Die Mauer: Feldzeitung — 1917 (Juni-Dezember)

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Ratschliige des Hmn Schwachmatikus an seinen Sohn

Wirst Du von Räubern überfallen, so laß es Deine
fürnehmste Sorge sein, Dich als Mann von Erziehung zu
zeigen, indem Du Dich vor jeder überschreitung der Notwehr
hütest.

Auch nimm aufs peinlichste darauf Bedacht, Deine weiße
Weste fleckenlos in der Balgerei zu erhalten, denn die Räuber
könnten Dir später einmal aus der unsauberen Kleidung einen
Vorwurf machen.

Vor allem schrei laut in die Welt hinaus, Du wolltest
den Sprtzbuben nicht das geringste wegnehmen. Das macht
auf die Unbeteiligten einen guten Eindruck und beschämt die
Angreifer.

Diesen Eindruck kannst Du verstärken, indem Du, während
fie Dir die Kehle einzuschnüren versuchen, Deine Friedensliebe
beteuerst und Dich zu einer Verständigung bereiterklärst.

Antworten sie darauf mit der Erklärung, wie sie Dein
Haü und Gut unter sich zu verteilen gedenken, so versichere
ihnen eindringlich, daß Du auf jede Entschädigung für
Deinen zerrisienen Rock und Deinen eingetriebenen Hut ver-
zichten willst.

Eine derartige Entschädigung könnte Dich ja in den Ver-
dacht bringen, Du hättest Dich bloß aus Geldgier gewehrt,
während der ganze Überfall ünd die Verletzungen, die man
Dir dabei zugefügt hat, doch weiter nichts bezweckt haben, als
Dich versöhnlich zu stimmen.

Selbst in dem Augenblicke, wo Du einen Hieb über den
Schädel kriegst und fremde Fäuste an Deiner Uhrkette zerren,
muß Dein einziger Gedanke die spätere Versöhnung sein.

Spuckt Dir einer ins Gesicht, so wirst Du gut tun, dies
als Anbieten des Bruderkusses aufzufasien, und als Gipfel der
Versöhnlichkeit wird man es ansehen, falls Du deinen Gegner
bittest, Dir zur Säuberung sein Taschentuch zu leihen. Die
darin liegende zarte Zurechtweisung witd ihn völlig entwaffnen.

Handelst Du so, so wirst Du niemals wegen überschreitung.
der Notwehr gestraft werden können; Du hast zwar Dein^
Schläge bekommen, aber Du kannst in dem Bewußtsein, Deinenr
Feinde keine zugefügt zu haben, Dich mit Stolz später an Deine
ritterliche Handlungsweise erinnern.

Lebe nach diesen Regeln, lieber Sohn, und die Achtung
Deiner Feinde — denn nur auf die kommt es an — ist Dir gewiß.


. - ---- . :r

DerFriedeilsschritt -esPrpstes und loir.

Der Friedensschritt des Papstes ist in Deutschland mit
allgemeiner Achtung aufgenommen worden. Deutschland hat
ja vor geraumer Zeit selbst die Hand zum Frieden dargeboten,
sreilich vergeblich, und es hat seither wiederholt durch den
Mund seiner verantwortlichen Männer zum Ausdruck gebracht,
daß es jede Aktion begrüßt, die uns dem Frieden näher bringt.
Da ist es selbstverständlich, daß die alle Kriegführenden zum
Frieden mahnende Stimme des Oberhauptes der kathvlischen
Kirche bei uns volles Gehör findet. Diese wohlwollende Stellung-
nahme, die bisher nur in der Presie zum Ausdruck gekommen
tst, ist jetzt durch die Verhandlungen im Hauptausschuß des
Neichstages stark unterstrichen worden. Der Herr Reichskanzler
selbst hat sich dahin ausgesprochen, daß die Reichsleitung den
«hrlich gemeinten Versuch des Papstes, den Frieden herbei-

zuführen, mit voller Sympathie begrüßt, und die Sprecher
aller Parteien haben sich diesen Worten angeschlosien.

Was nun die positiven Vorschläge, die nach dem Schreiben
des Papstes die Grundlage für die Friedensunterhandlungen
bilden sollen, anbelangt, so hat sich der Reichskanzler deren
Prüfung in Berbindung mit unseren Bundesgenossen vor-
behalten. Wir und unsere Verbündeten führen den Krieg nach
einem einheitlichen Plan, also schließen wir auch den Frieden
als eine Einheit. Dazu ist eine gründliche Beratung notwendig.
Die Vorschläge des Papstes sind teilweise auch recht unbestimmt,
so die Forderungen, daß die materielle Gewalt durch die mora-
lische Kraft des Rechts ersetzt, daß die Freiheit der Meere
gSsichert werden soll, teilweise betreffen sie Zukunstsfragen, wie
der Vorschlag der Abrüstung und des Ausbaus der Schieds-
gerichte. Was der Papst über die politischen und territorialen
Fragen sagt, ist verschiedener Auslegung fähig. Wir haben
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