Fliegende Blätter — 52.1870 (Nr. 1277-1302)

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Ein Monat im Bade.

«Fortsetzung.)

Emilie an Auguste.

Den 5. Juli.

Ich kann nun einmal nicht anders, Auguste, ich muß Dir
schon wieder schreiben. Kenne ich doch noch gar Niemanden hier,
gegen den ich mich tüchtig ausschwatzen könnte, und ausschwatzen
muß ich mich nun einmal, das weißt Du; ich befinde mich sonst
nicht wohl.

Die Modezeitung hast Du mir noch nicht geschickt, und ich
hoffe deßhalb, cs wird nichts Wichtiges darin stehen. Mama
lüic sic auch gern, aber in diesem esenden Orte ist sie ja nirgends
zu haben. Und das soll ein Bad sein! — Freilich ist das
Bad hier noch neu und da sind auch die Leute alle noch Neu-
linge und etwas gar zu roh und simpel, so daß man nicht re«ht
weiß, ob man über sie lachen oder sich ärgern soll. Es ist indeß
zu hoffen, daß sie sich mit der Zeit noch abschleifen werden.

Wenn nur nicht obendrein noch das Wetter hier jetzt gar
zu unverschämt gut wäre! Die wenigen Badegäste, die hier sind,
zerstreuen sich jetzt nach allen Richtungen in's Freie. Ein Con-
ccrt, ein Ball ist noch gar nicht zu Stande gekommen. Selten,
daß mau in den, Cnrsaale eine vernünftige Seele sieht. Will
»ran also wohl oder übel, so muß man auch hinaus auf die
steilen und steinigen Pfade, wo man alle Augenblicke ein Paar
Schuhe zerreißt, — was sie hier „romantisch" nennen, — und
’D0 man am Ende doch nichts sieht, was man nicht i«i der Re-
sidenz und ihren Parks viel bequemer sehen kann. Höchstens
daß man einmal hier einen Narren trifft, der sitzt und malt,
dvrr einen andern, der gar dichtet. Und diesen langweiligen Bc-
ichäftigungcn liegen diese Leute mit einem Eifer ob, daß sie
b'inen kaum bemerken und grüßen!

Den Kopfputz mit den Silberblumen habe ich dieser Tage

eigentlich noch ganz umsonst aufgesetzt; ich glaube, es hat ihn
noch gar Niemand bemerkt. — Wenn es doch mir wenigstens
anfinge, ein bischen zu regnen, daß die Gesellschaft einiger-
maßen zusammen käme. So ist's auch gar zu unerträglich hier,
und wenn das so fortgehen sollte, so wollte ich lieber, wir pack-
ten gleich wieder ein und führen zurück.

Brand an Hab ermann.

Den 9. Znli.

Verdammt! Ta hat sich nun seit vorgestern Abend ans ein-
mal ein recht verdrießliches Regenwetter eingestellt, das noch dazu
so ein acht Tage anzuhalten verspricht. Mit den romantischen Aus-
flügen ist's vor der Hand aus, und mit der poetischen Stimmung
auch. — Was soll man thun? — Zwar verbringe ich einen
Thcil des Tages damit, meine Gedichte auszufcilen und zu eopiren,
nehme auch wohl ein Bad, was mir übrigens bei meinem Hang
zum Rheumatismus nicht wohl zu bekommen scheint; aber die
übrige Zeit? — Pharao wird hier nicht gespielt, ist auch meine
Sache nicht. Ich verliere nicht gern mein Geld. Es bleibt Einem
also wahrhaftig nichts weiter übrig, als in den Cursaal zu gehen
und Gesellschaft zu suchen. Das habe ich denn auch gcthan,
und es hat mir auch gerade nicht mißfallen in dem Eursaale.
Ich habe da auch einige Bekannte aus der Residenz getroffen.
Kennst Du unter Andern die verwittwetc Frau Secretür Wandel?
Die ist auch hier mit ihrer Tochter, einem wirklich recht interes-
santen jungen Mädchen. Mich wundert, daß mir das liebe Kind
nicht längst schon in der Residenz anfgefallen ist. Diesen Leuten
werde ich mich anschließen.

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