Fliegende Blätter — 66.1877 (Nr. 1641-1666)

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directem Bezug. Einzelne Nummer 30 Pfennige.

Eine gefährliche Kur.

Von Di. Märzroth.
(Fortsetzung.)

Es war ein harmloser, heiterer Abend, wie ihn Emerenzia
schon seit Langem nicht mehr erlebt hatte. Aber nun schlug
die Thurmuhr vom Dome. Es war für die jungen vier
Damen Zeit, nach Hause zu ihren Müttern und Tanten zu
gehen. Sie warfen eiligst ihre Shawls, Mantillen und Regen-
mäntel um, und verabschiedeten sich von Sylphiden und Emerenzia
unter Rührung und Lachen.

Als das Völkchen zur Thüre hinaus war, setzten sich die
beiden Zurückgebliebenen zu einander auf's Sopha. Die Stille,
welche nun auf den bisherigen Lärm eingetreten war, legte sich
Emereuzicn, welche eine Stunde lang ihre'heimliche Schmerzen
vergessen hatte, um so schwerer auf's Herz. Sie seufzte aus
voller Brust. Sylphide blickte sie verwundert und theilnehmend
an. „Was ist Dir, Emerenzia?"

Diese antwortete nichts, sondern warf sich der Freundin
in die Arme und brach in Thränen aus.

„Emerenzia! Was soll das heißen? Du hast etwas auf dem
Herzen!" sagte Sylphide leise, und drückte die Weinende an sich.

„Ach, Sylphide! Ich bin nicht so glücklich, als ich es ,
sein sollte!" stammelte endlich Emerenzia.

„Oeffnc mir Dein Herz!" sagte Sylphide und strich ihrer
Freundin die Locken aus dem Gesicht.

„Du weißt," begann Emerenzia ihre Beichte, „ich kann
über meine materiellen Verhältnisse nicht klagen, auch lieben
wir uns, mein Mann und ich, von ganzer Seele, allein..."

„Allein! . . . Nun fahre fort, mein gutes Kind!"

„ . . .Allein... um es kurz zu sagen, wie es mir erst
jetzt ganz klar geworden, . . . mein früheres, ungebundenes,
heiter sprudelndes Leben steht in Widerspruch mit der stillen
Häuslichkeit und Abgeschlossenheit meiner Gegenwart..."

„Ich begreife das recht gnt; aber sage mir nur, warum lebt
Ihr so zurückgezogen, waruni überlaßt Ihr Euch dieser tödtcndcn
Monotonie?"

„Mein Gott, darin liegt cs ja! Meinem Mann fehlt
absolut der Sinn für die Freuden eines Wcltlebcns! Seine
Bücher, seine Manuscriptc sind seine Welt, und ich gehe darin
herum, wie ein abgeschiedener Geist!"

„Aber Dein Mann ist jung, sogar hübsch, er hat
feurige Augen, er ist geistreich. Es müßte doch sonderbar
sein, wenn man diese Augen, die nur nach Innen blicken, nicht
nach Außen locken könnte!"

„Was meinst Du?"

„Ich meine, man sollte bei ihm den Sinn für ein heiteres,
geselliges Leben zu wecken suchen."

„Ach, wie fängt man das an? Er ist in dieser Richtung
wie ein Stein!"

„Emcrenzchen! Solche Steine, auf denen noch nicht das
dicke Moos des Alters und der leidigen Bequemlichkeit gewachsen,
■ sind zu rühren, als wären sie die feinste Maibutter! Wir
haben wunderschöne Beispiele!"

„Ach, wie schön wäre cs, wenn er „Sinn" bekäme, —
ich würde ihn noch ein Mal so lieb haben!"

„Darf ich Dich besuchen?"

„Er ist freilich kein Freund davon, daß ich Besuche
empfange, aber eine Freundin muß und wird er mir gestatten!"

„Nun, dann komme ich zu Dir, und ich werde inzwischen
auf einen Gedanken kommen!"

„So erwarte ich Dich morgen!"

„Dein Mann ist ja abwesend!"

„Ja eben..."


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