DER ALTAR DES ARTEMISIONS VON EPHESOS
EINLEITUNG
Anton Bammer - Ulrike Muss
Nach einer ganze Reihe von Rekonstruktionsvorschlägen für den Altar des Artemisions, die gemacht wurden, ohne daß das heute bekannte
Material vorlag, soll dieses Buch eine Materialvorlage sein, in der zum ersten Mal alle in Ephesos gemachten Funde des Altares aus dem Jah-
re 1900 vorgelegt - und wenn diese nicht mehr auffindbar sind - zumindest diskutiert werden. Neben den Funden aus der Altargrabung der
60er und 70er Jahre werden hier außerdem auch diejenigen Stücke erstmals mit einbezogen, die im Laufe der 70er und 80er Jahre bei Arbei-
ten des Museums Selguk im Bereich der Johanneskirche zutage gekommen sind. Zum ersten Mal werden die Aufzeichnungen von Wilhelm
Wilberg, Hans Schrader, Max Theuer aus dem Archiv des Österreichischen Archäologischen Instituts vorgelegt und somit alle bis heute ver-
fügbaren Rekonstruktionsvorschläge zugänglich gemacht.
Bis zum Jahre 1965 waren nur jene Altarwerkstücke bekannt, die nach 1900 nach Wien gelangt waren. Im Zuge der Vorbereitung für die Aus-
grabung des Altares begann Anton Bammer bereits 1964, Werkstücke, wie die Architrave vor dem Theater zu sichten. Im Laufe der nächsten
Jahre, als durch die Grabung im Areal des Artemisions Werkstücke zutage kamen, hat er im Gelände von Ephesos und vor allem auf der Jo-
hanneskirche nach parallelen Werkstücken gesucht. Im Jahre 1974 begannen die Forschungen und Grabungen auf der Johanneskirche erneut
und dann kamen in rascher Folge zahlreiche Fragmente zutage, die man auf Grund der Grabung im Altarbereich dem Altar zuweisen konnte.
Mit diesen Fragen hat sich vor allem Mustafa Büyükkolanci beschäftigt, der dann zusammen mit Anton Bammer die Zuweisung der ersten
Werkstücke zum Altar vomahm.
Als zeitlicher Vorläufer für alle späteren Hofaltäre tritt der Altar des Jüngeren Artemisions sowohl durch seine Säulenarchitektur als auch sei-
ne Ausstattung mit Skulpturen in Konkurrenz zum Tempel. Was aber verbirgt sich hinter der Ausgestaltung von Tempel und Altar des Jün-
geren Artemisions? Der Gedanke vom vollendeten und damit auch ,vollkommenen4 Kunstwerk? Im Gegensatz zum archaischen Tempel, an
dem nachweislich bis in das 5. Jh. v. Chr. gearbeitet wurde, und der - wie aus verschiedenen Details hervorgeht - nie wirklich vollendet wur-
de1, scheinen das Jüngere Artemision und der zugehörige Altar innerhalb kurzer Zeit vollendet worden zu sein2. So wie in den klassischen
Dramen die Einheit von Ort und Zeit gewahrt werden mußte, so hat vielleicht die Gleichzeitigkeit aller Teile des Gebäudes auch etwas mit der
Einschätzung des Tempels als Weltwunder zu tun3 4. Im Gegensatz zum archaischen Bau präsentiert sich das Jüngere Artemision mit seinem
Altar daher im Sinne Umberto Ecos nicht als offenes, sondern geschlossenes Kunstwerk4.
Das Altarprojekt gehört zu jenen Problemstellungen der Archäologie, die im Geiste des 19. Jahrhunderts erfolgt sind, allerdings dann auch
wieder von den Pionieren der New Archaeology gefordert wurden. Es sollte eine Aufgabe mit einem klar definierten Ziel gelöst werden.
Während im 19. Jahrhundert diese Aufgabe meist durch eine literarische Nachricht definiert war, wurde sie in den Anfängen der New Ar-
chaeology als ein konkreter Ansatz im Sinne moderner Bedürfnisse bestimmt, etwa dem Zusammenhang von Wasserhaushalt und Besiede-
lung eines Gebietes.
Das Altarprojekt ist daher in jener Tradition zu sehen, in der auch Heinrich Schliemann steht, der mit Homer in der Hand auszog, Troja zu su-
chen. Es ist daher auch nicht weiter verwunderlich, daß eine Reihe der damals bekanntesten Archäologen sich mit dem Altar, der als Realität
noch gar nicht existierte, auseinandersetzten, wie Humann, Dörpfeld, Benndorf und Schrader. Es ist eher das Zusammentreffen von erkennt-
nisleitenden Umständen als einem lenkendem ,Weltgeist4 zu verdanken der nach über 100 Jahren zu einer Gesamtpublikation führte.
Im Folgenden soll versucht werden, zu zeigen, wie sich die Abschnitte der vorgelegten Arbeit, die ja nicht nur in historischer Sicht geordnet
sind, sondern auch in thematischer, auseinander entwickeln und sich gegenseitig ergänzen. Vor der Entdeckung der Altarfundamente war es
das vordringliche Anliegen eine Vorstellung von der Form der Architektur und der Skulptur zu gewinnen. Erst nach der Auffindung des
Grundrisses und der Einbauten wurden Kult und Opfergeschehen von Bedeutung. Letztere konnten allerdings erst nach den neuen Grabun-
gen im Tempelbereich besser verstanden werden.
