Fliegende Blätter — 40.1864 (Nr. 965-990)

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162 Die Macht der E

gehabt, und über das Ach und Weh, das er heute Vor-
mittags gefühlt, ja er stellte über alle Leiden dieses Jammer-
thals philosophisch heitere Betrachtungen an, und endlich fühlte
er, der Erde weit entrückt, die Seligkeit eines Engelcinö,
das in einer aus lauter Pergamenten und Büchern bestehenden
Wolke schwebt, und liest, und liest und selig ist.

Doch endlich hatte er genug gelesen, das heißt nicht
eben genug, sondern er hatte nur alle Materien durchforscht,
die zu seinem Falle gehörten, und etwas Anderes mochte er
heute nicht ansehen. Es war übrigens auch schon spät in
der Nacht, und er wollte ausruhen, um morgen frisch und
munter an das große Werk gehen zu können.

Er begab sich daher in's Schlafzimmer, recht leise,
damit er seine Frau nicht wecke, und legte sich in's Bett.
Da lag er, und mußte lang auf den Schlaf warten; doch
endlich senkte sich dieser auf die Augenlider des Professors,
welcher sich damit cinlullte, daß er den Inhalt all der heute
durchflogenen Bücher noch einmal vor seinem Geiste vorüber-
ziehen ließ. — Jetzt schlief er! — eine Zeit lang ziemlich
ruhig; allein das reichliche Nachtmahl, welches er heute zu
sich genommen hatte, drückte und quälte ihn; ein böser Alp
ritt ihm auf der Brust; ein Abgrund that sich auf, daraus
stiegen Kobolde empor und zerrten ihn in den entsetzlichsten
Regionen des Traumreichs herum. Zuerst saß er, wie ge-
wöhnlich im Collegium und hielt einen Vortrag; er wollte
von verschiedenen Krankheiten und den Heilmethoden derselben
sprechen, aber wider seinen Willen verkehrten sich ihm die
Worte im Mund. „Die Menschen" — sprach er in seinem
Traum — „sind dumm und bleiben dumm, sie sind schlecht
und bleiben schlecht, nur krank wollen sie nicht sein. Lasset
sie, meine lieben Zuhörer, in ihren Krankheiten fortächzen,
gebt ihnen für gutes Geld schlechte Mittel. Höchstens sollt
ihr ihnen Hoffnung machen, sie bezahlen euch dieses zweifel-
hafte Mittel mit unzweifelhaften Goldstücken. Wo ihr einen
Gesunden mit einem kleinen Fehl seht, sagt, ihr wollet
ihm helfen, und machet es noch ärger. Sagt den Kahlköpfen,
den runzeligen Koketten, den Magern, den Fetten, den Ent-
nervten, daß ihr unfehlbare Mittel habt, sie reich an lockigem
Haar, glatt im Gesicht, schlank und kräftig, und stark wie
junge Herkulesse zu machen, — und sie werden euch mit Gold
überhäufen. Aber haltet nicht, was ihr versprochen habt,
haltet es nicht, denn ihr seid ohnedies nicht im Stande es
zu thun, versprecht nur, und ihr habt genug gethan."

Er machte die entsetzlichsten Anstrengungen, anstatt dieser
gottlosen Worte geziemendere und anständigere auszusprechen,
allein er konnte nicht, sein Mund war in der Gewalt eines
Dämons, und seine Zunge ward von einem bösen Geist
gelenkt. — Dann sah er sich plötzlich in einen rothen Hcnker-
mantel gehüllt, und in den Bänken der Zuhörer saßen grin-
sende Teufel. Er merkte, daß er sich nicht am rechten Orte
befinde und riß sich los, um in sein gewohntes Collegium
zu kommen. Er lief voll Angst und Eile, denn er wurde
von Hunden verfolgt, die entsetzlich heulten; endlich sah er
in der Ferne das Universitätögebäude vor sich, und die Hunde

inbildungskraft.

hinter ihm schwiegen. Doch als er in das Haus eintreteu
wollte, war es verschwunden. Anstatt dessen stand ein un-
geheurer Galgen da, sein längst verstorbener Professor hängte
eben den „Saufhannes" daran und sagte: „Doktor Mäus-
lein, fasse den Strick!" Entsetzt lief er von dannen und kam
auf eine Haide, wo er Tage lang umherwandertes Endlich
gelangte er zu einem Hause; es war jedoch wider seine
Hoffnung keine Herberge, sondern ein Hospital; er ging weiter
und kam abermals zu einem Hause, und dieses war ebenfalls
ein Hospital. Mit vor Durst brennender Kehle durchzog er
die ganze Welt, und alle Städte, alle Dörfer bestanden aus
lauter Spitälern, und alle Menschen waren krank. — Welch'
eine Nacht war dies, welch' eine Ewigkeit von Höllenangst
lag in dieser einen Stunde unruhigen Schlafes. Endlich
erwachte der Professor, ganz elend durch den Traum, und
matt von der Ueberladung seines Magens. Er stöhnte und
wälzte sich in seinem Belt, und durch das Geräusch, welches
er hiedurch machte, weckte er seine Frau aus dem Schlafe. Da
sie gleich ganz munter wurde, und ihn fragte, was er für
Lärm mache, so gab es ein Wort um's andere, und für den
armen Professor war sobald nicht wieder an den Schlaf zu
denken.

Die gute, alte Frau gehörte zu der Gattung derjenigen,
die mit weit über ihrem Bildungsgrade stehenden oder gar
gelehrten Männern verheirathet, es längst aufgegeben haben,
deren Lcbensgefährtincn zu sein, und sich mit dem bescheidenen
Loose der sorgsamen Hausfrau begnügen. Und das war sie
um so mehr, da Doktor Mäuslcin nur seine Bücher, sonst
aber von den täglichen Vorkommnissen des Lebens gar nichts
kannte, und in allem wie ein kleines Kind versorgt werden
mußte. Sonst wissen wir von ihr nichts Besonderes zu
sagen; sie besaß keine glänzend hervortretende Eigenschaft,
weder eine gute, noch eine schlimme, außer einem ziemlich
praktischen Blick, welcher sich bei Frauen, deren Männer un-
praktisch sind, zuweilen um so mehr auszubilden pflegt. Daß
sie neugierig war, braucht weder betheuert noch bewiesen zu
werden. Jndeß beweist sie es selbst, indem sie ihrem Mann
in dieser traulichen Stunde versichert, sie habe Mittags recht
wohl gewußt, was die Herren von ihm gewollt hätten, sic
habe Alles an der Thüre mit angehört. Sic freue sich recht
sehr, daß er eine Kette bekommen werde, und wenn es ihr
erlaubt wäre in seine gelehrten Sachen drein zu reden, so
würde sie ihm sagen, er möge mit beiden Händen zugreifen,
denn es sei Verdienst und Ehre dabei.

Doktor Mäuslein hatte mit seiner Ehehälfte seit den
vierzig Jahren seiner kinderlosen Ehe vielleicht nicht zehnmal
gesprochen. Was er zu sagen wußte, verstand sie nicht, oder
sollte sie nicht verstehen, und was sie interessirte, verstand
er wieder nicht. Aber er war auch nie in einer so bedrängten
Lage, in einer solchen Angst gewesen, wie heute, und auf
den fürchterlichen Traum that ihm das freundliche Geschwätz
der Frau außerordentlich wohl. Er hieß sie nicht schweigen,
er widersprach ihr nicht, er gab ihr sogar hie und da eine
kurze Antwort, und ermunterte sie auf diese Weise in ihrem
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