Fliegende Blätter — 45.1866 (Nr. 1095-1120)

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I

18 Zacharias Hasenmeier's Abenteuer.

(Fortsetzung.)

Wenn ihn aber während dieser Zeit nicht eine — wie
bisher irrthümlich berichtete — purpurfarbene, sondern weit
eher Bouteillenglasfarbene Finsierniß umgeben hatte, so be-
merkte er jetzt zu seinem Erstaunen, daß sich die Dämmerung
augenscheinlich lichtete, Gegenstände umher wurden sichtbar —
hie und da begegnete er einem riesigen Seeungeheucr, das
sich faul in seinem Element herumwälzte, und keine Ahnung
von der Nähe eines fremden Hutmachergesellen zu haben
schien — unangenehme Quallen und Blasen trieben sich dort
umher, und Fische sah er hier und dorthin schießen — ob
die aber aufwärts fuhren, oder er abwärts, war er nicht
im Stand zu sagen, denn seine ganze Aufmerksamkeit blieb
in diesem Augenblick auf den, unter ihm befindlichen Raum
gerichtet, der mit jeder Secunde mehr aus der dichten Finster-
niß heraustrat, und mit einem ganz eigenthiimlichen Licht
übergossen schien.

So mußte es einem Menschen zu Muthe sein, der aus
hoher Luft in einem Ballon zur Erde niedersank, so daß
unter ihm, je tiefer er kam, das weite Land Heller und
klarer sichtbar wurde, bis sich endlich die einzelnen Baum-
gruppcn und Ortschaften und zuletzt Häuser und Menschen
klar und genau erkennen ließen.

Dort lagen weiße, zackige Flächen, aus denen er nicht
klug werden konnte, denn sie sahen aus wie beschneit —
dort breiteten sich weite grüne Ebenen, mit Thieren auf der
Weide, dort standen Häuser, die in jenem wunderbaren Licht
funkelten und blitzten und in rasender Schnelle zu wachsen
schienen. Ehe Zacharias aber nur einen Ueberblick über das
Ganze gewinnen konnte fuhr er plötzlich bis über die Knie
in weichen Sand hinein, blieb aber nicht darin sitzen, son-
dern wurde wie von selber wieder herausgchobcn. — Und
was das für eine curiosc Gegend war, in der er sich
befand!

»Jetzt — wenn ich nicht auf Reisen wäre," brummte er
leise vor sich hin, „sollt' ich meiner Seel' denken, diePappcl-
allee führte nach Halle hinein — aber puh, wo liegt Halle!"

Er befand sich in der That in einer langen, schnur-
geraden Allee, die freilich aus den wunderbarsten Bäumen
bestand. Sie sahen wohl so aus wie Pappeln, aber hatten
gar keine Blätter, sondern nur dünne elastische und sich
fortwährend bewegende Zweige. Gar nicht weit voraus aber
lag ein Haus — er konnte das Dach im Lichte blitzen sehen
und ohne sich lange zu besinnen, marschirte er darauf zu. —
Aber sein Blick fiel dabei unwillkürlich auf den Weg, in
dem er auch nicht die Spur von einem Wagengleis bemerkte
— mit den Ertraposten sah es jedenfalls windig aus.

Zu solchen Betrachtungen blieb ihm jedoch keine lange
Zeit, denn viel rascher als er gedacht, erreichte er das HauS.
Und wie sonderbar leicht sich das hier ging; den Tornister
fühlte er fast nicht auf den Schultern, die Füße nicht auf
dem Boden, und der schwere Knotenstock hob sich bei jedem
Schritt immer ganz von selber wieder.

Und da lag das Haus: es war aus rauhen Corallen-

blöcken aufgeführt, aber mit den herrlichsten Perlmuttcrschalen
gedeckt, und hatte Thürcn und Fenster, wie die Häuser an
der Oberwelt — die Fenster bestanden aber nicht aus Glas,
sondern aus Hausenblase und der Thürgriff war aus Bern-
stein, wie der Thürklingelgrisf aus einem Zahn des Sperma-
cetiwals gemacht.

Aber nur einen Blick warf er auf diese äußeren Bau-
lichkeiten, denn zu seinem Erstaunen bemerkte er jetzt, daß
vor dem Haus, auf einer dort angebrachten Austerbank, ganz
gemüthlich ein menschenähnliches Individuum saß, das ihn,
anscheinend eben so überrascht, betrachtete.

Es war eine kleine dicke Gestalt mit einer runden
Schuppenmütze auf, aber sonst wohl ganz kahlem Kopf und
einem Gesicht, das weit eher einem Knöpfen, als einem
menschlichen Wesen glich. Uebrigens hatte eS Arme und Beine,
nur daß der untere Theil derselben an den Seiten Flossen
zeigte, auch trug cs eine Art Schlafrock aus irgend einer
Seegrasart geflochten, der um den Leib mit einem Corallen-
gürtel festgebunden war.

„Gu'n Morgen", sagte der Fischschwänzige ruhig, und
Zacharias erschrak ordentlich über die deutsche Anrede, aber
alte Gewohnheit ließ vor der Hand kein anderes Gefühl in
ihm aufkommen, und seinen Hut schnell herunterreißend, sagte
er höflich:

„Armer reisender Handwerksbursch; seit drei Tagen 1
keinen warmen Löffel im Leibe gehabt."

„Jemine Junge," lachte da der kleine Dicke vergnügt,
ohne aber in die Tasche zu greifen, „das ist eine lange Zeit,
seit ich keinen Handwerksburschcn hier gesehen habe. Wo
kommst Du denn her? bist Du erst kürzlich ersoffen?"

„Bitte," sagte Zacharias, „so viel ich mich erinnere
noch gar nicht — ich habe meinen ordentlichen Paß bei
mir, und wollte nur einmal sehen wie's hier unten aus-
schaut — sehr hübsche Gegend."

„So?" sagte der Kleine, aber dabei ungläubig mit dem
Kopf schüttelnd, „also Du bist nicht ersoffen — das ist
doch eigentlich merkwürdig. Woher kannst denn Du das
Wasser vertragen?"

„Entschuldigen Sie," sagte Zacharias, der die Mög-
lichkeit eines Geschenkes noch nicht aufgab, und deshalb seine
Höflichkeit bewahrte, „ich bin wasserdichter Hutmachcrgescll
und da —"

„Ja so, das ist was Anderes," nickte der Kleine,
„aber bist noch nicht lang hier, wie? — gefällt's Dir hier
bei uns?"

„Muß schon sagen, daß mir's gefällt," meinte der
Hutmacher, „nur — ein Bischen feucht kommt mir die
Gegend vor."

„Aber man gewöhnt's," meinte der Kleine wieder, „ich
wohne nun jetzt schon etwas über zweitausend Jahr hier und
befinde mich ganz wohl —"

„Donnerwetter, das ist eine schöne Zeit," rief Zacha-
rias , „und darf man fragen, was Sie eigentlich für ein
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