Fliegende Blätter — 42.1865 (Nr. 1017-1042)

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Ein uneigennütziger Freund.

Und nun war er schon vierzehn Tage in der Residenz
aber noch hatte keiner seiner Gläubiger ein Lebenszeichen
von sich gegeben, das will sagen, Niemand war ihm mit
den verhängnißvollen protestirten Wechseln in seine Wohnung
gerückt. Und doch war er schon mehr als einem seiner
Gläubiger aus der Straße begegnet. Die Herren hatten
bei seinem Anblick sehr höflich gegrüßt und waren ihrer
Wege gegangen. Das versetzte ihn in grenzenloses Erstaunen.

„Es kann doch Niemand in aller Stille meine Schulden
bezahlt haben!" sagte er bisweilen — „Und es ist doch
auch nicht denkbar, daß Gläubiger ein schlechtes Gcdächtniß
für unbezahlte Wechsel haben oder plötzlich mit ihrem Schuldner
ein menschliches Rühren fühlen sollten!"

Er hütete sich wohl, wenn er einem der Herren be-
gegnete, ihn anzureden und um die Losung des Räthselö zu
befragen. Aber ihn überfiel zu Zeiten ein leises Grauen
vor der nächsten Zukunft, und während er sich um irgend eine
Anstellung bewarb, hatte er beständig das Gefühl, als schwebe
ein Damoklesschwert über seinem Haupte.

So viel genügt, um das aufzuklärcn, was der Baron
überlegte, indem er an der Seite seines kugelrunden Ge-
fährten die Gallerietreppe zum Ballsaal hinuntcrstieg.

Die Tanzpause war noch nicht vorüber, somit ward es
den beiden Herren nicht schwer, im Saale bis zu dem Divan
vorzudringcn, auf welchem die glückliche junge Besitzerin von
dreißigtausend Thalern Rente und einem noch mehr ver-
sprechenden liebenden Vater saß.

Der Baron Karl hatte, bevor er noch bemerkt wurde,
Gelegenheit, rasch und in der Nähe die Erscheinung von
Vater und Tochter zu prüfen.

Die Haltung der jungen Dame war in der That sehr
graziös und ihr Benehmen sichtlich weit entfernt von jener
Arroganz, die jungen Mädchen häufig eigen zu sein pflegt,
deren Väter sich vom Krämer zum Hausbesitzer und reichen
Mann emporgeschwungen haben. Dazu kam noch, daß ihre
Toilette einen geläuterten Geschmack erkennen ließ, ihr.üppiger
Haarwuchs von einem bezaubernden Goldblond und der Teint
des Antlitzes wie der schön gemeißelten Schultern und Arme
von blendender Weiße war, die feinen Züge ein mit sinnlichem
Anflug gepaartes Schmachten auödrückten, das jedenfalls ge-
eignet ist, ein Interesse des Pikanten einzuflößen, und daß
schließlich die blauen Augen unter langen dunklen Wimpern
und fast immer ein wenig gesenkten Lidern träumerisch reizend
aufdämmerten.

Dagegen sah man dem Vater Kleiderstock auf den ersten
Blick an, daß er im schwarzen Frack und der weißen Hals-
binde sich nicht so heimisch fühle, als dieses früher im fettigen
Comptoirrock der Fall gewesen. Obwohl man ihm somit
den Emporkömmling sogleich anmerkte, hatte er doch nicht
eigentlich etwas von der sprichwörtlich gewordenen, lächer-
lichen Anmaßung eines solchen, sondern gab sich ziemlich
schlicht und nur ein wenig steif, da es doch der Eitelkeit
des guten, beschränkten Mannes erklecklich schmeichelte, unter
so vornehmen Herrschaften als ein Krösus umherspazieren zu

können. Seine hageren Züge, die ein stets verbindliches
Lächeln — vermutlich stammte dies stereotype Lächeln aus
der Krämerzeit her und war nicht mehr zu verwischen —
in eine respektable Fratze verzog, drückten zur Genüge den
behaglichen Seelenzustand des Mannes aus.

„Das Mädchen ist reizend," flüsterte Baron Karl dem
korpulenten Gefährten zu — „und ich glaube, der lange
Vater wird auch zu ertragen sein und Einen in guter Ge-
sellschaft durch sein Wesen nicht gradezu auf die Folter
spannen. Ich vermuthe, das schöne Kind hat einen Hang
zur Schwärmerei."

„Gratulircn Sie sich dazu, Herr Baron!" lispelte das
Männchen dagegen — „Sie werden Fräulein Rosa Halb-
leitncr um so leichter für sich gewinnen. Sie sind Baron,
Sie tanzen sicher wie ein junger Gott, blaß sind Sic auch,
haben einen interessanten schwarzen Schnurrbart und noch
interessantere Augen, cs kann Ihnen nicht fehlen. Sprechen
Sie von Reisen, die Sie nicht gemacht haben, von Aben-
teuern und Gefahren, die Sie während derselben bestanden,
und dieses zarte Rentenherz wird Ihnen zuflicgcn. Ihnen
den Vater günstig zu stimmen, das ist meine Sache!"

„Aber mein Gott, Sie denken allen Ernstes daran,
daß ich —?"

„Still, mein junger Freund, man bemerkt uns!"

In der That wandten sich jetzt die Blicke' des langen
Herrn und seiner Tochter dem ungleichen Paare zu.

Der Millionär Halbmaier hatte kaum den kleinen
kugelrunden Emerentius Müller erblickt, als er diesem eine
seiner Ricscnhände cntgegcnstrecktc, ihn zu sich zog, wie
man einen Spiclball an sich nimmt, und dabei so verbindlich
lächelte, als stehe er hinter dem Ladentische einer Kundschaft
gegenüber.

Baron Karl folgte dem Männchen, indem er die junge
Dame, sowie den Erkaufmann grüßte, und zwar mit einiger
Befangenheit wie sich nach dem Gespräche denken läßt, das
er soeben mit seiner neuen Bekanntschaft geführt hatte.

„Ah, Müller, Sic müssen aber auch überall dabei sein!"
schnarrte der verschrumpftc Millionen- und Tochterbcsitzer
das Männchen an, während Fräulein Rosa ihren dämmernden
Blick über die Gestalt des hübschen jungen Herrn hingleitcn
ließ. — „Hat Sie der Kukuk wieder auf einem Balle?
Sie tanzen doch nicht, sollte man glauben!"

„So wenig wie Sie, Herr von Halbhuber!" kicherte
das Männchen.

„Um Gottes willen!" rief der lange, dürre Herr
pathetisch — „Lassen Sie mir doch meinen ehrlichen Namen!"

„Den sollen Sie behalten!" schwatzte der Kleine fort —
„Also Sie tanzen so wenig wie ich, und sind doch auch hier!"

„Ah, nur wegen meiner Tochter, sollte man glauben!"

„Und ich wegen meines Sohnes!"

Herr Halbmaier riß die Augen auf und starrte ab-
wechselnd den Baron und den kleinen Herrn an.

„Ah," antwortete er — „Sie waren ja nie verhcirathct,
lieber Müller, und sind eö noch nicht, sollte man glauben —"
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