Fliegende Blätter — 33.1860 (Nr. 783-808)

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Der letzte Wille.

thümer umgingen, erörtert. Bei ihrer für Muckerfcldt fabel-
haften Höhe von mehr als einer halben Million, verfiel der
gläubigere Theil auf die ihm zunächst liegende Vcrmuthung
eines Bundes mit dem -s-si-j-, während die mehr vom Geiste
des Aufklärungsjahrhunderts Berührten dafür die Verbindung
mit den Verpflegungsbeamten der k. k. Armee am Rhein
substituirtcn.

So viel war Thatsachc, daß Herr Sebastian Schwarz
senior, früher allein und neuerdings in Verbindung mit seinem
Sohne, dem Bürgerausschußmitglied, Sebastian Schwarz junior,
bedeutende Lieferungen in das kaiserliche Lager gemacht hatte.

Ohne einer flach rationalistischen Aufklärcrei das Wort
reden zu wollen, führt der Verfasser bei dieser Gelegenheit
nur an, was ihm sein von diesem Geiste durchaus nicht be-
einflußtes Großmüttcrchcn aus jener Zeit erzählte, daß nämlich
ihre Hühner das eingetauschtc Brod der armen österreichischen
Soldaten nicht gefressen haben und daß namentlich fast ein
ganzes Kürassier-Regiment, das in der Umgegend cantonirtc,
an einer Art von Scharbock, in Folge allzureicher Gypsmischung
im Brodmehl, gelitten habe. Ich machte mir von da an schon
als Knabe meine Gedanken, wenn mir in den Feldzügen gegen
Napoleon I. so oft der Takt des unglücklichen „nur langsam
voran" zugleich mit dem Todesröcheln von Tausenden und
Hunderttausenden braver Krieger entgegen tönte.

Doch zu unserer Geschichte.

„Bci's Papa's sci'm Alter kann's freilich gehen, wie's
will," hatte der Herr Medizinalrath von Sonderlich unter der
Hausthüre zu der Tochter gesagt, „aber d'Hoffnung dürfet
mcr deswegen ebenso wenig anfgcben."

Vrole schien, ihren Thränen nach, die auf's neue strömten,
dem erstercn Theilc der ärztliche» Prognose eine ziemlich trübe
Deutung zu geben. „O, Aloysi!" rief sie dann, die Backstube
öffnend, „der Vater verlangt nach meinem Bruder Bastian.

! Kann er weg?"

„O nichts desto weniger! warum? darum!" rief der
Genannte, warf bei dem letzten Worte die Schürze und die Pan-
toffeln in die Ecke und fuhr rasch in die Stiefeln.

„Wenn — wenn" — sagte Jungfer Vrole zögernd
und unter Thränen, „wenn mein Bruder vom letzten Streit
was sagen sollt', so sag'Er, nu — so sag' Er" — und ihre
I Thränen strömten heftiger, „von uns ist Alles verziehen" —

! und damit eilte sie rasch die Treppe hinauf.

Zwei und eine halbe Minute später stand Aloysi schon
vor Herrn Bäckcrbaste junior, dessen Anwesen ziemlich entfernt
vom väterlichen, weiter hinunter am Bache lag.

Aber zum Lohn war ihm — wir sagen es mit Theil-
nahme — eine schmerzliche Erfahrung von menschlicher Hcrzcns-
! härtigkeit beschecrt. Denn kaum hatte er gesagt, „und was
! da letzte Streit betrifft, so ischt von uns Alles verzieh»!"

! so schnarrte ihn sein junger Herr an: „Wer schickt mer denn
j so en Esel, so en dummen?"

Nichts desto weniger schlüpfte Sebastian schnell in seinen
hellgrauen Frackrock mit den vergoldeten Knöpfen, um an des
Vaters Krankenbett zu eilen.

Ehe er aber daselbst ankommt, müssen wir doch dem ge-
neigten Leser sagen, welche Bewandtniß es mit dem letzten
Streit hatte.

Die neueste Lieferung an den Rhein nämlich hätte der
Sohn gerne allein, statt, wie bisher, in Compagnie mit dem
Vater, ausgcsührt, denn es hatte das vorige Mal schon Dif-
ferenzen wegen der Thcilung des — Gewinns gegeben.

„Nun, no probier's!" hatte der Alte entgegnet, und ob-
gleich der Sohn über die cigenthümlichcn Modulationen im
Tone dieser Antwort einen Augenblick stutzte, so war doch bei
der Innigkeit ihres Verhältnisses zumal in solchen Geschäften
kaum an eine Störung desselben zu denken.

Sebastian jun. reiste andern Tags nach Rißstall an der
Grenze des Fürstcnthums, wo die Magazine der k. k. Armee
sich befanden, und bat, ihn bei dem Chef des Verpflcgungs-
wesens zu melden.

„Seine Ercellenz sind ausg'fohren," sagte sein alter Be-
kannter, der Feldwebel Helscrich, „und blos der neue Herr
Obcrstlieutcnant ist aus der Canzlci — und i glaub nit, daß
der in die Soch'n schon — schon — eing'schossen ist — Was
hot denn der Vater noch vergcffen?"

„Wie so? vergessen? Ich bin von wegen »euer Liefer-
ungen da!"

„Ober der Voter is doch keeum vor 'ern' Stund' do
g'wcst, und hot Olles abg'schloss'n."

„Mein Vater!" rief Sebastian, und eS fiel wie Schuppen
von seinen Augen — sein Vater war ihm zuvorgckommen.

„Also war mein Vater doch da? er hat nur hier durch
wollen in's Hauptquartier, wie er g'sagt hat. Muß ihm also
ein andrer Kopf g'wachscn sein. Nun, die Sach' geht in Cvm-
pagnieschaft" — und nachdem er sich so aus der Verlegenheit
gezogen, empfahl sich der Getäuschte.

„Wart' Alter! wart' Alter!" das war der stets wieder-
kehrcndc Ausruf, als er das mit lauterem Haber gefütterte
Roß wieder vor seinem Chaischen sah. Ob ihm ein Ast mit
rothwangigen Aepfeln die Mütze abstreifte, ob die Schnitter
im Habcrfcld zu ihrem Vcspcrbrod ein lustig Licdlein sangen,
er fühlte keine andere Regung als die unglücklichste, die eine
Mcnschenbrust durchwühlcn kann, die des Haffes gegen seinen
Vater.

„Er ist noch keine zwei Stund'fort," sagte ihm auf Be-
fragen der Hausknecht in Balkcnhcim.

„Noch keine Stund'", hieß es in Wehingen.

„Noch keine halbe", in Schmiercrdingcn.

Jetzt galt's also schon langsamer fahren, denn bei Tag
wollte er den Vater nicht einholen. Es dunkelte bereits aus
dem Bühl, wo sich das Roggengau hinabsenkt zu den wunder- !
lieblichen Thalgebieten, die der Hauptfluß des Ländchcns mit j
seinen Zuflüssen bildet.

„Herr Gott! wie schön!" ries Sebastian Schwarz der
Jüngere aus. — Du täuschest Dich aber, lieber Leser, wenn j
Du glaubst, diesen Ausruf habe dem Mitglied des Muckersclder ,
Bürgerausschusses das Zwielicht der scheidenden Sonne und
des ausgehenden Mondes entlockt, in welchem die vom Flusse
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