Fliegende Blätter — 9.1848 (Nr. 193-216)

Page: 122
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb9/0126
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
122

Sand' l-

Dir schon gefallen. 'S gibt keine im Dorf und in der Nachbar- .
schuft, die ihn nit gern genommen hätt'. Er is halt der reichste
und Du wirst die reichste Frau bei uns, reicher als die Müllcrs-
tochter, denn da sein fünf Kinder und es vcrtheilt sich. Und
dann hat er auch studirt, er hat bessere Manieren, als all'
unsre Burschen, er is gar nit so roh wie sie, er spricht bester,
er flucht nil so oft, und was er sagt, is cinschuicichclnd."

„Wenn i nur wüßt', was mit 'm Michel is," sagte Sand'l,
noch immer vor dem Spiegel stehend, mit wehmüthig resignirter
Betonung.

„Ich kann Dir keinen andern Rath geben, als: schlag Dir
'n aus 'm Kopf. Er wird halt später eine Andere heirathen.
Es is Alles schon dag'wcscn." —

Sand'l schwieg und legte die Kette in den nußbaumncn Schrank.

Um drei Uhr erschien Daniel Stciklcr. Er trug einen neuen
schwarzen Anzug, der in der Stadt gemacht war, und ihm nach
Vcrhältniß recht vortheihait stand.

Er brachte seiner Braut ein Album in goldveiziertem Maro-
quin, worin sich allerliebste Licbesbildcr und schöne Verse befanden, j

Dem Gebote des Vaters gehorsam, empfing ihn Sand'l
freundlich, — sie nöthigte ihm die sechste Taffe Caffcc-und das
dritte Glas Liqueur auf, und als er ging, ließ sic sich freiwillig
von ihm küffen.

Solche Gewalt hat ein strenger Vater über ein demüthiges
Kinderherz. —

Von diesem Augenblick an aber war der alte Stadclhuber
äußerst freundlich und freigebig gegen seine Tochter. —

4.

Der Vorabend der Hochzeit erschien. Sand'l war mit der
Base allein in der Kammer. Sie hatte eine große Schüffel
mit Seifcnwaffer auf den Stuhl gestellt und wusch sich Hals,
Nacken und Arme.

Nachdem dies Geschäft beendigt, sagte die erfahrne Base,
die Mutterstelle bei ihr vertrat:

„Jetzt Sand'l, Ihn' mir auch den G'falleu und wasch Dir
die Füß'. — Wenn Du halt vor ihm die Strümps' ausziehst,
wie das im Ehestand natürlich vorkommt, muß er glauben, daß
Du Dir alle Tag' die Füß' g'waschcn hast! — Denn er war
ja länger in der Stadt unv sicht auf so 'was."

Sand'l cntstrumpste sich, und that wie ihr geheißen. Dann
suchte sie ihr Lager und entschlief nach einigen Seufzern und einem
stillen Nachtgebet, das sic jedoch diesmal sehr zerstreut sprach.—

Unter dem Zulauf des ganzen Dorfes fand am folgenden
Morgen die Trauung statt, Braut und Bräutigam wurden be-
wundert und beneidet, aber auch getadelt und gescholten. —
Beim Hochzcitsmahl, das im obern Stock des Wirthshauses
ausgerichtct wurde, herrschte ungeschminkte Fröhlichkeit. All-
mählich kehrte auch die Röthe der Ergebung auf die blaffen
Wangen der Braut zurück. —

Der Bräutigam befand sich schon im Schlafzimmer. Sand'l
ließ sich von der Base ausklciden und verschloß die goldene Kette
im Schrank.

Plötzlich seufzte sie und fragte die Base leise:

„Weißt Du nichts vom Michel'?"

„Er is schon seit Mittag im Wirthshans, tanzt mit allen
Madeln, hat zwei Leut blutig geschlagen, und die Baßgeigen
in tausend Splitter zerbröckele. Der führt sich schön auf!"

„Es hat halt nit sein sollen," sagte Sand'l mit wchmüthiger
Resignation, „vielleicht hält' er mich als Mann auch g'schlagen,
wie der Vater meint. — Na, in Gott's Namen!' —

Sic drückte die Hand der Base und folgte ihrem Gatten in
das Schlafgemach. —

Draußen zog der Mond in seltener Pracht über die Land-
schaft und goß wchmüthigcn Schimmer über die Erde herab,
die so reich ist an stummen Schmerzen und geknickten Hoffnungen.

So trennte die Macht der Vcrhältniste zwei zarte Herzen,
die der Himmel für einander geschaffen! —

Amor der Schelm.

Ich stand bei ihr einst am Herde,

Das Feuer flackerte hell,

Auf einem Pfannenstiel
Saß Amor, der tolle Gesell.

„Ich liebe Dich eigentlich gar nicht," —
So sprach ich leise zu ihr;

„„Ich liebe Dich eigentlich auch nicht,""
So sprach sie leise zu mir.

Da wallte die Milch aus der Pfanne
Mit Zischen und argem Gebraus,

Und mitten im sprudelnden Schaume
Saß Amor, und lachte uns aus.

Ihr Jünglinge und Jungfrau'n
Ach, seid doch auf der Hut:

Gar niemals thut solch Lügen
Bei zwei Verliebten gut! —


August Lorrodi.

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Amor der Schelm"
Weitere Titel/Paralleltitel
Serientitel Serientitel
Fliegende Blätter
Quelle des Titels
Sachbegriff/Objekttyp
Grafik

Inschrift/Wasserzeichen

Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Liebespaar <Motiv>
Herd
Küche <Motiv>
Karikatur
Satirische Zeitschrift
Amor

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Reproduktionstyp
Digitales Bild Digitales Bild
Rechtsstatus
Public Domain Mark 1.0 Public Domain Mark 1.0
Creditline
Fliegende Blätter, 9.1848, Nr. 208, S. 122 Universitätsbibliothek Heidelberg
loading ...