Fliegende Blätter — 61.1874 (Nr. 1511-1536)

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Gamsbleameln.

Und balst cs wcgthuast 'naus in d' Eben
Und no so fleißi hüet'st: —

A bloachc kranke Blüh wcrd's geben
Grad wie Dci Mieder jetzt!" ffl. Gumppenbrrg.

Frcigcmacht.

Mein Freund Zwick ist ein prächtiger Mensch; groß, schlank,
j talentvoll, gebildet, voll Humor, — aber mager, äußerst mager,

! trotzdem, daß er einen ganz gesunden Appetit führt. Manches
wußte er hören über seinen Abgang an Körperfülle; fast kein
j Gesellschaftsabend verging, ohne daß Einer oder der Andere
versuchte, durch witzig sein sollende Bemerkungen und Sticheleien
j diesen Mangel zu berühren, bis eines schönen Abends F-reund
! Zwick ungeduldig wurde und ausrief: „Seid ruhig, wenn Ihr
keine bessere Unterhaltung wißt; — ich will Euch einmal erzählen,

I was ich meiner Magerkeit zu verdanken habe!" — Ueberzeugt,
daß jetzt wieder etwas „Verzwicktes" kommen wtirde, ruft Alles:
„Erzählen, erzählen!" — Zwick läßt sich nicht lange bitten;
wit äußerst ernsthafter Miene beginnt er: „Ihr wißt doch, daß
feit einigen Jahren die Conscriptionspflichtigcn nicht nur gc-
j wessen, sondern auch gewogen werden; warum, weiß ich auch
nicht. — Als ich vor dem Conscriptionsrathe erschien, und die
j reglementmäßige Körpervisitation an mir vorgenommen wurde/
folgte ein kugelrunder Regimentsarzt, welcher die körperliche
Untersuchung zu bethätigen hatte, zuerst gespannt, dann ängstlich
nnd immer ängstlicher meinen Bewegungen, während ich Kleidungs-

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stück um Kleidungsstück ablegte, bis zuletzt nur noch eine Lcib-
j binde meine Lenden umgab, wie das Streifband eine Drucksache
auf der Post. „Mein Gott!" stöhnte er hiebei halblaut seinem
Nachbar zu, „wenn der Mensch so fortmacht, bleibt von ihm
gar nichts mehr übrig!" — Natürlich, zwischen seiner und meiner
Figur war ein Unterschied wie zwischen einer Kartoffel und
einem Bleistift. — Alsdann wurde ich gemessen und untersucht.
Der dicke Regimentsarzt visitirte mich mit aufmerksamstem Interesse
von oben bis unten, schüttelte verwundert den Kopf, und ich I
J hörte deutlich, wie er den andern Herrn im Conscriptionsrathe
j mit seiner fetten Stimme zuflüsterte: „Sonderbar, an dieser
Heugeige sind keine zwei Loth Fleisch, aber gesund ist er doch."

— Ein dabei befindlicher höherer Offizier warf brummend
ein: „Es wäre aber doch eine Schande, diesen Besenstiel in
Reihe und Glied zu stellen; er sieht ja aus, wie das leibhaftige
Elend!" — Während sie sich nun besprachen, wurde ich auch
gewogen. Der Regimentsarzt rechnete lachend den Betrag der
Gewichtstücke zusammen — es waren nicht viele —, und nach
kurzer Berathung mit den andern Herren öffnete er sein Taschen-
buch, nahm eine Kreuzermarke heraus, befeuchtete sie, und, mit
einem drolligen Blinzeln des Verständnisses auf die Herrn
Beisitzer, klebte er mir dieselbe auf die entblößte rechte Schulter.

— „Geh' hin in Frieden, mein Sohn", sagte er salbungsvoll,
„denn mit einer Kreuzermarke sind fünfzig Gramm Gewicht
unter Streifband freigemacht!" — Seht Ihr, so wurde ich
militärfrei!"

Trost.

Gehe als ein armer Gast
In die Wohnungen der Armen,

Wenn du Zeit zum Mitleid hast.

Hat die Zeit mit dir Erbarmen.

Wer der Menschen Thränen theilt,

Lernet einst ihr Lächeln theilen;

Und wer fremde Wunden heilt,

Lernt daran die eig'nen heilen, n. H. Boßharlck.

Leidige Geschichte.

„Die Welt ist rund" — wie kömmt es dann,

Daß man stößt aller Ecken an?

„Und muß sich drch'n" — o ständ' sie still,

Wenn's uns einmal gefallen will!

Doch sie, wie dumm, dreht ohne Ruh'

Vom Behagen uns, wieder dem Elend zu. Crassus.

Der Optimist.

Professor Theophil Wackermann macht seinen gewohnten
Spaziergang durch den Stadtwald. Am Rande einer Wiese
an gelangt, erblickt er eine Kuhherde. Er macht Halt und erfreut
sich des Anblickes der breitgestirnten glatten Schaaren. Da
läßt ein Vöglcin, das tirilirend über ihm hinwegfliegt, etwas
Unerbetenes auf seinen Aermel falle». Ein Lächeln der Genug-
thuung gleitet über das Gesicht des trefflichen Philosophen.
Sanft mit der Spitze des linke» Zeigefingers sich reinigend.

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Freigemacht"
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Fliegende Blätter
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Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Oberländer, Adolf
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Spazierstock
Herr <Motiv>
Zylinder <Kopfbedeckung>
Schlankheit
Untauglichkeit
Militär
Körpergröße
Körpergewicht
Karikatur
Schatten
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

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Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
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Fliegende Blätter, 61.1874, Nr. 1523, S. 103 Universitätsbibliothek Heidelberg
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