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Im Walde.
Blicke ließen erkennen, daß in dieser Seele ein finsterer Gast
seine Wohnung aufgcschlagcn: durch die düstern Wimpern
blickte der Wahnsinn hohnsprcchcnd der blühenden Natur, die
ihr reiches fröhliches Leben draußen vor ihm entfaltete.
Noch starrte der Mann in finsterm Schweigen auf den
Boden, da ward cs im Walde lebendig von den Stimmen
des erwachenden Morgens, cs rauschte und raunte in allen
Sträuchen und Wipfeln, bunte Falter flatterten unter den
nickenden thaubeglänzten Blumen umher und die Sänger
des Frühlings ließen ihre jubelnden Lieder weithin durch die
grünen Räume erschallen. Einer aber von ihnen ließ sich
nieder unter den Bäumen, deren Kronen das Dach der Hütte
beschatteten und ans einem Zweige sich wiegend, der dicht vor
dem Fenster im frischen Hauche des Morgens seine Blüthcn
nieder auf den Rasen streute, schmetterte er aus voller Brust
in Wonnetönen seinen Gruß durch die duftigen lebcnathmcn-
dcn Hallen des Waldes. Da erwachte der Mann am Fenster
aus seiner todcsgleichcn Erstarrung, er blickte hinaus durch
die laubumgrüntcn Scheiben auf das Blühen und Leben, das
aus allen Wipfeln und Zweigen ihm cntgegcnrauschte, er ver-
nahm die jubelnde Kunde, daß der Frühling, der erweckende,
wonnespendende Frühling gekommen, aber die eisige Rinde
schmolz nicht hinweg von dem erstarrten Herzen, ungelöst
blieb des Geistes finstrer Bann, nur die Worte flohen hohl-
tönend von den bleichen Lippen: „Frühling — Frühling —
die Vögel singen und die Blüthcn fallen und keine, keine
Ruhe!-"
Es war viele, viele Jahre früher, da war auch der
Frühling im Walde eingezogen mit Duften und Blühen und
fein froher Gruß rauschte durch die grünen Räume. Da
schimmerte auch die einsame Hütte so schmuck und freundlich
zwischen dem dunkeln Tanncngrün und den halbbclaubtcn
Gebüschen hervor und die blanken Scheiben der Fenster, die
hell im Sonnenscheine blitzten, vergönnten einen freien Ein-
blick in das trauliche Gemach. Drinnen aber lebte Frühling
und Wonne in einem jungen Herzen, das sich froh und selig
den goldenen Träumen dcS LenzcS geöffnet hatte. Und diese
Träume, cS waren die alten und doch ewig' jungen und
frischen Träume wieder, die dieses Herz einwiegten in Selig-
keit, die zu ihm sprachen von Liebe, von hoffnungsvoller be-
glückter Liebe, an ihnen hing es fest mit unauflöslichen
Banden, wurden sie ihm genommen und die Bande zerrissen,
dann blieb ihm Nichts als zu brechen, zu sterben. Und cS
brach. Draußen im heiligen Tempel des Waldes hatte der
Glückliche die Geliebte zum ersten Male sein eigen genannt,
dort hatte ihr Herz zum ersten Male liebend an dem seinen
geschlagen und sic hatten sich Treue gelobt, unverbrüchliche,
die nichts scheiden sollte alS der Tod. Aber ein düsterer
Schatten schwebte über dem Bunde und das finstere Gespenst
schlich mit unhörbarem Tritte näher und näher, bis cs
plötzlich vor ihnen stand in schrecklicher Enthüllung und der
Schlag fiel, der den goldenen Traum zerriß und den blühen-
den Frühling in öde Winternacht verwandelte. Blut war
geflossen über den grünen Teppich des Waldes und hatte die
Blumen übcrströmt, daß sic schaudernd knickten und ver-
welkte» , Blut war geflossen und tobt lag sie da unter den
blühenden Kindern des Lenzes. Das war der Schlag ge-
wesen, der zwei Herzen brach, der wie er vernichtend nieder-
sicl in eine glückliche Seele, den finstern Dämon in ihr
heraufbeschwor und sie der ewigen Nacht des Wahnsinns in
die Arme schleuderte.
