Fliegende Blätter — 31.1859 (Nr. 731-756)

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Der letzte

ungen sich cinbohrt, aber dann, wenn er sich Bahn gebrochen,
sich zertheilt und ausbrcitet und eine höhere, stille Wirksam-
keit in den Gcmütheru beginnt. So ist in dieser wunderbaren
Erfindung beides vereinigt, Prosa und Poesie, wie sie in
unserem Leben beständig sich ablösen, ein Wechsel, der zwar
manche schmerzliche Empfindung hervorruft, aber doch auch
wieder ein gesundes gedeihliches Leben bedingt. Und wer
möchte cs jetzt noch missen, dieses so kräftig ausgeprägte Spie-
gelbild unseres Daseins?

Dennoch aber muthet cs uns gar heimlich an, wenn wir
aus einer der einsamen Straßen, die der Weltverkehr zur Seite
liegen gelassen, unverhofft noch einem Schwager Postillon be-
gegnen, der wie träumend von halbdurchwachtcr Nacht durch
den Morgenncbcl fährt. , Der dämmernde Mensch, die müde
trottenden Pferde, der ächzende Wagen, der holprige Weg ge-
mahnen uns fast an das Kindesaltcr der Menschheit, gemahnen
uns an unsere eigene Kindheit, wo wir nichts Höheres kannten,
als von einem solchen Fuhrwerk ausgenommen zu werden, wo
mit seinem Erscheinen die Welt des Neuen, Wunderbaren sich
aufschloß. Rasselnd fährt der Wagen in die Stadt ein, und
der Schwager sucht sein Instrument hervor. Die ersten schnar-
renden Laute regen uns zum Lachen an, aber das Lachen er-
stirbt fast schon in seinem Entstehen. Denn der Ton, den

wir vernommen haben, ist ein rührender Ton aus alter Zeit

und zieht durch die Seele einen langen Zug von Gesühlen,

die wie alte Freunde aus dem Lethe cmportauchcn und fast
vorwurfsvoll ihre Vergessenheit beklagen.

Wie mag es aber ihm selbst zu Muthe sein, dem Schwa-
ger aus alter Zeit, der noch schönere Tage gesehen hat, Tage,
wo an ihn aller Fortschritt, alles Streben sich anknüpfte und
der jetzt so verachtet und wie ein Unehrlicher auf Nebenwege
j verwiesen ist? Wie es ihm zu Muthe ist, das zeigt nichts
j so deutlich als das Gesicht des alten Jacob in H., wenn er
! mit seinem Gespann an der Barriere der Eisenbahn hält und
warten muß, bis der Bahnzug vorübcrgekommcn ist. Zwar der
oberflächliche Beobachter sieht eben nur den unzufriedenen, mür-
rischen Ausdruck, wie ihn das Gesicht jedes Wartenden und
Hingchaltenen annimmt; wer aber schärfer Hinsicht, der ent-
deckt einen tiefer sitzenden Gram, einen nachhaltigeren Ingrimm,
als daß er nur aus dieser Ursache hcrgelcitet werden könnte. Nicht
daß er warten muß, ärgert den alten Jacob, sondern daß er
warten muß des Dings halber, das er im tiefsten Grunde
der Seele haßt, daß er es stolz an sich vorbei sausen lassen
muß, was ihm am Herzen frißt und nicht einmal wcgschauen
kann, sondern zu eigenem Spott und Hohn den Zuschauer ab-
gebcn muß, daß er mit eigenen Ohren hören muß, wie sie
jauchzt in dem rasenden Zuge, die frivole Menschcnwclt, sehen
muß, wie sie mitleidig auf ihn und seine Klepper herabschaut,
wie sie lacht und spottet über die Schneckenpost, die kaum noch
das Recht hat, am hellen Tage sich blicken zu'lassen. Ja er
weiß es wohl, daß er blos noch geduldet, blos ein Nothbehclf
für elende Nebenwege, blos ein nothwcndigcs Uebel ist. Und
würde cr's nicht selber fühlen, so wird's ihm ja jeden Tag
von den ärgerlichen Reisenden in die Ohren geschrieen, daß

