Fliegende Blätter — 42.1865 (Nr. 1017-1042)

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Ein glückliches '

herrührte und dadurch genährt wurde, daß das Schicksal den
Rath Brechlcr, Theodors Vater, zum Vorgesetzten des Amt-
manns gemacht hatte.

Die Liebenden mußten sich trennen; nur die Hoffnung
blieb ihnen und auch diese schwand bei Theodor immer mehr,
je ruhiger er die Sachlage überblickte. Ein entscheidender
Streich sollte geführt werden, so lautete der brieflich ver-
mittelte Kriegsplan der Verbündeten, auf deren Seite auch
Emiliens Mutter stand; Theodor müsse persönlich erscheinen
und dann könne ein allgemeiner Sturm auf des Amtmanns
Philisterstarrheit unternommen werden.

Das Schicksal schien dem Unternehmen günstig zu sein.
Theodors Vater unternahm auf höheren Befehl eine Inspek-
tionsreise, die ihn auch nach Lindcnau führte. Alles Ab-
rathen war fruchtlos und so begegnen wir denn dem jungen
Recken nahe vor dem Kampfplatze.

2.

*

Der Kutscher war erwacht, rieb die Augen und spornte i
seine Klepper zur Eile, die sich jedoch nur auf einen sehr
mäßigen Trab beschränkte. Die Sonne stand schon ziemlich
hoch, als die Kalesche ihr Ziel erreichte. Die beiden Herren
stiegen ab und näherten sich dem Hansthore, das eine Ver-
schlossenheit zeigte, die, wenn sie beim Amtmannc eben so
groß war, alle Plane zu nichte machen mußte.

Wenn Jemand einem entscheidenden Momente entgegen
geht, so pflegt er jede Kleinigkeit für ominös zu halten. So
ging es auch dem jungen Manne; ziemlich herabgestimmt
trat er mit seinem Vater in die von einem Küchenengel er-
schlossenen Hallen. Als der Rath erfahren, daß sich der
i Amtmann in der Kanzlei befinde, trennten sich die Beiden,
i der Sohn begab sich in die Familienappartements, der Vater
in die Kanzlei. Letzterem wollen wir folgen; er konnte
nicht irre gehen. Bor einer Thüre standen drei Bauern in
j demüthiger Haltung mit abgezogenen Hüten und warfen vcr-
i stohlene Blicke nach einer Bank, der wahrscheinlichen Grund-
; läge hiesiger Gerichtspflege. Hier mußte Rhadamantos
Hausen'.

Der „Gnaden gestrenge Herr Amtmann" sitzt im weich-
gepolsterten Lehnstuhle; auf seinem fcttglänzenden Antlitze
spiegelt sich ein Himmelsstrahl edlen Selbstbewußtseins. Der
Ehrenmann hat sich nämlich so eben einer wichtigen Amts-
pflicht entledigt, indem er seinem Leichnam das materielle
Substrat für fernere Anstrengung in Gestalt eines substan-
tiellen Frühstückes zugeführt. Ihm galt es für das Höchste,
sein dem Staate geweihtes Leben nach Kräften zu verlängern,
und nebenbei suchte er die vom Zipperlein verursachten
Schmerzen zu übertäuben. Auch jetzt hatte er einige schmerz-
lose Augenblicke. Darum war den Bauern strengstens un-
tersagt, die Siesta zu unterbrechen.

Plötzlich wird geklopft. Der strenge Blick des Ge-
strengen fällt auf die Thüre, seine Lippen zucken krampfhaft
und säuseln gleichsam die Einleitung zu der Strafpredigt,
die seinem Haupte wie eine gewappnete Pallas entspringen

Mißverständniß.

sollte. Die Thüre öffnet sich, und herein tritt der ehemalige
Collega, jetzige Vorgesetzte Rath Brechler. Die Gewitter-
wolken auf der Stirne des Ueberraschten verziehen sich und
machen der eingelernten Amtsmiene Platz. Die allgemeinen
Höflichkeitsformeln geben dem Amtmanne Gelegenheit, seinen
Verdruß zu verbergen.

Endlich fragt er, was ihm die Ehre des unerwarteten j
Besuches verschaffe.

„Geschäfte, leidige Geschäfte, Herr Collega," ist die
Antwort; „ich erhielt Auftrag, die mir unterstehenden Aem-
ter zu revidiren. Freilich wenn überall dieselbe Pünktlichkeit
herrschte, wie hier, dann wäre meine Reise zwecklos."

Dieß Kompliment verfehlte seine Wirkung nicht.

„Es wird mir zur Ehre gereichen, Herr Rath," ent-
gegnete der Geschmeichelte, „Sie heute meinen Gast nennen
zu dürfen, doch bitte ich, ähnliche Nachsicht mit unserer
Hausmannskost wie mit meiner Amtsführung zu haben."

„Mit Vergnügen nähme ich Ihre freundliche Einladung !
i für mich allein in Anspruch, doch ich habe meinen Sohn
bei mir, er war so frei, Ihrer werthen Familie seine Auf-
wartung zu machen."

Eine finstere Wolke umzog während dieses Nachsatzes
die Stirne des Gestrengen, doch Thatsachcn haben eine un-
erbittliche Logik, die Einladung war erfolgt und nun hieß
es gute Miene zum bösen Spiele machen, man mußte sich
sogar freuen, bei dieser Gelegenheit den jungen Herrn kennen
zu lernen. Ueber die stereotypen Züge des Raths glitt ein
lächeln, als er den heroischen Seelenkampf des Collcgcn
bemerkte; schon wollte er gehen, doch plötzlich schien er einen
Entschluß zu fasten und er wandte sich an den Amtmann:

„Apropos ich will wenigstens der Form genügen und
zugleich jenen Lästerzungen, die von nichts Anderem reden,
als von faulem Bureaukratismus, die Gelegenheit dazu be-
nehmen. Ich habe den Auftrag, mich namentlich von dem
Stande der Arreste zu überzeugen. Es wurden sehr viele
Klagen laut, daß man die Leute in wahre Hundelvcher steckt.
„Es wird noch so weit kommen," fügte er seufzend hinzu,
„daß Unsereiner die Herren Spitzbuben und Bauern mit
„Sie" anreden muß."

„Es würde mir zum Vergnügen gereichen, den Herrn
Rath selbst begleiten zu können, doch Sie wissen ja," und
der Gestrenge warf einen schmerzlichen Blick auf seine baum-
wollumwickelten Beine; „Herr Collega müssen einige Nach-
sicht haben mit der Unbeholfcnhcit unseres Amtsdiencrs; er
ist cs erst seit einigen Wochen."

„Ich werde dann noch meinen Freund, den Pfarrer
aufsuchen und Punkt 12 Uhr wieder eintreffen," war die
Antwort.

Unterdeß war der herbeigeschellte Cerberus erschienen.
Der Amtmann musterte ihn von der Zehe bis zum Haupt
hinan und sprach den gemcstenen Befehl:

„Du führst diesen Herrn in unfern Arrest
und bringst mir dann die Schlüssel wieder."
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