Fliegende Blätter — 32.1860 (Nr. 757-782)

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Phantasien in den Ruinen

Nicht spitze Lanzen sind's, die heut man bricht,

Nur Tannenholz, das an der Rüstung splittert,

Wenn gut gezielt der kräft'gc Stoß gelang.

Seht nur, schon sprengen dort zwei Ritter muthig
Und hoch zu Roß jetzt aus einander an,

Die Sperre eingelegt, durch die Visire
Der Helme glänzt ihr feurig scharfer Blick.

Wohlauf! Nur brav gezielt — hurrah! Das war ein Stoß!
Wie Röhrichtstäbc in der Knaben Händen
Zersplitterten die starken Lanzenschäfte,

Daß hoch empor die Trümmer weitum fliegen.

Doch einer von den Rittern liegt am Boden,

Der Stoß warf ihn vom Strcitroß und er klagt:

„Ach Du mci liebes Herr Jemineechen! Au
weh, mei Bauch! Stößt mich der infamigte Kärl
g'radc vor'n Magen!"

Wenn nun der Sieger Lob aus schönem Munde
Und sinnige Geschenke hat empfangen,

Steigt man hinaus zum großen Rittersaal.

Die schwere Rüstung wird nun abgelegt,

An Speis und Trank will man sich weidlich laben.
Bald aber tönt der Pfeifer lust'ge Weise
Und spielt zum Tanze auf. Rasch springen da
Die jungen Ritter von den Sesseln auf,

Sie eilen zu den holden Edeldamcn

Und fordern sie zum muntern Reigen freundlich.

' Welch' lieblich Bild! die herrlichen Gestalten
Der Frauen schweben rasch und leicht dabin,

Vom Arm des schönen Tänzers zart umfangen.
Manch' Mädchenhcr; klopft laut in solcher Nähe
Und manchem Ritter steigt das rasche Blut,

Das tausend Feinden gegenüber kalt blieb,

In die vcrrätherisch grschwätz'ge Wange.

Seht Ihr den junge» Helden dort, den Sieger
In manchem Kampf und manchem Rittcrspicl,

einer alten sächsischen Ritterburg.

! Wie er so zaghaft einem Edelfräulein,

Der Schönsten in dem schönen Kranze, naht?

Jetzt ist er dort. Verlegen blickt er sic
Die hold crröthet, eine Weile an.

Die Zunge scheint so kühn nicht wie sein Arm,

Doch endlich stammelt er, sich tief verbeugend:

„Ach erlooben Sie gitigst, dürft ich Ihnen denn
wohl vielleicht um de nächste Bolka oder um ä
Jägerschott'sch bitten?"

Es ist heraus, was längst sein Herz gedrängt
Und ängstlich lauscht er auf der Schönen Antwort.

Das holde Kind steht jetzt verlegen da,

Den Blick senkt sic verwirrt zur Erde nieder
Und Amor, dieser Göttcrtaugenichts,

Treibt all' ihr Herzblut in das Angesicht.

Verlegen zupft sie an dem Blumensträuße
Und bringt dann flüsternd nur die Wort' hervor:

„Hären Se, das thut mcr Sic recht sehrc leid,
aber ich bin schon uff'n gansen Abend in Voraus
verankcschirt."

Der Ritter zieht sich tief betrübt zurück
Und folgt der Auscrwähltcn mit den Augen,

Doch er entsagt nun für den Rest des Abends
Dem Tanz, der ohne sie ihm keine Lust ist.

So trcibt's das junge Volk. Gar manches Herz
Ward sonst, wie jetzt, beim Tanze schon verloren.

Doch nur die Jugend sucht im Tanz Vergnügen,

Dem Alter ziemt nicht mehr daö tolle Dreh'n.

Die altern Ritter bleiben noch beim Becher
Und trinken da manch' biedern Meistcrzug.

Noch And'rc suchen bei dem Spiel Zerstreuung;

Die Würfel rollen auf dem Eichcntischc
Und Kartcnblättcr machen dort die Runde.

Seht nur die alten grauen Ritter drüben,

| 'Sind ihrer Vier, sic spielen unverdrossen
Und legen nur die Karten aus der Hand,

Wenn sic zum vollen Humpen einmal greifen.

Das alte Lieblingsspiel des Sachscnvolkcs,

Es ist der Skat, der sie so mächtig fesselt
Und Alles ringsumher vergessen läßt.

Doch ist Fortuna, dieses laun'sche Weib,

Der Spieler Einem heut beständig fern.

Zwar können Alle — heißt eö — nicht gewinnen,

! Doch jener alte, brave Rittersmann

Sitzt ganz besonders heut im „Peche" .fejt.

Geduldig hat cr's lange Zeit getragen
Und ohne Murren hat er jtcts gezahlt.

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Phantasien in den Ruinen einer alten sächsischen Ritterburg"
Weitere Titel/Paralleltitel
Serientitel
Fliegende Blätter
Sachbegriff/Objekttyp
Grafik

Inschrift/Wasserzeichen

Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

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Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Lanze
Schmerz <Motiv>
Sterben <Motiv>
Rüstung <Schutzkleidung, Motiv>
Helm <Motiv>
Karikatur
Turnier
Ritter <Motiv>
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

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Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Reproduktionstyp
Digitales Bild
Rechtsstatus
Public Domain Mark 1.0
Creditline
Fliegende Blätter, 32.1860, Nr. 772, S. 122
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