den
oberen Stock Hinausstieg, „Kino illae lacrimae! da muß ich
morgen mein Möglichstes thun, die zürnende Besitzerin, die ich
vertrieben habe, zu versöhnen." Es war ein kleines nettes Zimmcr-
chen in das er geführt wurde, zwar nur mit vier weißcu
Wände», aber diese waren voll niedlicher Bildchen, meist religiö-
sen Darstellungen, zwischen denen sich künstlich gezogener Epheu
hinaufrankte, der selbst über die mit hübscher Stukkatur ver-
sehene Decke sich hinzog. Auf dem Tisch und an den Fenstern
standen Blumentöpfe und feine weiße Vorhänge mit zierlichen
Stickereien beurkundet«! die geschickte Hand, die sie verfertigt hatte.
Zum Fenster herein begrüßte einen saftiges Grün,, theils von
den Spalicrbäumen, die am Hause hinausgezogcn wären, theils
von einem herrlichen Apfelbaum, der mit seinen langen Armen
einein die lachenden Früchte bis in den Mund reichte. Es war
eine warme, wenn auch nicht eben Helle Sommernacht, und
der Gelehrte ließ deßhalb jne Fenster offen, um so recht im
Genüsse der milden Lüste zu schlummern.

Er war noch im ersten Schlaf, als er durch einen star-
ken Laut aufgeweckt wurde. Dieser rührte von einem kleinen
Steine her, der durchs Fenster in das Zimmer geworfen worden
war. Der Gelehrte setzte sich im Bette aufrecht und vernahm
nun deutlich ein Geräusch, wie wenn jemand an den Spalieren
Heraufstiege. Ein Dieb! dachte er, sprang aus dein Bette und
beugte sich zum Fenster hinaus. In demselben Augenblicke
tauchte zu seinem Schrecken eine männliche Gestalt auf und
ehe er sich zurückziehen oder auch nur einen Schrei ausstoßen

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Nach altem Brauch"
Weitere Titel/Paralleltitel
Fliegende Blätter
Quelle des Titels
Sachbegriff/Objekttyp
Grafik

Inschrift/Wasserzeichen

Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Dunkelheit <Motiv>
Fenster <Motiv>
Streich <Scherz>
Gelehrter <Motiv>
Kuss <Motiv>
Karikatur
Bauer <Motiv>
Zimmer <Motiv>
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Creditline
Fliegende Blätter, 31.1859, Nr. 742, S. 90 Universitätsbibliothek Heidelberg
loading ...