Im Waldesschatten ward die Gemordete eingcsenkt, am
Fuße einer Linde, die wie sie einst frisch und fröhlich über
dem Bunde der Liebenden rauschte, und ihre Schwüre in das
verschwiegene Dunkel ihbcr Zweige aufnahm treu noch den
grünen Nasenhügel beschirmte, auf dem die weißen Blüthcn
cineö Rosenstrauches nickten. So schlief sie drunten und die
Geister des Waldes wachten über ihrem Grabe, er aber
mußte weiter leben, ein Leben der wildesten, wahnsinnigsten
Verzweiflung. Plötzlich aber ward er ruhiger, die einzige
Hoffnung, die er noch fassen konnte, war ihm geworden, die
Hoffnung, bald der Geliebten folgen zu dürfen, denn als er
im trostlosen Schmerz versunken an ihrem Grabe kniete, da
war sic zu ihm getreten und hatte mild und tröstend ihm
gesagt: „wenn der Frühling kommt und die Blüthcn über
mein Grab fallen, dann wird mein Mörder gerichtet und Du
wirst dann zu mir kommen." Er hatte sie gesehen, so deut-
lich , als ob sie noch lebte, er hatte ihre liebe tröstende
Stimme vernommen und er hoffte, und ward ergebener; aber
der Frühling kam und die Blüthcn sielen und er lebte, ein
Frühling nach dem andern schwand und die Jahre rollten
dahin und er lebte noch, war auch das Herz erstorben und
die Seele in Jrrsinnsnacht gefesselt: er war vergessen mit
seinem Schmerz von dem erlösenden Tode. In der Hütte
im Walde, die er früher bewohnt und wo man ihn ließ, da
seine wilde Verzweiflung einem dumpfen starren Hinbrüten
gewichen war, saß er stundenlang stumm und fühllos, und
verließ sic nur um hinaus zu gehen zur Linde an ihr Grab,
wo er knicete und den theuern Boden umfaßte und mit den
weißen Rosen sprach, als sollten sie ihm Kunde bringen von
der, die unter ihnen schlief, und ihm sagen, wann endlich der
Frühling komme, der ihn erlösen solle und ihn hinübcrtragcn
zu ihr. —
Am Abend jenes Frühlingstages, an dem wir zum
ersten Male den Wald betraten, erschien in der Schenke des
uahcgelcgencn Dörfchen« ein sonderbarer Gast. Er schien
bereits von hohem Alter zu sein, denn sein dünnes langes
Haar war ergraut und seine gebeugte Haltung zeugte von
der Last der Jahre, die er trug, trotzdem aber sprach aus
seinen Bewegungen eine cigeuthümlichc fast fieberhafte Hast,
die ihn für den Augenblick jünger erscheinen ließ, als er war.
Die Gewänder, mit denen er bekleidet war, waren abgenutzt
und hingen nachlässig um seinen Körper, die Füße waren
bloß und blutrünstig von langem Gehen und die Rechte stützte
sich auf einen derben Stock, wie ihn Wanderer zu tragen
pflegen. DaS unerwartet cingetretene Sturmwetter, das
einen starken Regen heraufführte, hatte gerade ungewöhnlich
Viel Gäste, meistens Landlcutc aus dem Dorfe, im Schenk-
Im Walde.
Blicke ließen erkennen, daß in dieser Seele ein finsterer Gast
seine Wohnung aufgcschlagcn: durch die düstern Wimpern
blickte der Wahnsinn hohnsprcchcnd der blühenden Natur, die
ihr reiches fröhliches Leben draußen vor ihm entfaltete.
Noch starrte der Mann in finsterm Schweigen auf den
Boden, da ward cs im Walde lebendig von den Stimmen
des erwachenden Morgens, cs rauschte und raunte in allen
Sträuchen und Wipfeln, bunte Falter flatterten unter den
nickenden thaubeglänzten Blumen umher und die Sänger
des Frühlings ließen ihre jubelnden Lieder weithin durch die
grünen Räume erschallen. Einer aber von ihnen ließ sich
nieder unter den Bäumen, deren Kronen das Dach der Hütte
beschatteten und ans einem Zweige sich wiegend, der dicht vor
dem Fenster im frischen Hauche des Morgens seine Blüthcn
nieder auf den Rasen streute, schmetterte er aus voller Brust
in Wonnetönen seinen Gruß durch die duftigen lebcnathmcn-
dcn Hallen des Waldes. Da erwachte der Mann am Fenster
aus seiner todcsgleichcn Erstarrung, er blickte hinaus durch
die laubumgrüntcn Scheiben auf das Blühen und Leben, das
aus allen Wipfeln und Zweigen ihm cntgegcnrauschte, er ver-
nahm die jubelnde Kunde, daß der Frühling, der erweckende,
wonnespendende Frühling gekommen, aber die eisige Rinde
schmolz nicht hinweg von dem erstarrten Herzen, ungelöst
blieb des Geistes finstrer Bann, nur die Worte flohen hohl-
tönend von den bleichen Lippen: „Frühling — Frühling —
die Vögel singen und die Blüthcn fallen und keine, keine
Ruhe!-"
Es war viele, viele Jahre früher, da war auch der
Frühling im Walde eingezogen mit Duften und Blühen und
fein froher Gruß rauschte durch die grünen Räume. Da
schimmerte auch die einsame Hütte so schmuck und freundlich
