Fliegende Blätter — 35.1861 (Nr. 835-860)

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(Fortsc

„Aber lieber Freund," entgegncte lächelnd der gestrenge
Herr, „warum haben Sie mir das nicht schon längst gesagt.
Wo wäre Jemand schon wegen seiner Bemühungen um das
Wohl der Stadt würdiger, eine Auszeichnung zu erhalten,
als gerade Sic, lieber Herr Müller? Ich wollte schon im
vorigen Jahre ans eigenem Antriebe Ihren Namen mit ans
; die Liste der Borznschlagenden bringen, allein ich wußte nicht,
ob es Ihnen recht gewesen wäre, da die Ansichten über solche
Auszeichnungen nicht bei Jedermann gleich sind. Aus dem-
selben Grunde vermied ich es auch damals, Ihnen meine Ab-
sicht mitzutheilen. Da ich aber sehe, daß ein Orden Ihren
eigenen Wünschen entspricht, so ist es für mich Gcnngthnung,
ja noch mehr, cs ist Pflicht für mich, Ihren Wunsch mit aller
Kraft zu unterstützen."

Wer malt Müllers Entzücken bei diesen Worten? Er
konnte sich nicht enthalten, seinem hochgestellten Freunde um
den Hals zu fallen und ihn mit Freudenthränen an die Brust
! zu drücken.

Frau Müller, welche erwartungsvoll nach einiger Zeit
wieder eintrat, las in Ihres Gatten verklärten Zügen die
ganze, erhabene Antwort des Herrn Bürgermeisters, doch hü-
tete sie sich voll weiblichen Zartgefühles, diesen Gegenstand im
Gespräche zu berühren, da die beiden Männer wieder von ge-
wöhnlichen Dingen sprachen.

Als sich endlich der liebe, freundliche Herr Bürgermeister
entfernt hatte, konnte Müller jedoch seinen lauten Jubel nicht
länger zurückhaltcn. Mit den Worten: „Minchen, freue Dich
mit mir, mein höchster Wunsch wird erfüllt — ich bekomme
einen Orden!" — sprang er in dem Zimmer umher und um-
armte dann voller Glückseligkeit die fast durch diese nngestüme
Zärtlichkeit erstickende Gefährtin seines Lebens.

)rden.

tzung.)

„Aber Mann, Carl, ich beschwöre Dich, laß mich tos
oder ich komme um," stöhnte Frau Müller und sank dann er
schöpft auf das Sopha. Ihr Mann aber konnte noch immer
vor Glückseligkeit sich kaum fassen. Die Frucht jahrelanger
Anstrengungen schien ihm jetzt bis zum Pflücken nahe gerückt
und er schwelgte schon im Vorgenusse künftigen Glückes. Ha,
wie sollten die Leute staunen, wenn er zum ersten Male mit
dem Orden geschmückt auf der Straße dahinstolziren würde!
lind in die Zeitung kam ja dann auch sein Name, wenn die
Ordensverleihungen bekannt gemacht wurden. Wie herrlich
klingt cs, wenn da so groß und breit gedruckt zu lesen ist:
„In Anerkennung der vielfachen Verdienste des
Herrn Kaufmanns Carl Müller haben Wir geruht,
demselben a tlerhnldrcichst das kleine Kreuz un-
seres Hansordens zu verleihen!" Lautet so etwas nicht
wahrhaft erhaben und dann erst die Unterschrift Seiner Maje-
stät des Königs und gar noch eines Ministers auf dem Pa
teilte — fürwahr, solch ein Glück ist gar nicht zu fassen und
fast zu viel, als daß ein einziger Mensch cs ertragen könnte.
Aber das kostbare Patent sollte auch eingcrahmt werden mit
einer ächten Goldnmsassnng und alsdann gleich dort unter
dem lebensgroße» Bildnisse des glücklichen Besitzers ansgehängi
werden.

Diese und ähnliche Gedanken schwirrten mit glänzenden
Fittigen in Müllers Köpf durcheinander und wir können nn
fern Lesern fest versichern, daß in der Nacht, die jenem herr-
lichen Abende folgte, die Freude nnserm glücklichen Freunde
auch nicht ans eine Minute lang die Augen zu schließen ge
stattete. Er hätte können seiner Gattin ernstlich zürnen, daß
diese cs vermochte, jene Nacht so ruhig zu durchschlafen, als
ob gar nichts vorgefallen wäre. Wie unendlich prosaisch klang

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