Fliegende Blätter — 33.1860 (Nr. 783-808)

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Bilder aus der sä

2.

Wachtfeuer zünden sie nun an
Und schwelgen in Siegesfreuden?

O! daß ich nicht Einen mehr tödtcn kann,

Macht schwer mein Todesleiden.

Sie haben gesiegt, die Freiheit liegt
Gleich mir am Boden darnieder!

Ich sterbe, doch die Freiheit wird hoch
Erheben ihr Banner wieder!

O! Mutter traut und Du, meine Braut,

Ihr ahntet wohl das Ende!

Wie habt ihr geweint, doch ihr legtet vereint
Auf's Haupt mir segnend die Hände;

Und der Segen war gut! Er stählte den Muth;

Ich wußt', daß ihr meiner dachtet,

Daß ihr mich werth, für den heimischen Heerd
Und die Freiheit zu kämpfen erachtet.

Unser Banner sank: doch währt's nicht lang
Und die Brüder werden's erheben!

Und sterb' ich gleich — ich werde Euch,

Ein Held! im Gedüchtniß leben. A. Wank.

Bilder aus der Sächsischen Schweiz.

1. Die Kirnitz sch scheu ke.

Fremder (in die Gaststube tretend): „Na, endlich ein
Obdach. Fünf Stunden marschirt und keinen Menschen ange-
troffen, das ist ja eine gräßliche Einöde." — Wirth. „Ja
mit den Menschen hier herum, da is es so ene Sache, die sin
dünne gesä't." — Fremder: „Nun, gebt mir vor Allem ein
Glas Bier, Herr Wirth." — Wirth: „Ja, mit dem Bier,
is so ene Sache. Der Dittersbacher Bote kommt erst übermorgen
und gestern haben mer zwee Berliner die letzte Flasche abge-
nommen." — Fremder: „Nun, da gebt mir ein Glas
Wasser und ein Glas Rum." — Wirth: „Ja, mit dem
Rum, da is es so ene Sache, der is schon lange ansgegangen,
aber Wasser is da, es is nur e bissel lebendig, weil die
Röhren verfault sind, und mer noch keene Zeit gehabt haben,
se ausbessern." — Fremder: „Also deswegen vom Kuhstall
bis hierher fünf Stunden marschirt und zweimal verlaufen! Das
ist es werth, und hier in der Stube vor Dunst nicht zum Aus-
halten. Ich ivcrde mich vor das Hans setzen, um wenigstens
in freier Luft auszuruhen." — Wirth. „Ja, mit dem Hausen-
sitzen is es heute so ene Sache, die Bienen schwärmen wie
verrückt, da möcht' ich se's doch »ich rathen?" — Fremder:
„Auch das noch? — Wie weit ist's denn bis zur nächsten
Mühle, vielleicht ist dort etwas zu erhalten, denn hier gibts
ja gar nichts." —Wirth: „Bis zur nächsten Mühle? drei
Stunden, aber mit den Essen und Trinken, da is es dort och
so ene Sache, se hab'n immer och nischt." -—

2. Nach den Dittersbacher Felsen.

Wer von den freundlichen Lesern der Fliegenden Blätter

chsischen Schweiz.

irgend einmal ans Berufs- und Vergnügungsreisen nach dem so
romantisch von den interessantesten Punkten der sächsischen
Schweiz umgebenen Badeorte Schandau gekommen ist, der
wird gewiß auch im Garten oder Gastzimmer des dem Landungs-
plätze am nächsten liegenden Hotels zum Dampfschiffe, einen
alten Herrn getroffen haben, dessen grauer Anzug harmonisch
zu dem starken grauen bis ans die Brust herabhängenden Bart
und den grauen ans buschigen Brauen heiter und lebenslustig
hervorlngenden Augen paßt, während in den Mundwinkeln
des gutmüthigen von Wein, Bier, Wind, Wetter und Pocken-
narben g e b r ü nute n und h e i m g e s u ch t e n Antlitzes fort-
während ein foppendes Lächeln zu lauern und über ein neues
Ichelmenstück zu brüten scheint. Dieser vom Kops bis zum
Fuß graue Herr — denn er trägt der Gicht wegen Sommer
und Winter graue Filzschuh — ist Kauf- und Handelsherr
und nebenbei auch noch Senator und in seinem einem Kosaken-
hetmann ähnlichen Kostüme, dessen Kopfbedeckung einem Kasserol
ohne Henkel gleicht, von Früh bis Abends am Landungsplätze
und in, Hotel zum Dampfschiff zu finden, da er seine Ge-
schäfte weit lieber in Gottes freier Natur und bei einem Glase
Wein, als im trockenen stillen Comptoir abmacht, hat stets
gute Laune und den Kopf immer voller Schwänke und Raupen.

An einem schönen August - Morgen saß derselbe mit
einem Fremdenführer, wie solche auf allen ° Stationen der
Eisenbahn- und Dampfschiff - Landungsplätze im Meißner
Hochlande zu finden sind, im Garten des Hotels zum Dampf-
schiff und hörte die Klagen des Führers über wenig Fremden-
besuch und schlechten Verdienst geduldig mit an, und als dieser
sich entfernen wollte, tvinkte er dem Kellner, ließ das leer ge-
wordene Töpfchen noch einmal füllen und sprach lächelnd:
„Na, trinkt nur noch einmal und genießt die Ruhe, die Euch
heute der Mangel an Fremden läßt."

„Sic haben gut reden, Herr Senator," entgegnete der
Führer mürrisch. „Ihr Geschäft geht ohne Fremde Sommer
und Winter, wenn wir aber jetzt in der schönsten Jahreszeit
nichts verdienen, was soll uns denn da für den Winter bleiben?
Einen so schlechten Sommer, >vie heuer, haben >vir noch nie
gehabt." — „Das liegt an dem Frieden von Villafranca, an
Ostindien, China, an Neapel, an Garibaldi, an dem Na-
tionalvcrein und den hohen Haferpreisen und muß ausgehaltcn
werden," lachte der Grane und bot dem Führer eine Priese. —
„Nein," rief dieser und wies die Dose zurück. „Das liegt
an den verdammten Reisebeschreibnngen, wo jeder Quark von
Felsen abgemalt z» finden ist und es kommt kein Engländer
und kein Schneider hierher, der nicht so ein sakrisches Buch in
der Tasche hat, und lieber drei Mal den Tag irre läuft, als
einem Führer ein paar Groschen verdienen zu lassen." —
„Aber Kinder, Ihr seid aber auch nicht ein Bischen specnlativ,"
sprach der Graue. „Was wir jetzt als die seltensten Natur-
schönheiten der sächsischen Schweiz kennen, das kannte man
schon vor fünfzig Jahren. Ihr erfindet nichts Neues. Sapperlot,
wenn ich Führer wäre, da sollten bald alle Zeitungen von
einer neu entdeckten Höhle, einer historisch-denkwürdigen Ruine,
einer fabelhaft merkwürdigen Felsenbildung und einer ivnnder-
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