Fliegende Blätter — 35.1861 (Nr. 835-860)

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Schuster bleib' be

liche moderne Ausdruck dafür, Namens Markus. Dieser Herr
war von einer so ausbündigen Klugheit, daß er sogar in
seinem eigenen Hause die Ordnung aufrecht zu erhalten wußte.

Wenn voreilige Leser hierin nichts Besonderes finden
wollen und der Ansicht sind, dasselbe müsse von noch manchem
Stadtrath, er möge nun Markus oder Lukas heiße», voraus-
gesetzt werden, so finde ich mich nicht bemüssigt, auf die Wider-
legung einer so vagen Meinung weiter einzugehen.

Der Herr Stadtrath Markus war ein beneidenswcrther
Mann. Ans einer alten Patrizierfa'milie der heiligen Stadt
stammend und mit zeitlichem Gute gesegnet, hatte er sich nie
in der Lage befunden, um etwas werben zu müssen. Auch die
Rathsherrnwürde war ans den Gesegneten wie eine reife Frucht
von selbst herabgefallen. Selbst dasjenige Ziel, welches zu er-
reichen jeder Mensch, männlichen Geschlechts, nach altherge-
brachter Sitte den ersten Schritt thun muß, kam unsrem Hel-
den geradezu in's Haus gefallen.

„Du bist mir wegen Deines seligen Vaters und wegen
Deiner selbst so lieb, daß ich wünschte, Du würdest mein
Schwiegersohn," sagte eines schönen Tages ein älterer Herr
von: Rath, der mit ihm die Sitzung verließ, offenherzig genug
zu ihm.

„Ich habe zwar noch nicht daran gedacht, aber weil es
eine Sache ist, die doch einmal geschehen muß, thne ich sie
am liebsten, wenn ich einen alten Freund meines Hauses da-
mit verbinden kann," erwiderte der Angeworbene.

Hiemit war der Handel geschlossen und weil völlig gleiche
Verhältnisse zwischen den Contrahenten in Bezug ans Geburt,
Alter und persönliche Vorzüge obwalteten, wurde die Ehe eine
weit zärtlichere, als man sich nach der etwas phlegmatischen
Einleitung hätte träumen lassen sollen. — Nun kommt aber
selbst dem bcgünstigsten Sterblichen die Stunde, in der er-
zeigen muß, ob er des ihm zugethcilten Glückes, würdig ist,
wofern er es nicht verlieren will, und auch unserem jungen
Stadtrathe und Ehemanne wurde das Examen nicht geschenkt,
er mußte es nachträglich bestehen.

Seine reizende Laura, als einziges Kind ihres mit Sorgen
um daS Heil der Stadt belasteten alten Vaters, hatte es
verniuthlich in ihrer Kindesliebe ganz natürlich gefunden, die
Bürde des alten Mannes, der gerade kein besondres Lumen
war, zu theilcn und dieser hatte schon mit seiner verstorbenen
Frau, welche ihn an Urthcilskraft überragte, Vorberathungen
und Nachberathungen über alle die wichtigen Dinge gepflo-
gen, welche in dem hohen Rathe der heiligen Stadt auf's
Tapet kamen. Kein Wunder, daß er die der Mutter nachar-
tende Tochter ebenfalls gern zur Vertrauten seiner rathsherr-
lichen Sorgen machte, sobald ans dem Kinde eine Jungfrau
geworden war. — Im Laufe der Zeit war sie ans diese Weise
mit allen städtischen Dingen bekannt geworden und es hatte
sich ein Verwaltungstalcnt in ihr entwickelt, das einem un-
schlüssigen Manne, wie ihr Papa war, sehr zur Stütze gereichte.

Man fand im hochwciscu Rathe öfter Gelegenheit, sich
über praktische Einfälle des Alten zu verwundern, die man

i Deinem Leisten.

mit seiner sonstigen Simplizität, welches Wort ich hier keines-
wegs in seiner classischen Bedeutung verstanden wissen will,
nicht in Einklang zu bringen wußte, da Niemand daran dachte,
in der kleinen hübschen Laura seine Egeria zu suchen.

Wenn die Damen einmal von der Leidenschaft des Wirkens
für's Allgemeinwohl erfaßt sind, so nehmen sie es weit ernster
mit ihrem Amte, als wir Männer und ich glaube, daß der
Staat an ihnen eifrigere Diener hätte als an uns, die wir
selbst im Regieren mehr eine Last, ein nothwendiges Nebel,
als ein Vergnügen erblicken. Mir ist ein Bürgermeister bekannt,
der in den Akten seit achtzehn Jahren als das Haupt eines
Landstädtchens gilt, während der Volkswitz laut behauptet, er
sei erst seit sechs Jahren Bürgermeister, weil er erst seit sechs
Jahren Wittwer ist.

Herr Markus ein Mann von consolidirten Grundsätzen,
nach denen er wie seine eigenen, so auch die Angelegenheiten
der Stadt zu benrtheilen pflegte, dachte an nichts weniger, als
seine Frau mit dem Quark städtischer Fragen zu behelligen,
mochte es sich nun um die brennende der Wiederherstellung
des abgebrannten Theaters oder um die frostige der Aquisition
eines Eisbären für den zoologischen Garten handeln.

Laura hingegen hatte nicht sobald den Honig der Flitter-
wochen von den schönen Lippen gewischt, als sie auf einmal
verspürte, daß sie seit acht Wochen in straffälligster Unkennt-
niß über das Schicksal der heiligen Stadt lebe. Natürlich
mußte das Versäumte nachgeholt werden, denn sie fühlte deut-
lich eine leere Stelle in ihrer Erinnerung und nur der Ge-
danke, daß die Eigenschaft ihres Gatten als Nathsherr es ihr
leicht mache, die Folgen der Unterlassungssünde aufzuheben,
konnte sie mit ihrer Nachlässigkeit aussöhnen.

Herr Markus aber traute seinen Ohren kaum als Laura
ihn an dem Tage, da sie zuerst den Defekt in ihrer sozial-
politischen Ausbildung wahrgenommen, bei seiner Rückkunft
aus der Stadtverordneten-Sitzung statt mit einem Küsse mit
der seltsamen Frage empfing, ob über die Anlage des zu er-
bauenden Pockenhauses schon entschieden sei?

„Pockenhaus?"

„Nun ja! ich dächte doch, die Sache hätte lange genug
geschwebt."

„Aber was weißt Du denn davon?"

„Mehr als genug. Haben sich doch Menschen erdreistet,
seine Errichtung in der Spinnmühlengasse vorzuschlagcn, man
sollte es kaum glauben!"

„Man sollte aber glauben, die Lectüre des Feuilletons
wäre Dir angenehmer als das Studium dieser Parthie der
kölnischen Zeitung."

„Ich habe sic leider seit acht Wochen nicht mehr studirt
und die dumme Magd hat die Fenster damit geputzt, so daß
ich wirklich, da ich auch meinen Vater in dieser Zeit nicht
darum befragt habe, vollständig ans dem Zusammenhang niit
den städtischen Angelegenheiten gekommen bin."

„Hat denn Dein Vater zuweilen mit Dir darüber ge-
sprochen?"
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