Polska Akademia Umieje̜tności <Krakau> / Komisja Historii Sztuki [Editor]; Polska Akademia Nauk <Warschau> / Oddział <Krakau> / Komisja Teorii i Historii Sztuki [Editor]
Folia Historiae Artium — NS: 10.2005

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Kórperhaltung wandelt sich um eine Dreiviertel-
drehung. Die gesenkte linkę Schulter scheint sich
in den im Hintergrund befindlichen Felsen zu
drangen, dessen Abschiissigkeit den Eindruck der
Tiefe erhóht. Der Arm, dessen Vorderarm unter
den Falten des Gewandes verborgen ist, kehrt mit
der aus dem Armel schliipfenden Hand aus der Tie-
fe direkt in den Vordergrund zuriick. Der Zuriick-
setzung der lmken Seite des Rumpfes des hl. Johan-
nes entspricht das stark vorgeriickte linkę Bein,
dessen FuB in Seitenansicht sich dem unteren Re-
liefrand am nachsten befindet. Die zweite Schicht
der Komposition stellt die seitliche Ansicht der Fi-
gur Christi dar. Wenn wir das Relief jedoch von der
rechten Seite betrachten, sehen wir, dass das Ant-
litz und die Schultern des Erlósers sich leicht zum
Betrachter hin neigen. Wir erliegen dem Schein,
dass Christus mit Schultern und Haupt in den Vor-
dergrund, ein Stiick weit vor die Stirnebene des Re-
liefs hinausragt und dass sein Blick iiber den in der
urspriinglichen Komposition gezeichneten Rahmen
hinausgleitet32. Die Figur des hl. Petrus, der sich
mit dem Riicken an den nicht existenten Hinter-
grund anzulehnen scheint, yerlagert sich — im Ge-
gensatz zur Figur des hl. Johannes — aus der Tiefe
nach Vorne. Die Richtung wird durch die Zeich-
nung seines linken, gebeugten Beines unterstri-
chen, der Oberschenkel liegt adaquat zur Neigung
der Fandschaft, der Unterschenkel parallel zum
unteren Rand des Reliefs.

Die bildhauerische Form wird durch das einfal-
lende Ficht hervorgeholt und betont, was insbeson-
dere in der subtilen und dezenten Modellierung der
Gesichter erkennbar ist, wobei die Bedeutung des
Ficht- und Schattenspiels beim Aufbau der psycho-
logischen Tiefe deutlich beriicksichtigt wurde. Wir
blicken in das furchterfiillte Antlitz des Erlósers
mit unnatiirlich weit aufgesperrten Augen und of-
fenem Mund, in das vom Alter gezeichnete, falti-
ge, unruhige Gesicht des hl. Petrus, mit tiefen Au-
genhohlen, der, des Wachens miide, den Mund ei-
nen Spalt weit offnet (Abb. 11). Wir sehen schlieB-
lich auch die jugendliche Gestalt des traumenden hl.
Johannes, der die Christi drohende Gefahr yerges-

32 Nur das von vorn nicht sichtbare, vor Frucht noch star-
ker geweitete linkę Auge hat unmittelbar Kontakt zum Engel
aufgenommen.

33 So wurden von hinten „synthetisch, flachenmaBig” die

Fiaare Christi im Slackers Kruzifix bearbeitet, vgh: W. Kas-
przyk, Zagadnienia wynikające z konserwacji kamiennego krucy-
fiksu Wita Stwosza, Folia Historiae Artium, 25: 1989, S. 114. Im
Paul-Volckamer-Epitaph in der Sebaldkirche zu Niirnberg ist

sen zu haben scheint. Das jeweils anders geartete
Haarkleid der dargestellten Figuren ist yirtuos her-
ausgearbeitet, in den unsichtbaren Partien geht es
durch iiberwiegend schematische Schnitte in glat-
te Ebenen iiber33. Die langen, sich nach hinten wel-
lenden Haarstrahnen Christi lassen die yollkomme-
ne Nackenform des jungen Mannes erkennen, der
Nacken faltet sich leicht unter der Schwere des er-
hobenen Hauptes. Der kurze, dichte Bart des hl.
Petrus unterstreicht das breite Gesicht des Apo-
stels. Die mollige Weichheit des Gesichtes des jun-
gen Johannes steht in Einklang mit den akkurat
geformten Haarwellen. Hervorstechend ist die Un-
gezwungenheit bei der Modellierung der Hande
und FiiBe, ihre zwangslose Natiirlichkeit wurde
durch kleine Mulden und Furchen im Kórper sowie
durch die Rundung der Knóchel erreicht. Durch die
Offnung in der Riickwand wurde das unsichtbare
Innere der herabhangenden Hand des Hl. Petrus
geschnitzt34. Die Anatomie der Kórper wird durch
die Gewander nicht yerwischt, die weder unnótige
Details aufweisen noch liickenfiillend sind — sie
yerleihen der Komposition Dynamik und gehen
mit der psychologischen Expression der Figur ein-
her. Ebene Partien grenzen an wellige Flachen: das
festgefiigte Gewand des hl. Johannes an den iiber
den Armen stark gerafften Mantel, der die Figur
Christi umspannende, plastisch wirkende Stoff an
die stark geschwungenen Falten des auf dem Fel-
sen ausgebreiteten Umhangs, die Schlichtheit des
Futterstoffes der Kleidung des hl. Petrus, die den
Kórper und die Beine hervorhebt, mit zerknitter-
ten Armeln und Mantel. Durch die indiyidualisierte
Charakteristik der Figuren gelingt es dem Kiinst-
ler, ihre Emotionen mit groBer Sensibilitat und psy-
chischem Einfiihlungsvermógen wiederzugeben und
der Nacht am Olberg eine dramatische Stimmung
der Erwartung und Bedrohung zu yerleihen. Der
Olberg von Ptaszkowa stellt aus formaler und inhalt-
licher Sicht ein auBerordentlich konsequentes und
homogenes Werk dar.

Veit StoB hat den Ólberg^ zwei Mai ais Steinrelief
gestaltet: den Krakauer Olberg, der dem Meister
aufgrund der stilistischen Merkmale zugeschrieben

beim Christus am Olberg nur der sichtbare Teil des Gesichtes her-
ausgearbeitet, vgh: Kahsnitz, a.a.O., S. 224. Ahnlich sind die
andere Gesichtshalfte, die Haare und der Bart beim Christus am
Olberg in Ptaszkowa nur angedeutet.

34 Auch im Slackers Kruzifix „sind die Details sehr genau ge-
arbeitet, sogar an Stellen, die fur den Betrachter fast oder iiber-
haupt nicht sichtbar sind (das Mundinnere, Riicken, das Plin-
tere des Lendentuchs)”, Kasprzyk, a.a.O., S. 114.

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