Fliegende Blätter — 42.1865 (Nr. 1017-1042)

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Die Reise zur Hochzeit.

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sie sei ja schon dabei Kassee zu kochen, er werde bald fertig
sein. Nach etwa zehn Minuten kam sie auch und setzte
i schweigend den Kaffee auf den Tisch und auch etwas Kuchen
dazu. Der Kaffee, sagt man, besänftige die aufgeregten
i Nerven, wenn man an seinen Genuß gewöhnt sei. Auch
j hier war er nicht ohne Wirkung. „Höre, Männchen,"
warf die Frau Näthin hin, „es muß bei dieser ganzen
l Geschichte ein Jrrthum, ein Mißverständniß im Spiele sein.
Du hast Dich doch nicht etwa in dem Tage geirrt?"

Diese Frage fuhr dem Gatten wie ein Blitz durch die
Seele. Er athmete tief auf, als ob er von einem Alpdrücken
plötzlich befreit wäre. Ja so mußte cS sein, er mußte sich
nothwendig im Datum geirrt, man mußte sie heute hier
gar nicht erwartet haben. DaS war freilich ein fataler
Jrrthum, aber doch noch der leidlichste Ausgang aus dieser
Situation. Die Frau Näthin lachte laut auf, fast krampfhaft
! und sagte: „Aber Mann, wo hast Du denn nur den Kopf
gehabt? Die Freude hat Dich ja um Deine fünf Sinne
gebracht, daß Du nicht mehr lesen konntest." Und er lachte
herzlich mit, froh, nur einmal wieder lachen zu können.
Aber die Freude sollte nicht lange währen. Er besann sich,
j daß er den Einladungsbrief in der Tasche seines Schlafrocks
! hatte. Derselbe war mit im Koffer cingepackt, der Koffer
stand noch unten in der Hausflur. Er ging, ihn herauf-
! besorgen zu lassen. Aber im Hause war Niemand anwesend
! als die alte Köchin. Er mußte sich entschließen, selbst mit
Hand anzulegen, um Koffer und Kisten hinauf zu befördern.
Dann machte er sich an's Auspacken. Der Brief ward
gefunden und cs ergab sich fast zu ihrer Betrübniß, daß
- kein Jrrthum im Datum vorgefallen. Aber die allzu gereizte
Stimmung der Frau Räthin war doch inmittelst etwas
gemildert. Nur, daß selbst August, ihr Sohn, sich nicht
um die Eltern bekümmerte, das war und blieb ihr eben so
schmerzlich als unbegreiflich.

Ihr Mann machte sich indessen daran, sich zu rasiren
und zu waschen. Darüber verging wieder eine halbe Stunde,
während deren sic ihren Hochzcitöstaat auöpackte und zurecht
legte. Inzwischen hörten sie alle Augenblicke Wagen rasseln,
aber immer kamen die Ersehnten nicht. Es wurde Zeit,

; sich anzukleidcn, wenn man vor zwölf Uhr fertig sein wollte.
Man glaubte, die Familie des Geheim-Rathö könne gleich
draußen im Landhause Hochzeitstoilette gemacht haben und
plötzlich sir und fertig ankommen, sie zur Kirche, abzuholen.
Der Herr Rath mußte sich entschließen, da die alte Magd
unten nicht abkommen konnte, selbst mit Hand anzulegcn,
seiner Gattin den Schnürlcib fester zu ziehen und das Hoch-
zeitskleid ein zu machen und dergleichen mehr, wobei er bald zum
Verdruß, balv zum Ergötzen seiner Frau die größt möglichste
Ungeschicklichkeit entwickelte. „Werde nur nicht ungeduldig,
liebes Trudchen!" sagte er dann begütigend bei jedem Fehlgriff.

