Fliegende Blätter — 43.1865 (Nr. 1043-1068)

Page: 41
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb43/0044
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
.. Bestellungen werden in allen Buch- und Kunst- Erscheinen wöchentlich ein Mal. Subscriptionö-^^

Handlungen, sowie von allen Postämtern und jW ro' M $8%, preis für den Band von26Nummern 3fl. 54 kr. ^ ^ -

Zeitungserpeditionen angenommen. od. 2 Rthlr. 5 Sgr. Einzelne Nummern 9 kr. od. 2'/, Sgr.

Bädeker junior.

(Fortsetzung.)

„Gut, Du kommst mir wie gerufen!" sprach er halb
leise für sich, nahm Feder und Papier und schrieb an den
Besitzer desselben:

„Verehrter Freund!

So eben erfahre ich, daß Herr Bädeker junior in
diesem Augenblicke hier in Teplitz in der Stadt London
incognito verweilt und in nächster Zeit auch Dresden be-
suchen wird, um Behufs einer neuen Auflage seines viel-
berühmten Reisehandbuchs, dieses sicheren Leitfadens aller
Reisenden, die Gasthöfe einer neuen Prüfung zu unter-
werfen. Ich weiß cs von seinem Reisegefährten, der
eigentlich sein Secretair und Factotum ist. Hier weilt er
unter dem Namen „Müller"; aber ob er sich auch so in
Dresden nennen wird, Hab' ich nicht erfahren können. Ich
füge deßhalb sein Signalement bei: lange, etwas hölzerne
Figur mit wenig Grazie, schwarzes, struppiges Haar, kleine
stechende Augen, ein Schnurrbärtchen, an dem er beständig
zerrt und dreht, u. s. w. Da er zunächst zu Ihnen
kommt, so werden Sie Ihre Arrangements danach treffen.
Gott befohlen!

Teplitz, den 3. Aug. Ein alter Kunde."

Er siegelte, schrieb die Adresse und ließ den Brief so-
gleich zur Post bringen.

Am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich bei der
Familie Felsing, unter dem Vorwände, daß Nachrichten, die
sie am Abend vorgefundcn, ihre schleunige Rückreise nvthig
machten. Das war ein Donnerschlag für die Familie Felsing.
Der alte Herr biß vor Ucbcrraschung fast die Cigarrenspitze
entzwei und die Mädchen, die lieben Kinder, ließen die Köpf-
chen hängen und vermochten nicht beim letzten Händeschütteln
eine Thräne der Wehmuth zu unterdrücken. „Und wir müssen

nun noch drei Wochen hier verweilen! O wie langweilig
werden sie uns werden!" seufzten sie untereinander, indem
sie den beiden jungen Männern nachsahcn.

„Aber nun fort! gleich in einem Zuge bis Berlin!"
rief der Staatsanwalt mit todesmuthigem Entschlüsse aus,
„damit ich meine Gedanken und meinen Acrger in den Acten
vergraben kann!"

„Wo denkst Du hin, Müller!" warf ihm dagegen sein
Freund ein. „Wehe dem armen Sünder, gegen den Du in
solcher Stimmung eine Anklage aufzusctzen hättest. Besänftige
erst Dein Blut und schlürfe zuvor von der Milch der from-
men Denkungöart. Langsam und sicher! sagt ein gutes
Sprüchwort. Erst wollen wir die zwischen uns und unserm
Reiseziel liegende anmuthige, sächsische Schweiz durchpilgern.
Was würden unsere Bekannten sagen, was der Filz von
Justizministcr, wenn er hörte, daß wir von einem sechs-
wöchentlichen Urlaub schon in drei Wochen zurückgekehrt und
von allen Herrlichkeiten der Welt weiter nichts gesehen hätten
als ... . zwei hübsche Nürnbergerinnen."

„Ist das nicht genug?" fragte der Staatsanwalt vor-
wurfsvoll.

„Nein! es ist erst Etwas, aber noch nicht genug!"
erwiderte der Freund lächelnd. „Wir müssen für unser vieles
Geld auch etwas von der Welt sehen, fahren zunächst nach
Bodcubach, von wo aus wir unsere Koffer u. s. w. nach
Dresden in den deutschen Kaiser, einen billigen Gasthof, sen-
den, und durchpilgern dann zu Fuß die sächsische Schweiz.
Uebcrmorgen Abend kommen wir dann nach Dresden und
fahren gleich mit dein Nachtzuge nach Berlin."

„Du hast ein kieselhartes oder vielmehr ein leichtsinniges
Herz," warf der Staatsanwalt gedankenvoll ein, „daß Du

6
loading ...