Fliegende Blätter — 42.1865 (Nr. 1017-1042)

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E i ii Briefmar

das heißt, wenn man überhaupt dabei gewesen wäre — als
sie den glücklichen, wie vom Himmel gesandten Gedanken
fcsthielt, vcrsolgte, mit den schönsten, kühnsten Farben aus-
malte! — „Ja, daS könnte zum erwünschten Ziele sühren!
So soll es geschehen!" murmelte sie behaglich für sich, als
ihr Plan fertig war. Hierauf vergrub sie sich, im Vor-
geschmack kommender Seligkeit, auf's neue in die weichen
Kissen, um vor der Hand noch in Morpheus Arme zu
sinken, der ihr gewiß, als galanter Gott, schöne Bilver vom
kommenden Liebesglück vor die sehnende Seele gezaubert
haben mag.

Am andern Tage ging ganz heimlich ein Briefchen nach
Vaduz - Lichtenstein ab, an ihren dort angesessenen Bruder.
Es war eine lange Auseinandersetzung, der noch ein apartes
Blättchen bcilag, welches wahrscheinlich Andeutungen über
i die zu erfolgende Antwort enthalten mochte.

Nach einigen Tagen brachte der Briefträger denn auch
einen Brief für Frau Schnepfe! in den Schlaberndorfer Hof,
welcher mit einer unansehnlichen, brauubedruckten Briefmarke
versehen war. Der Oberkellner» der beim Empfang desselben
zugegen war, hatte schon von der Seite einen scharfen, be-
gehrlichen Kennerblick auf die braune Marke geworfen, als
Frau Schnepfe!, sich als echte Markomanin gebcrdend, laut
anfjauchzen zu wollen schien. Sie winkte dem Oberkellner
mit verklärtem Gesicht herbei und zeigte ihm triumphirend
die Marke. Franz Kreide wäre bald vor freudigem Schreck
förmlich zusammengeknickt und zu Boden gesunken, denn er
hatte sofort den Poststempel „Lichtenstein" erkannt und die
selige, doch auch wieder grausame Gewißheit erhalten, daß
Frau Schnepfe!, seine Herrin und Rivalin, die so sehnlichst
! gewünschte, so heiß begehrte, braune, gestempelte Lichten-
steinerin in ihren Händen hielt. Die Marke mußte sein
werden, sein — um jeden Preis! Seiner Seele Seligkeit
hätte er ohne Bedenken dafür hingegeben! Doch wie er auch
bat, die Grausame beschwor, wie er flehte, fast weinte, Frau
Schnepfe! blieb unerbittlich. Mit holdlächelndem Munde
wies sie den Stürmischen ab und wußte endlich kein anderes
Mittel den kostbaren Brief vor seinen räuberischen Angriffen
zu schützen, als ihn an ihrem Busen zu bergen und aus der
Stube zu entfliehen, um oben, im einsamen Kämmerlein ihre
Schätze in Sicherheit zu bringen, vielleicht auch den Inhalt
< des wichtigen Schreibens zu lesen.

Doch so sollte die Sache nicht zu Ende gehen; so
leickten Kaufs wollte der passionirte Herr Oberkellner den
I Kampf nicht auf- und verloren geben. Die seltene, braune
Lichtenstcinerin durfte unter keiner Bedingung in den Händen
einer „Anfängerin" in der edlen, markomanischen Kunst,
seiner eigenen Schülerin bleiben! Er hatte nicht Rast noch
Ruhe, weder in der Gaststube noch auf seinem Comptvir-
Drchstuhlc. Immer gaukelte die holde, braune, abgcstempelte
Licktensteinerin verführerisch vor seinen Augen, tanzte, ihn
gleichsam neckend und höhnend, die modernsten, schönsten Pas
ans der fünfunddreißigsten, leeren Seite der deutschen Buudes-

en- Sammler.

staatcn. DaS konnte, durfte nicht so bleiben, so fortgehe»!
Die Marke mußte sein werden, unter allen Umständen, u»d
sollte er darüber an seiner holdseligen Herrin zum — Kalav
werden müssen!

Mit unhörbaren, katzenartigen Tritten schlich er dic
Treppe hinauf, den etwas düstern Gang entlang, an dessen
Ende das Schlafgemach seiner glücklichen Feindin lag. Dad
Schlüsselloch war durch den von innen steckenden Schlüssel,
nicht praktikabel, doch dafür die Thüre nur angelehnt. Leise
— langsam — wurde der klaffende Spalt unter seiner
drückenden Hand größer und größer und endlich konnte er
in daS Zimmer schauen. — Es war leer! — Doch da! —'
da, auf dem Tischchen vor dem Spiegel lag der wünschend
werthe, so heiß begehrte Brief aus Vaduz, mit der aufl
gepappten, braunen Lichtensteinerin, offen, wie schmachtend
hingegossen, nur seiner, des glühenden Liebhabers wartend-
In zwei Sprüngen war er beim Spiegeltischchen. Jetzt hielten
seine zitternden Finger den offenen Brief! — Seine Augen
fuhren verächtlich über daS Geschriebene, um die andere,
wichtigere, beadressirte Seite aufzusuchen — als ihm plötzlich
aus den Schriftzügen aus Vaduz ganz deutlich sein eigenen
Name „Franz Kreide" entgcgenleuchlete. Was konnte da§ !
zu bedeuten haben? Seine Neugierde kämpfte mit seiner
Sammclwuth und Habgier einen entsetzlichen Kampf, behicst
aber doch schließlich vollständig die Oberhand, und da es st ;
still und ruhig in dem Gemache, das Verbrechen überhaupl
einmal begangen war, so fing er denn vor der Hand mit
dem Inhalt des Briefes an, um später mit dem Raube d"
braunen Marke zu enden.

Dieser Inhalt war aber ein so entsetzlich merkwürdiger,
daß er verdient, wortgetreu mitgetheilt zu werden. In dcn>
Briefe stand denn Folgendes zu lesen:

„Vaduz, den 7. April.

Liebste Schwester!

Ich freue mich, daß Du meinen wohlgemeinten Rath-
schlügen Gehör geben und Dich wieder in den Stand der
heiligen Ehe begeben willst. Was Du mir über Deines
vortrefflichen Oberkellner, Herrn Franz Kreide mittheilst, ist
allerdings traurig. Er wäre nach Deiner Beschreibung ut'D
bei den Gefühlen, die Du — jedoch in allen Ehren — füf
ihn zu hegen scheinst, gewiß der rechte Mann für Dich und
Deinen großen Schlaberndorfer Hof. Doch da er nach Deiner
Aussage andere Passionen im Herzen trägt und wahrhaft
unfähig scheint, irgend etwas anderes zu lieben, als papiernc
Briefmarken, so ist nicht mehr daran zu denken, und
thust somit am besten, ihn Dir aus dem Kopf und sobald
als möglich auch aus dem Herzen zu schlagen und zu jagcd-
Herr Ochsenfuß, fürstl. Sub-Kontrolen-Assistent der Schlacht
und Mahlsteuer dahier, ein Mann in Amt und Würden u»d
in den besten Jahren, den ich Dir zum Herrn und Gemäht
ersehen, wird in erweichen Tagen in Schlaberndorf anlanlstü
und Du wirst zufrieden sein mit ihm, mit mir!
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