Fliegende Blätter — 33.1860 (Nr. 783-808)

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Herrn Grass Rheinreisetagebuch.

ganse Stadt nebst Umgegend zu Füßen und man weiß gar
, nicht, woraus man seine betrunkenen Blicke zuerst verwenden soll.

Der Herr Thurmvcrwaltcr ist ein sehr einsichtiger, toller-
ander Mensch, denn er weiß, daß Keiner nicht allein von
Aussicht satt wird, weshalb er für Leite, die weniger Gefallen
an Landschaft finden, an die Wand ein Schild gemalt hat,
wodaraus zu lesen steht: „Allhicr ist gutes Bier zu

haben."

Diesen Wink läßt sich gewiß Keiner nicht zweimal sagen,
sondern er genießt in dieser schwindelhasten Höhe mit Vergingen
die schöne Gabe der Natur.

Ich sagte aber dem Manne, daß es viel besser wäre,
wenn er sich ein ordentliches Wirthshausschild von vielleicht
zehnfältigcr Lebensgröße malen ließ, damit man es auch von
unten lesen könnte, welches .erstens ein gans hibschcs Zicrad
für den Thurm wäre, wenn es mit einem gothischcn Stiel ge-
schrieben wirde und dann wirde er auch gewiß sehr viel Zu-
spruch erhalten, weil Mancher gern ein baar tausend Stufen
hinansteigt, damit er noch ein Bischen nach die Bolizeistunde
sitzen bleiben kann oder wenn er weiß, daß er sein Bier kann
über den Köbfen von seine Vorgesetzten Behörden trinken, wo
ihn Keiner nichts nicht zu sagen hat.

Wir konnten dennoch Frankfurt nicht verlassen, ohne daß
wir wenigstens ein Mal den hicsigten bericmtcn Aebselwein
getrunken hatten, welches man am Besten sollte auf das andere
Meinufcr in Sachsenhausen haben können. Obgleich die dor-
tigen Einwohner uns von vielen Seiten als Leite beschrieben
wurden, welche eine sehr mangelhaftig ausgebildcte Höflichkeit
sollten besitzen, so firchtctcn wir uns doch nicht, weil wir uns
vornahnien, ihnen das gebildeste Wesen entgegen zu setzen, da-
mit wir nichts Reizbares nicht für sie hätten.

Wir fanden auch balde ein Haus, wodaran ein giftig
grin bemalter Kranz hing, als ein Anzeichen, daß allhicr
Aebselwein verzabft würde. Wir traten hinein und fanden
sowohl männliches als weibliches und kindliches Bublikum in
: großer Anzahl versammelt, doch hatten sie alle in ihre Fisich-
ohnomie etwas sehr Seicrliches, welches wir uns nicht erklären
konnten.

An einen Tisch, wo zwei oder drei Männer saßen, ließen
wir uns auch nieder, nachdem wir ihnen einen schönen guten
Abend angeboten und um die Nicdcrlassungserlanbniß gebeten
hatten. Sic antworteten aber gar Nichts nicht und machten
uns blos saure Gesichter, welches mir hier schon so Mode zu
sein schien. Ich berief nun die Kellnerin zu uns und sagte:

„Mein Frcilcin, bringen Sie uns doch eine Flasche
Aebselwein, aber vom Allerbesten."

Da sagte die Kellnerin ziemlich groblicht:

„Hier gibt's nur Schobbcn und keine Flaschen nicht.
Wein haben wir auch blos eine Sorte; wenn sie die nicht
mögen, so gehen Sie wo anders hin."

Wir sahen uns einander gans betroffen an und Kohle
sagte: „Nun, da bringen Sie uns zwei Schobbcn."

Die drei seierlichten Männer an unfern Tische fingen
aber schon an stille vor sich hin zu brummen. Jetzt brachte

die Kellnerin zwei große Gläser, welche achtKrcizcr zusammen
kosten thaten. Der Aebselwein sah mir etwas tribsclig aus,
aber cs half nichts, getrunken mußte er werden, weshalb wir
jeder einige dichtige Schluckst machten. Allein mit Entsetzlichkeit
stellten wir die Gläser sogleich wieder hin, denn dieses war
ja so sauer, daß cs Einen gleich den Mund zuzog.

„Bfui Teifel!" sagte ich und rief gleich wieder die
Kellnerin, die ich fragte, ob sie uns nicht aus Versehen Essig
gegeben hätte. Aber kaum hatte ich dieses Wort ausgesprochen,
so ging auch gleich der schrecklichste Lärm los; die Kellnerin
schimbste, der Wirth schimbste und alle Gäste kamen hinzu um
sich an uns satt zu schimbfen, was wir glücklicher Weise wegen
Unbckanntheit mit die hicsigte Landessprache nicht verstanden.
Wir wollten uns entschuldigen, aber da wurde cs erst recht
schlimm.

„Se wollen uns utzcn, schmeißt st naus, die Schinooser,"
schrie Alles durcheinander und che wir uns es versahen, lagen
wir auch alle zwei Beide draußen vor die Thüre.

Dieses war so schnell gegangen, als wie eine Verwand-
lung in eine Zaubcrkomödiche und nachdem wir uns unsre
Ribben befihlt hatten, ob keine gebrochen war, erhoben wir
uns schnell und eilten mit Sturmschritt wieder auf das sichere
Frankfurter User Hiniber, denn von Sachsenhciscr Aebselwein
hatten wir an dieser Browe mehr als genug.

Aber wie wir in unsre Wohnung kamen, sbirten wir erst
den Eindruck aus unsre Eingeweide.

„Kohle," sagte ich, „ich glaube der Acbselwcinwirth ist
ein Gistvcrmischer gewesen, mir zerreißt cs balde den Magen."

„Ach", sagte Kohle, „mir ist cs noch schlechter, ich be-
firchte jeden Augenblick zu blatzen."

So krimmtcn wir uns in die schrecklichste Todcsängstlich-
keit aus den Fußboden umher, doch konnten wir nie lange aus
eine Stelle liegen bleiben. Erst am andern Morgen war unsre
Todesgefahr etwas besser und die Ruhe in unser Innerstes
hergestellt. Aber mit sehr betribtc Erinnerungen verließen wir
jetzt das schöne Frankfurt, von dem wir uns sagen mußten:
„O Sachsenhausen, hätte ich Dich niemals nicht gesehen!"

Wie klopfte uns das Herze, als wir wieder auf den
Dambfwagcn saßen, und den alten Papa Rheine uns immer
mehr annäherten. Wir brachten Beide die Köbfc nicht von
den Fenstern weg, weil ihn Jeder wollte zuerst sehen und bc-
grißcn. Endlich sahen wir ihn auch aber zugleich, deßhalb
brachen wir auch zu gleicher Zeit heraus mit unserm AuSruf:
„Fifad hoch, cs lebe der Rhein nebst allen Zubc-
hörden!" —

Mein; ist eine wirklich gans urältlichtc Stadt und frihcr
von die alten Römer bcgrindct worden, welche es damals
Mayence nannten. Wenn dieses nun auch schon zwar mehrere
tausend Jahre her ist, so hat man davon doch noch die deit-
lichsten Beweise, welche man bei verschiedene Ausgrabungen
tief unter die Erde gefunden hat. Der Menschenfreind, welcher
sich an solche alte Erinnerungszeichen belustigen will, kann
alle diese Altcrthimlichkciten iin Schlosse ausgestellt finden.

Merkwürdig ist cs doch, daß sich die Menschen immer
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