Fliegende Blätter — 33.1860 (Nr. 783-808)

Page: 58
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb33/0062
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
58

Herr Müller.

erreichen, Herrn Müller am Tage vor dessen Abreise noch
eine öffentliche Huldigung in Form einer Morgcnmusik bringen
zu lassen. Am Abend sollte im Kursaalc noch ein Abschieds-
ball gegeben werden und mehrere Herren wollten dann am
nächsten Morgen Herrn Müllers Wagen auf eine Stunde weit
das Ehrengeleit geben.

Die Morgenmusik fiel ganz herrlich aus. Herr Müller
war diesmal nicht in Ungewißheit, wem diese Huldigung gelten
sollte, wie er cs damals war, wo man ihm das Abcndständ-
chen brachte. Vom Fenster aus richtete er einige Worte des
Dankes an die Untenstehenden und versprach, in einer Stunde
im Kursaale den hochverehrten Herrschaften seinen innigsten
Dank zu wiederholen.

Bald erschien auch Herr Müller in dem Saale, wo ihn
die übrigen Badegäste unter mehr oder minder aufrichtigen
Thcilnahmebcweiscn umringten. Wie auffallend war dieser Um-
stand von' der früheren Theilnahmlosigkeit verschieden, mit der
man Herrn Müller auf jede mögliche Weise auszuwcichcn, ja
sogar zu kränken suchte. Und welchem einfachem Umstande hat
der einfache Mann seine jetzige Beliebtheit zu verdanken, bei
der er doch bis jetzt immer noch jeder Auskunft über seinen
i Stand, Herkunft u. s. w. entschieden ausgewichen war.

Der Hofrath nahte sich Herrn Müller mit einem herz-
lichen Händedrucke. Der gefeierte Mann schien so gerührt von
allen Freundschaftsbeweisen, daß Herr von Löwenzahn jetzt
mit seinem langgcnährten Wunsche hcrvorzutrcten wagte.

„Ich habe aber nun," redete er schließlich den freude-
strahlenden Müller an, „ich habe aber nun auch noch eine !
Bitte an Sic zu richten."

„Sprechen Sic, Herr Hofrath," rief Müller rasch, „ich
sage Ihnen deren Erfüllung im Voraus zu."

„Nicht zu rasch, lieber Freund, es ist durchaus nichts
Geringes, was ich von Ihnen mir erbitten möchte."

„Wenn cs nur irgend in meinen Kräften steht, so werde
ich Ihnen jeden verlangten Dienst erzeigen."

„Ich habe in ihrem Besitze einst ein Buch gesehen, cs
war der erste Band des Kosmos."

„Kosmos? Kosmos? Ach ja jetzt entsinne ich mich. Es
ist ein Buch in grünem Ledcrcinband mit Goldschnitt?"

„Ganz recht und vor dem Titelblattc befindet sich eine
eigenhändige Widmung Humboldts."

„Humboldts? So? Nun ja, das kann wohl möglich sein."

„Würden Sie nun mir, Ihrem aufrichtigen Freunde,
eine abschlägige Antwort geben, wenn ich Sic um jenen Band
ersuchte?"

„Als Geschenk meinen Sie?"

„Allerdings als ein Andenken an die in Ihrer Gesell-
schaft verlebten frohen Stunden."

„Herr Hosrath — in der That — ich — ich möchte
sehr gern — allein das Buch ist ein Pfand." —

„Ah, gewiß ein Pfand der Anerkennung, die Ihnen von
dem großen Humboldt zu Theil ward."

„Nein, nicht von Humboldt, den Herrn kenne ich gar nicht.
Es ist ein Pfand von dem Herrn Doktor Müller aus Hamburg."

Des Hofraths so freundliche Mienen hatten sich bei dem
letzteren Thcile des Gesprächs mit düstcrn Zweiselfalten um-
zogen. Aber weitere Gewißheit mußte er haben, er fuhr deß-
halb fort.

„Sind Sic denn aber nicht Müller, der Freund Hum-
boldts, dem dieser das Ercmplar seines Kosmos aus Achtung
verehrte?"

„Wie ich Ihnen schon gesagt habe — ich kenne unter
meinen Kunden gar keinen Herrn, der den Namen Humboldt
führt."

„Wem zum Henker gehört aber dann das Buch?" frug
der Hofrath jetzt schon durchaus nicht mehr sanft und freund-
schaftlich.

„Auch das sagte ich Ihnen schon, dem Herrn Doktor
Müller aus Hamburg."

„Aber wie kommen Sie zu dem Buche?"

„Ganz einfach: Als der Herr Doktor während des vorigen
Sommers in Magdeburg war, brauchte er einen neuen Frack
und da er bei seiner Abreise nicht bezahlen konnte, ließ er
mir das Buch als Pfand zurück. Ich habe cs mit hiehcr ge-
nommen, um zuweilen darin zu lesen; ich verstehe jedoch nichts
von dem Zeuge darin und bin immer dabei eingeschlasen."

„Herr, so sagen Sie mir endlich nur noch, wer Sie sind?"

„Ich — ich bin der Schneidermeister Müller aus
Magdeburg."

Der Herrn Müller vorhin noch so freundlich umgebende
Kreis hatte sich während dieser Aufklärungen nach und nach
gelöst und einer der Umstehenden nach dem andern verschwand,
j Jetzt stürmte auch der vor Zorn kirschrot!) im Gesicht gewordene
Hofrath, etwas Aehnlichcs wie „Unverschämter" zwischen den
Zähnen murmelnd, eiligst zum Kursaale hinaus.

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Herr Müller"
Weitere Titel/Paralleltitel
Fliegende Blätter
Quelle des Titels
Sachbegriff/Objekttyp
Grafik

Inschrift/Wasserzeichen

Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Schneider
Verwechslung
Synkope <Medizin>
Hierarchie
Karikatur
Kurgast <Motiv>
Satirische Zeitschrift
Thema/Bildinhalt (normiert)

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Creditline
Fliegende Blätter, 33.1860, Nr. 790, S. 58 Universitätsbibliothek Heidelberg
loading ...