Fliegende Blätter — 43.1865 (Nr. 1043-1068)

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löbcfcr junior.

(Schluß.)

„Ach, werthester Herr Vetter, stelle Dich doch nicht so!"
antwortete der Wirth etwas verschnupft. „Du weißt ja so
gut und noch besser als ich, daß es Herr Bädcker, der ver-
ehrte Herr Bädeker junior ist!"

„Mensch! wer hat Dir denn das gesagt?" forschte
Felsing ungeduldig weiter.

„O Vetter!" erwiderte der Wirth stolz, „das brauchte
mir Niemand zu sagen. Ich habe selbst Merks genug. Wer
mit so vielen Menschen zu thun hat, wie ein Wirth, der
bekommt zuletzt wahre Polizeiaugen und läßt sich so leicht
kein •£ für ein U machen, selbst" — hier kitzelte er ihn in
den Seiten — „von einem so lieben Vetter und Anver-
wandten nicht. Und außerdem hat es mir sein eigener Se-
cretär, Herr Otto, der mit ihm reiste, zugeben müssen?"

„Herr Otto, sein Reisegefährte?" fragte in steigender
Verwunderung Felsing.

„Nun ja, wie Du willst, sein Reisegefährte!"

„Das ist ja mein zweiter künftiger Schwiegersohn, Käth-
chens Verlobter."

„Ei sieh da! gratulirc bestens!" preßte mühsam der Wirth
hervor, denn es wollt' ihm gar nicht aus dem Sinn, daß der
reiche Fclsing die jüngste Tochter einem Secretär verlobt habe.

„Und der soll Dir's gestanden haben?" fragte mit
neuem Staunen Felsing.

„Ja, der hat mir's zugeben müssen. Und nun Du
sichst, daß ich Euch hinter die Karten geschaut habe, so laß
endlich den Spaß fallen!"

„Ja, Du hast Recht, der Jrrthum muß endigen!" rief
Felsing, lief an das Zimmer seiner Tochter, öffnete und sagte:
„Herr Sohn auf einen Augenblick, wenn ich bitten darf!"
Der Staatsanwalt folgte sofort dem Rufe und auch Settchen
und Käthchcn schlossen sich ihm neugierig an.

„Herr Sohn," sagte Felsiug unter Lachen, „mein Vetter
hier glaubt, Sie seien Bädeker juuior."

„DaS ist er auch!" lachte das muntere Käthchcn laut
auf, „Settchcns Bädeker und Führer durch's Leben!"

„Na, sichst Du, Herr Vetter!" rief triumphirend der
Wirth, sich zu Felsing wendend. „Willst Dü nun noch hinter
dem Berge halten? Und was sagen Sie dazu, verehrter
Herr und künftiger Anverwandter?" fügte er pfiffig schmun-
zelnd hinzu, sich an den vermeinten Bädcker junior wendend.

„Nichts!" erwiderte dieser lachend und sich am Barte
zerrend, „als daß ich wünschte, ich wär's. Dann braucht'
ich in Berlin nicht hinter den Acten zu sitzen und Anklagen
zu erheben. Wie komm' ich zu der Ehre?"

„O läugnen Sie nur noch, Sie sind früher entpuppt,
als Sie's meinten!" lachte der Wirth und zog triumphirend
des Assessors Tcplitzer Brief aus der Tasche, entfaltete ihn,
prüfte nochmals des Staatsanwalts ganze äußere Erscheinung
und sagte seiner Sache gewiß: „Das ganze Signalement
paßt auf's Härchen!"

„Welches Signalement?" rief Settchen neugierig, riß
ihm das Schreiben fast ungestüm aus der Hand und that
einen Blick hinein.

„Lies laut!" sagte Papa Felsing, der nun den lange
vergeblich gesuchten Schlüssel endlich zu finden hoffte.

Settchen folgte dieser Aufforderung unter allgemeiner
Spannung und Neugierde. Als sie aber an die Worte kam:
„ Lange, etwas hölzerne Figur init wenig Grazie," rief sie mit komi-
schem-Unwillen aus: „Abscheulich! und das soll auf Dich passen?"

„Auf's Härchen!" lachte der Staatsanwalt, der seines
Freundes Hand erkannt hatte, ohne sich's merken zu lassen.

„Ei, so^Hes doch weiter, Settchen!" rief der Vater
ungeduldig.

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