Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Overview
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
w

16. Bestellungen werden in allen Buch- und Kunst- Erscheinen wöchentlich ein Mal. Subscriptions-

' Handlungen sowie von allen Postämtern und preis für den Band von 26 Nummern 3 fl. 54kr.

t^ei tnn g s expedi tion en angenommen.___ od. 2 Rthlr. 5 Sgr. Einzelne Nummern 9 kr. od. 2'/- Sgr.

- Im Walde.

Die Morgensonne goß ihre milden Strahlen weithin aus
durch den lichtblauen Aether und küßte die Wipfel des Wal-
des, der in frischem Thauglanz schimmernd aus der duftum-
ßoffenen Landschaft emporstieg. Regungslos lag die Gegend
da im Scheine des Morgens, ein grüner lenzgeschmückter Altar,
von dem, wie weißer Opferdampf, der Frührauch aufwärts
Zum Himmel wallte. Still war cs, still, nur die Lüfte
flüsterten leise und hinwogend durch die Wipfel trugen sie die
Botschaft von einem zum andern, die selige Botschaft des
Morgens: Friede, süßer Friede! und drunten im dämmern-
den Dunkel der 'Waldnacht flüsterten es die Gräser nach,
und die Glockenblumen läuteten es weiter, bis cs in vollem
Chore hinrauschte durch den weiten Wald mit frohem wonni-
sten Klange: Friede, Friede!

Mitten im Walde lag im Schatten rauschender Wipfel,
umschlossen von grünbelaubten Gebüschen, eine einsame Hütte.
Die Sonne vergoldete das verwitterte moosige Dach, um das,
als wollte das Leben mit des Frühlings mächtigen Banden
»och dem Zerfallen wehren, wilder Wein in dichter Fülle seine
Ranken wob. Keine ordnende Hand hatte seinem Wachsthum
Einhalt gcthan und so war er vom Dache hinabgeglitten zu
den Wänden und hatte mit grünem Netze Mauern und
Fenster umsponnen, daß. das Licht des -vages nur in ge-
dämpftem Schimmer hindurchzudringen vermochte. Es siel in
Gr ziemlich geräumiges Gemach, das aber ebenso öde und
verlassen erschien als das Acußcre der Hütte. Ein roher
eichener Tisch und ein paar kunstlos gearbeitete Schemel waren
das Einzige an Geräthschaftcn, wie sie sonst in einem Zimmer
sich finden, nur über dem halbverfallenen Kamin, dessen Wan-
dungen Schimmel und Moder mit grüner Hülle überzogen
hatte, und an den Mauern entlang hingen über Kreuz

Büchsen, Hirschfänger und andere Jugdwerkzeuge, während
darunter in langen Reihen Hirschgeweihe und ausgestopfte
Vögel befestigt waren; doch alle diese Ausschmückungen hatten
schon lange ihren Glanz verloren, die Eisen waren erblindet
und verrostet, die Farbenpracht der Federn hatte sich verwischt
und über allem jahrelanger Staub sich gelagert: Niemand
lüftete je die Decke, an der er langsam aber unablässig ge-
arbeitet hatte. Nur die Sonnenstrahlen, die durch das Laub-
werk, daS die Fenster verhüllte, in das Zimmer fielen und in
unstäter wechselnder Bewegung am Boden hintanzten, verrietheu,
daß der Ort wenigstens nicht ganz vom Leben vergessen war.

Doch noch ein anderes Leben athmcte in der Nähe,
schien es auch fast nur ein Trugbild des Lebens, das Leb-
loseste in diesem öden lebenvcrlassenen Raume. Am Fenster
saß in vorgebcugtcr Stellung ein Mann, dessen Aussehen
zeigte, daß schon lange Jahre verflossen waren, seit frische
Jugendkraft diese morschen verfallenen Glieder geschwellt und
belebt hatte. Das weiße Haar, das nur noch in spärlichen
Locken den Scheitel umwallte, schimmerte im Glanze der
Sonnenstrahlen, die über ihn hinweg glitten und regungslos
auf dem Fensterbrett ruhte der Arm, der daS vorgesunkcnc
Haupt unterstützte. Und wie todesstarr waren diese Züge in
ihrer eisigen, unveränderlichen Ruhe, die kein Wechsel der
Empfindung unterbrach! Wohl mochten sie einst schön ge-
wesen sein, aber die Seele die >ie belebte, war erstorben und
wie in Erz gegraben trugen sic immer und immer dasselbe
Gepräge, daö Gepräge eines langen versteinernden Schmerzes,
das kein Trost, kein Vergessen je gemildert hatte. Die Lieder
waren über die Augen herabgcsunken, doch schlummerte er
nicht, denn zuweilen hoben sic sich scheu und zögernd empor,
aber die ungewissen und in unheimlichem Glanze brennenden


Image description
There is no information available here for this page.

Temporarily hide column
 
Annotationen