' Endlich war man an: Ziele damit. Die Frau Räthin
saß breit, wie ein Pfau, der ein Rad geschlagen, auf dem
Sopha und fuhr bei jedem Wagenrasseln auf. Aber noch
immer kam Niemand. Da meinte der sonst so geduldige

Herr Rath: „Ich halt'ö nicht länger hier oben aus! Ich
will doch rasch einmal zu August gehen, ob ich ihn einheimisch
treffe. Dann wird sich die ganze Sache aufklärcn." Er
that's. Aber in der ihm bekannten Wohnung hieß es, der
Herr Doctor sei schon seit drei Tagen in die neue Wohnung
gezogen, und als er sich zu dieser mühsam hingefragt hatte,
fand er darin zwar alle Thürcn festlich bekränzt, aber den
Sohn nicht zu Hause. Er sei, so hieß eS, bei der Braut,
da er heut Hochzeit mache. So blieb ihm nichts übrig, als
zu seiner harrenden Gattin zurückzukehren. Unterwegs dahin
kam er auf dem Marktplatze an einem Delikatcsscnkellcr
vorüber. Das übte einen eignen Reiz auf seine Magen-
nervcn aus; schnell war er unten, aß hastig zwei, drei
Buttcrbemmen mit Lachöschnitten, dazu ein paar fetter
Neunaugen und spülte Alleö durch zwei Gläser Madeira
hinab. Nun fühlte er sich wieder Manns genug, des Lebcnö
Unverstand mit Wchmuth zu genießen. Er nahm noch rasch
ein mit Butter bestrichenes und mit Sardellen belegtes
Brötchen für seine Gattin mit und kam damit ganz und
gar nicht ungelegen. Noch immer hatte sich Niemand von
der Familie deö Gchcim-Naths blicken lassen, und doch ging
es stark auf zwölf Uhr. Traulich setzte er sich neben der
Gattin aufS Kanapee. Sie besprachen ihre Erlebnisse, die
ihnen wie ein sonderbares, märchenhaftes Abenteuer verkamen.
Es saß sich so ganz behaglich, besonders nach den Mühsalcn
einer langen Nachtfahrt. Sie lehnte den Kopf in die eine
Sophaecke, Er in die andere. Sie fragten sich oder dachten
im Stillen daran, wie sich das Räthsel, das sie offenbar
umgab, wohl auflösen werde; darüber schliefen sic ein.

Wir lassen sic schlummern.

Zwischen zwei und drei Uhr Nachmittags kam endlich der
Gehcim-Nath mit seiner Familie und seinen Gästen vom
Lande zurück, um in der Stadt zu speisen und war nicht
wenig verwundert, als er hörte, es seien schon frühe am
Tage neue Gäste angekommen, da er weder Einladungen
dazu erlassen, noch Anmeldungen davon erhalten. Wer die
Gäste waren und woher sic kamen, konnte er von der Koch-
frau nicht erfahren, dagegen, daß sie mit Ertrapost angc-
kommen, ziemlich ungeduldig und erstaunt erschienen, als sic
den Hausherrn und seine Familie nicht einheimisch gefunden,
und so viel Koffer und Kisten bei sich führten, als ob sic
die Absicht hätten, längere Zeit hier zu verweilen. Zur
nähern Aufklärung begab er sich nach Oben, die neuen Gäste
zu begrüßen. Er klopfte an die Thüre und als darauf von
Innen nicht geantwortet wurde, öffnete er leise und sah die
Beiden in den Sophaccken, im festlichen Hochzeitöstaatc, die
Frau Räthin gar eine Art Kopfputz im Haar, fest und
friedlich schlummern. So genau er sich das Paar auch
ansah, er kannte kcinS derselben, erinnerte sich auch uicht,
sie je gesehen zu haben. Sic zu wecken, verbot ihm die
Rücksicht auf die Gastfreundschaft, die sic von ihm erwarteten.
Leise, wie er gekommen, zog er sich zurück und nahm Rück-
sprachc mit seiner Gattin, daö Mittagessen noch um eine
Viertelstunde zu verschiebe».
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