Passagier.

man dieses elende Fuhrwerk .mit keinem Fuße .berühren
würde, wenn man nicht müßte; daß cs unerträglich sei, von
dem eilenden Zuge aus in ein solches Ding cingczwängt zu
werden, das Stunden brauche, wo man sonst nach Minuten
zu rechnen gewohnt sei. Wie haßte er sie so recht von Herzen,
diese nothgcdrungenen Passagiere, die seinen besten Trab mit
Schimpfwörtern dankten, wie raste er mit ihnen manchen jähen
Abhang hinunter, unbesorgt um die eigene Gefahr, nur um
ihnen zu zeigen, daß man auch ohne Dampf durch die Welt flie-
gen könne, wie lachte er in seinem Innern, wenn sic ihm
ängstlich zuschriccn, ob er denn toll sei und wolle, daß sic alle-
sammt den Hals brächen. „Warum denn nicht?" murmelte er,
fonft gcht's euch doch nicht schnell genug. Ihr wollt's ja so
haben, ihr Großmäuler."

Der alte Jacob hatte aber auch noch einen andern Grund,
auf die neue Zeit und auf ihr Schoßkind, die Eisenbahnen,
böse zu sein. Die neue Zeit war gar wenig spendabel, die
Trinkgelder wurden immer magerer. Man entwöhnt sich ihrer
gar schnell auf der Eisenbahn, die freilich nicht bei jeder Sta-
tion den Arm ausstrcckt, um Sechser oder Zwanziger an sich
zu ziehen. Wie wäre cs aber möglich, daß man eine Gewohn-
heit, die einem abhanden gekommen ist, so mit einem Ruck,
indem man die alte Postkutsche besteigt, wieder vollkommen ein-
lerntc? Der gute Jacob hatte von Tag zu Tag größere Mühe,
nur den gesetzlichen Tribut für sich zu erheben. Schon der
wurde mit Ingrimm und bösen Reden gegeben. Das Mehr,
das vom guten Willen abhing, fehlte ganz, aus dem einfachen
Grunde, weil eben dieser gute Wille selbst fehlte. So war der
Jacob an den zwei für den Menschen empfindlichsten Seiten
gekränkt, an seiner Ehre und an seinem Beutel und man hätte
sich nicht wundern solle», daß die Töne, die er seinem Horn
entlockte, immer greulicher und greulicher wurden, denn was
der Mensch auf der einen Seite in ein solches todtes Instru-
ment hineinbläst, das fährt unmaßgeblich auf der andern heraus,
und was der Jacob hineinblics, das war der Helle wilde Ingrimm,
der ihm jählings aus dem Magen hcraufstieg, ohne alle mil-
dernde und sänftigendc Beigabe.

Längst war er gewohnt, wenn sein Herr zu ihm sagte:
„Jacob, spann den Wagen an, cs sind Reisende angekommen,"
seine Bereitwilligkeit in einige halblaute Verwünschungen cin-
zukleidcn. Und so that cr's auch wieder an dem schönen Mai-
morgcn, als er angewiesen wurde, schnell den Wagen in Be-
reitschaft zu fetzen, da ein Passagier eingetroffcn sei. „Wird
wieder etwas Sauberes sein," sagte er grimmig und ging
möglichst langsam dem Stall zu. Der Passagier, ein ältlicher
Herr mit einem großen rothcn Parapluic, wartete schon vor
dem Hause. „Es geht dießmal nach N.," rief der Posthaltcr
dem Jacob zu, als dieser im Begriffe war abzufahrcn. „Wo-
hin soll's gehen?" rief betroffen der Jacob zurück, indem er
! sich um die Kutsche hcrumbeugte und seinen Herrn fragend
ansah. „Nun ja, nach N., wenn Du's kennst," war die Ant-
wort. Freilich kannte cr's, der alte Jacob. Nach N.! das waren
ja immer seine liebsten Fahrten gewesen, da hatte er jede Woche
volle Ladungen hinzuführen gehabt, cs war ehemals seine
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