Fliegende Blätter — 84.1886 (Nr. 2110-2135)

Page: 186
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb84/0190
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
186

Die Geschichte von der grauen Stute.

Alten, Tochter heim als Eh'frau.

Quer von Barmouth bis nach Aarmouth,
Durch ganz England, ging die Reise:
Denn am Dee, dem schilfumbüschten,

Lag das Schloß des Schwiegervaters,
Doch des Eidams Halle ragte
Ob dem weidengrünen Bure.

Ueber'n Tanat und den Weaver,

Ueber'n Terent und die Dovc,

Ueber Trent und über Welland,
lieber Ouse dahin und Aare,

Und noch and're Flüss' und Bäche
Zog die Fahrt durch's ganze Eiland. —
Aber ach, noch kaum sechs Monde
Waren in das Land gegangen,

Als vor seinem Schwiegervater
Wieder in dem Schloß bei Barmouth
Stand der Schwiegersohn — allein.

„Gott zum Gruße, lieber Johnnie",
Sprach der Alte, „wo ist Ellen?

Bist Du ihr voraufgeritten?

Folgt sie abends oder morgen?" —

„Rein! Nicht abends und nicht morgen,
Folgt sic, Deine liebe Tochter!

Denn sie — dieses eben ist es! —

Denn sie folgt mir überhaupt nicht!

Kurz und gut: ich bin gekommen,

Dich zu bitten, Deine Tochter
Wiederum mir abzunehmen,

Denn ich kann nicht mit ihr leben!" —
„Setz' Dich, braver Johnnie, setz' Dich. —
Buttler, bring' vom besten Wälschwein!
Lieber Jung', das ist ja schrecklich!

Und gewiß ist sie im Unrecht: —

Denn ich kenne meine Tochter
Und ich kenn' auch meinen Johnnie,

Der gewiß um kleiner Ursach'

Willen nicht sein Weib verstieße.

Also frisch! Sprich von der Leber:

Ist sie Dir nicht schön genug, he?" —
„Ach, sie ist ja schön wie keine!" -
„Hat sie etwa schiefe Glieder,

Oder schwarze Muttermale?" —
„Tanncnschlank ist sie gewachsen,

Hat kein Tädelchen am Leibe!" —
„Spürst zu ihr Du keine Neigung?" —
„Nur zu große, lieber Vater!" —
„Weigert Dir sie ihre Liebe?" —
„Zärtlich kann sie sein, berückend!" —
„Nun, dann weiß ich nicht, — was willst
Du?" —

„Ach, sie ist so eigensinnig!

Was sie will, das soll geschehen:

Ja, was ärger: das geschieht auch,

Ich bin nicht der Herr im Hause!" —
Vor sich hin pfiff leis der Alte:

„Das ist Alles, lieber Eidam?

Darum bist Du hergeritten
Ueber Aare nnd Ouse und Welland,

Trent und Dove, Terent, Weaver,

Tanat, Bure und and're Wasser?

Solches ist kein Grund zur Trennung!
Reite wieder heim, mein Johnnie,

Ueber all' die vielen Wasser,

Glaube mir, Du wirst's gewöhnen!" —
„Rein, ich kann es nicht ertragen.

Geh'n zum Beispiel wir zu angeln,

Ich verstehe mich auf's Fischzeug —

Deine Tochter Ellen gar nicht —" —
„Weiß es!" sprach der Schwiegervater. —
„An dem Bure, den: iveidengrünen,
Schnell' den Fisch ich aus dem Strudel,
Sag' ich, welche Prachtforelle!

Spricht schön Ellen: „Ja, mein Lieber,
Schöner Fisch! Doch ist's ein Karpfe!"
Nun beschwör' ich, Schwiegervater,

In dem ganzen Flusse schwimmt auch
Nicht Ein Karpfe, weil die Strömung —" —
„Allzu stark ist — weiß es, Johnnie!" —
„Doch ein Karpfe muß es bleiben,

Soll ich sie vergnügt erhalten.

Geh'n wir in dem Wald spazieren,

In dem grünen Park am Abend,

Flötet von dem Ulmenwipfel
Wunderschön herab die Amsel,

Ich verstehe Vogelkunde —" —

„Meine Tochter Ellen gar nicht!" —
„Horch', sag' ich, wie schön! Die Amsel!" —
„Herrlich!" flüstert Deine Tochter,

„Aber 's ist ein Hänfling, Männchen!" —

Nun beschwör' ich Dich, o Vater" —
„Amsel sind und Hänfling wahrlich
Gar nicht zu verwechseln, Johnnie!"

„Doch ein Hänfling muß es bleiben,

Soll sie bleiben guter Laune! —

Reiten wir zur Jagd zusammen —" —
„Du verstehst Dich auf das Waidwerk,
Meine Tochter Ellen gar. nicht —

Und erlegtest Du ein Birkhuhn
Und schön Ellen nennt es Wachtel —
Eine Wachtel muß es bleiben,

Sollst Du Ruh' im Hause haben!" —
„Wie? Warst neulich Du zugegen
Heimlich ?" — „Nein, das ist nicht nöthig.
War ich selbst doch auch vereh'licht!" —
„Doch es steht schon in der Bibel:

Und es soll der Mann dein Herr sein!" —
„Neu'rc Schriftgelehrte lesen
An der Stelle: und es sollte
Eigentlich der Mann dein Herr sein: —
And're lesen: soll dein Narr sein!" —
„Aber meine sel'ge Mutter
Sagte oft, sie habe immer
Meinem Vater uachgcgebcn!"

„Sagte solches auch Dein Vater?" -—
„Niemals sprach er mir darüber!" —
„Siehst Du! — Leere nun den Humpen!
Spät ward's. Laß' uns beide schlafen.
Morgen will ich Dir verkünden,

Sohn, wie Dir zu helfen ist!"

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Die Geschichte von der grauen Stute"
Weitere Titel/Paralleltitel
Serientitel Serientitel
Fliegende Blätter
Quelle des Titels
Sachbegriff/Objekttyp
Grafik

Inschrift/Wasserzeichen

Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Simm, Franz Xaver
Entstehungsdatum (normiert)
1886
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Karikatur
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Reproduktionstyp
Digitales Bild Digitales Bild
Rechtsstatus
CC BY-SA 4.0 CC BY-SA 4.0
Creditline
Fliegende Blätter, 84.1886, Nr. 2133, S. 186 Universitätsbibliothek Heidelberg
loading ...