zwischen dem dunkeln Tanncngrün und den halbbclaubtcn
Gebüschen hervor und die blanken Scheiben der Fenster, die
hell im Sonnenscheine blitzten, vergönnten einen freien Ein-
blick in das trauliche Gemach. Drinnen aber lebte Frühling
und Wonne in einem jungen Herzen, das sich froh und selig
den goldenen Träumen dcS LenzcS geöffnet hatte. Und diese
Träume, cS waren die alten und doch ewig' jungen und
frischen Träume wieder, die dieses Herz einwiegten in Selig-
keit, die zu ihm sprachen von Liebe, von hoffnungsvoller be-
glückter Liebe, an ihnen hing es fest mit unauflöslichen
Banden, wurden sie ihm genommen und die Bande zerrissen,
dann blieb ihm Nichts als zu brechen, zu sterben. Und cS
brach. Draußen im heiligen Tempel des Waldes hatte der
Glückliche die Geliebte zum ersten Male sein eigen genannt,
dort hatte ihr Herz zum ersten Male liebend an dem seinen
geschlagen und sic hatten sich Treue gelobt, unverbrüchliche,
die nichts scheiden sollte alS der Tod. Aber ein düsterer
Schatten schwebte über dem Bunde und das finstere Gespenst
schlich mit unhörbarem Tritte näher und näher, bis cs
plötzlich vor ihnen stand in schrecklicher Enthüllung und der
Schlag fiel, der den goldenen Traum zerriß und den blühen-
den Frühling in öde Winternacht verwandelte. Blut war
geflossen über den grünen Teppich des Waldes und hatte die
Blumen übcrströmt, daß sic schaudernd knickten und ver-
welkte» , Blut war geflossen und tobt lag sie da unter den
blühenden Kindern des Lenzes. Das war der Schlag ge-
wesen, der zwei Herzen brach, der wie er vernichtend nieder-
sicl in eine glückliche Seele, den finstern Dämon in ihr
heraufbeschwor und sie der ewigen Nacht des Wahnsinns in
die Arme schleuderte.
Im Waldesschatten ward die Gemordete eingcsenkt, am
Fuße einer Linde, die wie sie einst frisch und fröhlich über
dem Bunde der Liebenden rauschte, und ihre Schwüre in das
verschwiegene Dunkel ihbcr Zweige aufnahm treu noch den
grünen Nasenhügel beschirmte, auf dem die weißen Blüthcn
cineö Rosenstrauches nickten. So schlief sie drunten und die
Geister des Waldes wachten über ihrem Grabe, er aber
mußte weiter leben, ein Leben der wildesten, wahnsinnigsten
Verzweiflung. Plötzlich aber ward er ruhiger, die einzige
Hoffnung, die er noch fassen konnte, war ihm geworden, die
Hoffnung, bald der Geliebten folgen zu dürfen, denn als er
im trostlosen Schmerz versunken an ihrem Grabe kniete, da
war sic zu ihm getreten und hatte mild und tröstend ihm
gesagt: „wenn der Frühling kommt und die Blüthcn über
mein Grab fallen, dann wird mein Mörder gerichtet und Du
wirst dann zu mir kommen." Er hatte sie gesehen, so deut-
lich , als ob sie noch lebte, er hatte ihre liebe tröstende
Stimme vernommen und er hoffte, und ward ergebener; aber
der Frühling kam und die Blüthcn sielen und er lebte, ein
Frühling nach dem andern schwand und die Jahre rollten
dahin und er lebte noch, war auch das Herz erstorben und
die Seele in Jrrsinnsnacht gefesselt: er war vergessen mit
seinem Schmerz von dem erlösenden Tode. In der Hütte
im Walde, die er früher bewohnt und wo man ihn ließ, da
seine wilde Verzweiflung einem dumpfen starren Hinbrüten
gewichen war, saß er stundenlang stumm und fühllos, und
verließ sic nur um hinaus zu gehen zur Linde an ihr Grab,
wo er knicete und den theuern Boden umfaßte und mit den
weißen Rosen sprach, als sollten sie ihm Kunde bringen von
der, die unter ihnen schlief, und ihm sagen, wann endlich der
Frühling komme, der ihn erlösen solle und ihn hinübcrtragcn
zu ihr. —
Am Abend jenes Frühlingstages, an dem wir zum
ersten Male den Wald betraten, erschien in der Schenke des
uahcgelcgencn Dörfchen« ein sonderbarer Gast. Er schien
bereits von hohem Alter zu sein, denn sein dünnes langes
Haar war ergraut und seine gebeugte Haltung zeugte von
der Last der Jahre, die er trug, trotzdem aber sprach aus
seinen Bewegungen eine cigeuthümlichc fast fieberhafte Hast,
die ihn für den Augenblick jünger erscheinen ließ, als er war.
Die Gewänder, mit denen er bekleidet war, waren abgenutzt
und hingen nachlässig um seinen Körper, die Füße waren
bloß und blutrünstig von langem Gehen und die Rechte stützte
sich auf einen derben Stock, wie ihn Wanderer zu tragen
pflegen. DaS unerwartet cingetretene Sturmwetter, das
einen starken Regen heraufführte, hatte gerade ungewöhnlich
Viel Gäste, meistens Landlcutc aus dem Dorfe, im Schenk-



