Fliegende Blätter — 33.1860 (Nr. 783-808)

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Die Abschi

Pfarrer, der Herr Amtmann, der Doktor und der Förster des
Ortes; cs war ein festlicher Tag, denn eben hatte ich mein
juristisches Gramen zur unaussprechlichen Freude meines Groß-
papa mit Nro. 1 bestanden, der er jedoch durch ein gutes
Glas Punsch einen passenden Ausdruck verlieh. Das edle Naß
hatte die Zungen gelöst; Jeder gab eine Geschichte aus sei-
nem Leben zum Besten, auch mein Großvater hatte schon
manchen heiteren Schwank erzählt, da forderte ihn der Guts-
herr auf, doch noch die Geschichte von seiner Abschiedsprcdigt
zum Besten zu geben. „Abschieds-Predigt?" so fragt man
vielleicht und auch ich war nicht wenig erstaunt, aber man
wird auch aus nachfolgender Geschichte nur wieder schm, wie
es zwischen Himmel und Erde so manche Dinge gibt, von
denen wir uns mit unserem Alltagsverstande nichts träumen
lassen und erfahren, wie auch ein Schulmeister zu einer Ab-
schiedsprcdigt kommen kann. Um aber auf besagte Abschieds-
Predigt zu komme», so räusperte sich mein Großvater, rückte
seine Brille zurecht und begann: „Es war einer von jenen

Sonntagen, wo cs, wie der Herr Oberförster sagt, zu un-
freundlich war, um in die Kirche zu gehen, aber zum Jagd-
wctter noch nicht kalt genug und deshalb hatte der gnädige
Herr eine Scatpartie zusammcugctrommelt; ich hatte eben ein
Eichclsolo mit sechs Matadoren in der Hand, als ich noch
eben zur rechten Zeit höre, daß sic ausläuten, wobei mir zu-
gleich cinficl, daß der Herr Pfarrer aufgetrageu, heute Nach-
mittag zu „lesen". Schwer fiel cs mir auf das Herz, daß

ich dieß Mal nicht die Predigt mir einstudirt hatte, die ick
abzulescn hatte, waS ich sonst so gewissenhaft that und mit
so viel Erfolg, daß die Leute oftmals nachher mir sagten,
ich hätte einen Auswurf (Aussprache, Vortrag), so gut und
noch besser als der Herr Pfarrer selbst. Diesmal aber ging
ick unvorbereitet an's Werk, ja ich hatte mir noch nicht ein-
mal nur obenhin eine Predigt angesehen. Ich ergriff ein

edspredigt. 103

Predigtbuch, was mir der Herr Pfarrer geliehen, lese den
voranstehendcn Tcrt und Alles ging Anfangs ganz gut, aber,
o Himmel, wie crfchrack ich, als ich plötzlich merkte, daß ich
in eine Abschiedsprcdigt gcrathcn war, in der ein Prediger
zu rechtfertigen sucht, daß er wegen einer ihm angetra-
gcncn besseren Stelle seine Gemeinde verlassen will und
ihr feierlich Valet sagt. Ich las zuerst weiter, aber immer
mehr ging die Sache auf's eigentliche Thema los, ich zitterte,
stockte, räusperte mich, hielt cs endlich aber doch für das
Beste, weiter zu lesen, weil der Bauer aus nichts so strenge
hält, als daß cs „in einer Fuhre weg" geht. Stammelnd
brachte ich endlich meine Predigt zu Ende und stand als die
Kirche aus war, noch zitternd wie ein Espenlaub in der
Kirche, um erst alle Leute nach Hause zu lassen, damit ja
Niemand mich sähe; endlich, als ich die Luft rein glaubte,
schloß ich die Kirche zu, und steuerte im Sturmschritt auf
meine Wohnung zu, aber, o Himmel, wie crfchrack ich, als
auf dem Platze, wo öfter nach der Kirche der Schultheiß seine
Bekanntmachungen zu thun pflegte, eine zahlreiche Menge
Menschen versammelt stand. Ueber Niemand anders, als mich
konnte natürlich gesprochen werden; ich blieb stehen, zauderte
und beschloß schon, aus einem Umwege nach meiner Wohnung
zu eilen, als der Schultheiß mit den Gemeinde-Aeltcstcn
geraden Weges aus mich zukam. Ich machte Stand und nun
nahm der Schultheiß das Wort und begann: „Verehrter Herr
Schullehrer! Sie haben bereits eine Reihe von Jahren an
unseren Buben gewirkt und schon manchen Rangen gezogen,
haben bisher treu und gewissenhaft in unserem Orte ihr Amt
verwaltet, aber (ich wurde fcucrroth vor Scham, denn cs war
wirklich das Erstemal, daß mir ein so fataler Fall passirte)
nun wollen sie uns doch verlassen. Da ihre Abschiedsprcdigt
uns gezeigt hat, wie schwer es Ihnen wird, uns zu verlas-
sen, da Ihre ungeheuere Rührung uns erkennen ließ, wie
sehr Sie an uns gehangen, so haben wir gedacht: nun, was
der Herr Schulmeister auf der neuen Stelle mehr bekommt,
das könnt ihr ihm am Ende auch noch geben; und so haben
denn vorläufig die Gemeindevorsteher beschlossen, Ihnen eine
jährliche Zulage von zwanzig Gulvcn auf Lebzeiten zu ver-
willigen, was die nächste Gemeindeversammlung, wie ich von
der allgemeinen Stimmung weiß, gerne bestätige» wird." —
Ich versuchte Einiges zu sprechen und beginnend mit einem
Danke, die Sache einigermaßen auszuklärcn, aber ich kam
nicht zum Wort. Einer nach dem Andern trat herzu und |
schüttelte mir freundlich die Hand und so blieb'S denn dabei, !
ich blieb und die zwanzig Gulden jährlich blieben mir auch ’
und die Leute haben sie nur auch später gegönnt, als sic den
wahren Zusammenhang der Sache erfuhren." — So erzählte
mein Großvater und mir ging cs nun auf, wie eine Gas-
I laterne, was mir bisher dunkel gewesen.

Wann es die Zeit hergibt, erzähle ich vielleicht später
noch eine Geschichte, die die Andern zum Besten gegeben. Für
heute aber, Gott befohlen! und allen Schulmeistern, die nicht
auskommen, den guten Rath: dann und wann eine Abschieds-
Predigt zu halten.

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Die Abschiedspredigt"
Weitere Titel/Paralleltitel
Fliegende Blätter
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Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

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Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Abschied
Kirchenbau
Flügelaltar
Hörer
Karikatur
Lehrer
Predigt
Kind <Motiv>
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

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Universitätsbibliothek Heidelberg
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Fliegende Blätter, 33.1860, Nr. 795, S. 103 Universitätsbibliothek Heidelberg
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