Fliegende Blätter — 42.1865 (Nr. 1017-1042)

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Aus pfälzischer Vorzeit.

Der edle Herzog sprach: „Sie sind nicht bei mir!"

Da rief die Königin: „So sind sie aber bei Dir ge-
wesen diese Nacht und ich will wißen, wo Du sie verborgen
hast, oder wohin sie sich gewendet?"

Der Herzog Godram antwortete: „Meinem Feinde
sehe ich in's Gesicht, dem Fliehenden kehre ich den Rücken.
Ich weiß nicht, wohin die Fredegunde sich gewendet."

Da rief die Königin höhnisch: „Hast Du Augen und
Ohren, Du guter Wächter?"

Er antwortete: „Ich Hab' Augen und Ohren, die ich
gebrauche wie ich will!"

Da lachte die Königin und sprach: „Hast Du sie

gebraucht, wie Du gewollt, so ist's lange genug, jetzt sollst
Du sie nicht mehr brauchen, wie ich nicht will!" Und sie
winkte Einem von Denen, die um sie waren, der trat rück-
wärts an Herzog Godram.

Und die Königin fragte noch einmal: „Wohin hat die
Fredegunde sich gewendet?"

Er sagte: „Ich weiß es nicht!" Da entblößte der, der
hinter ihm stand, sein Schwert.

Die Königin sprach: „Ich will Dich schonen, so Du
mir sagst, wohin die Fredegunde gegangen."

Er sagte: „Ich habe nicht Deiner Schonung begehrt."

Da hob der, der hinter ihm stand das Schwert.

Die Königin sagte: „Du mußt sterben!"

Da rief Godram: „So will ich mich dessen wehren!"
und griff nach seinem Schwerte.

Doch ehe er's noch in der Scheide gelockert, sauste das
Schwert dessen, der hinter ihm stand, durch die Luft und
seine Schärfe traf den Hals des edlen Herzogs, daß sein
Haupt vorwärts rollte in den Sand und sein Leib rückwärts
sank auf den Stein und von seinem Blute ward die Königin
bespritzt bis über den Gürtel. Das ist über sie gekommen,
das edle Blut, das sie vergossen und sie hat müssen dessen
gedenken in der Ebene von Chalons, wie der Clothar sie an
eines Hengstes Schweif binden ließ und ließ sie jagen durch
das ganze Lager längs der Marne. Bis dahin aber war
noch manches Jahr, denn man zählte 580 nach Christus,
als der edle Herzog Godram erschlagen ward, an der Bur-
gundischen Grenze und der Clothar, der die Brunhilde besiegen
sollte, noch vor ihr floh als ein unmündiges Kind.

Wie der Willgard in Godramstein nun angesagt ward,
was dem Herzog geschehen sei, da legte sie das fränkische
Kleid ab und nahm den Stirnrcif von ihrem Haupte, hüllte
sich in ein hären Gewand und band es mit einem Strick
und verschnitt sich das Haar.

Darnach ließ sie die Sippen und Sassen rufen in ihren
Hof, desgleichen auch die, die sich um Godramstein angeste-
delt hatten, als freie Bauern und sie stellte ihre Kinder um
sich und sprach: „Das ist Herzog Godram's Geschlecht!"

Und die Männer antworteten: „Wir wißen es!"

Und sie sprach: „Ihr sollet sie behüten und ihr Erbe
ihnen bewahren mit des Königs Hilfe, dem ich sie empfohlen,
denn meines Bleibens ist gewesen."

Die Männer riefen: „Wohin willst Du? Du bist
unsere Herzogin und Frau!"

Sie antwortete: „Da der mir lebte, der mir und
Euch ein Herr und Herzog war, ließ ich'S mir Wohlgefallen
Eure Frau zu heißen. Nun er gestorben ist, der mich
erhoben, will ich wieder sei», was ich gewesen, ehe er mich
fand auf den Wiesen am Bach. So Ihr mich liebet, so
laßt Ihr mich zieh» und wehret mir nicht, aber schwöret
mir, daß Ihr zu meinen Kindern stehen wollt allezeit!"

Da hoben die Männer die Hände empor und schwuren
im Hofe von Godramstein, daß sie zu des Godrams Geschlecht
stehen wollten mit Gut und Blut, mit Leib und Leben.

Darnach segnete die Willgard ihre Kinder und machte
sich auf gegen die Berge, und die Sippen und Sassen zogen
mit ihr und die Freien und die Hörigen und die Armen,
die sie getröstet und gespeist, und die Kinder, die sie
gelehrt und gekleidet, sie Alle zogen mit ihr in Weinen
und Klagen bis an die Berge. Und die Siechen und die
Alten, die sie gepflegt und gestärkt, sie hoben von ihren
Lagern die Hände empor, wie die Willgard vorbeizog und
segneten sie und weinten ihr nach.

Bis an die Berge gingen sie mit, dann sprach die
Willgard: „Kehret um!"

Und sie ging allein bis zu den Wiesen am Bach, über
die der steinerne Riese die Wacht hielt, wo die Hütten ihrer
Sippen standen, zerbrochen und zertrümmert, mit Moos und
Farren, mit Ginster und Haidekraut überwachsen.

Vor der Hütte, darin ihre Ahne gewohnt, pflanzte sie
ein Kreuz auf, das band sic zusammen von zwei Stäben-

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Aus pfälzischer Vorzeit"
Weitere Titel/Paralleltitel
Fliegende Blätter
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Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

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Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Berg <Motiv>
Kreuz Christi
Gebet <Motiv>
Bach <Motiv>
Herzogin
Geburtsort
Wiese <Motiv>
Errichtung
Rückkehr <Motiv>
Frömmigkeit <Motiv>
Karikatur
Satirische Zeitschrift
Pfalz

Literaturangabe

Rechte am Objekt

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Künstler/Urheber (GND)
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Creditline
Fliegende Blätter, 42.1865, Nr. 1028, S. 90 Universitätsbibliothek Heidelberg
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