Bis zum Jahre 1978 war die Idee ausschlaggebend, eine möglichst vollständige Darstellung des Altares zu liefern, der Anlaß dazu war die
Vorbereitung für die Ephesosausstellung des Kunsthistorischen Museums in Wien im Jahre 1978. Hierzu sollte ein Modell des Altares gebaut
werden, was auch geschehen ist. Dazu war es aber notwendig, den Bau nicht nur in allen seinen Details durchzudenken, sondern auch für den
Modellbau eindeutige Vorgaben zu liefern. Diese Vorstellung von Ganzheitlichkeit, die durch diesen konkreten Anlaß geboten schien, ist
aber danach immer mehr in Frage gestellt worden. Die Ganzheitlichkeit, ein Grundgedanke des Klassizismus, der unbewußt auch in das Al-
tarmodell einfloß, wurde abgelöst von der Einsicht über das Fragmentarische unseres Wissens.
Zwei Anstöße haben das Altarprojekt danach weitergetrieben: das Freilegen zahlreicher Altarfragmente auf der Johanneskirche und danach
das Auftauchen der Dokumentation der ehemaligen Bearbeiter des Altares.
So sehr es eine Genugtuung war, neues Material zum Altar zu finden, so sehr war es auch deprimierend zu sehen, daß der zufällige und ge-
legentliche Zufluß das Unvollkommene des angestrebten Zieles deutlich machte. Es war aber auch als ein dialektischer Vorgang zu sehen, bei
dem der Gewinn an Fakten einen Verlust an Bildträchtigkeit bedeutete.
1 Muss, Bauplastik 77.
2 Rüglerl9ff.
3 Hierzu zuletzt Bammer-Muss, Artemision lOff.
4 U. Eco, Das offene Kunstwerk (1978) passim.
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EINLEITUNG
Anton Bammer - Ulrike Muss
Nach einer ganze Reihe von Rekonstruktionsvorschlägen für den Altar des Artemisions, die gemacht wurden, ohne daß das heute bekannte
Material vorlag, soll dieses Buch eine Materialvorlage sein, in der zum ersten Mal alle in Ephesos gemachten Funde des Altares aus dem Jah-
re 1900 vorgelegt - und wenn diese nicht mehr auffindbar sind - zumindest diskutiert werden. Neben den Funden aus der Altargrabung der
60er und 70er Jahre werden hier außerdem auch diejenigen Stücke erstmals mit einbezogen, die im Laufe der 70er und 80er Jahre bei Arbei-
ten des Museums Selguk im Bereich der Johanneskirche zutage gekommen sind. Zum ersten Mal werden die Aufzeichnungen von Wilhelm
Wilberg, Hans Schrader, Max Theuer aus dem Archiv des Österreichischen Archäologischen Instituts vorgelegt und somit alle bis heute ver-
fügbaren Rekonstruktionsvorschläge zugänglich gemacht.
Bis zum Jahre 1965 waren nur jene Altarwerkstücke bekannt, die nach 1900 nach Wien gelangt waren. Im Zuge der Vorbereitung für die Aus-
grabung des Altares begann Anton Bammer bereits 1964, Werkstücke, wie die Architrave vor dem Theater zu sichten. Im Laufe der nächsten
Jahre, als durch die Grabung im Areal des Artemisions Werkstücke zutage kamen, hat er im Gelände von Ephesos und vor allem auf der Jo-
hanneskirche nach parallelen Werkstücken gesucht. Im Jahre 1974 begannen die Forschungen und Grabungen auf der Johanneskirche erneut
und dann kamen in rascher Folge zahlreiche Fragmente zutage, die man auf Grund der Grabung im Altarbereich dem Altar zuweisen konnte.
Mit diesen Fragen hat sich vor allem Mustafa Büyükkolanci beschäftigt, der dann zusammen mit Anton Bammer die Zuweisung der ersten
Werkstücke zum Altar vomahm.
Als zeitlicher Vorläufer für alle späteren Hofaltäre tritt der Altar des Jüngeren Artemisions sowohl durch seine Säulenarchitektur als auch sei-
ne Ausstattung mit Skulpturen in Konkurrenz zum Tempel. Was aber verbirgt sich hinter der Ausgestaltung von Tempel und Altar des Jün-
geren Artemisions? Der Gedanke vom vollendeten und damit auch ,vollkommenen4 Kunstwerk? Im Gegensatz zum archaischen Tempel, an
dem nachweislich bis in das 5. Jh. v. Chr. gearbeitet wurde, und der - wie aus verschiedenen Details hervorgeht - nie wirklich vollendet wur-
de1, scheinen das Jüngere Artemision und der zugehörige Altar innerhalb kurzer Zeit vollendet worden zu sein2. So wie in den klassischen
Dramen die Einheit von Ort und Zeit gewahrt werden mußte, so hat vielleicht die Gleichzeitigkeit aller Teile des Gebäudes auch etwas mit der
Einschätzung des Tempels als Weltwunder zu tun3 4. Im Gegensatz zum archaischen Bau präsentiert sich das Jüngere Artemision mit seinem
Altar daher im Sinne Umberto Ecos nicht als offenes, sondern geschlossenes Kunstwerk4.
Das Altarprojekt gehört zu jenen Problemstellungen der Archäologie, die im Geiste des 19. Jahrhunderts erfolgt sind, allerdings dann auch
wieder von den Pionieren der New Archaeology gefordert wurden. Es sollte eine Aufgabe mit einem klar definierten Ziel gelöst werden.
Während im 19. Jahrhundert diese Aufgabe meist durch eine literarische Nachricht definiert war, wurde sie in den Anfängen der New Ar-
chaeology als ein konkreter Ansatz im Sinne moderner Bedürfnisse bestimmt, etwa dem Zusammenhang von Wasserhaushalt und Besiede-
lung eines Gebietes.
Das Altarprojekt ist daher in jener Tradition zu sehen, in der auch Heinrich Schliemann steht, der mit Homer in der Hand auszog, Troja zu su-
chen. Es ist daher auch nicht weiter verwunderlich, daß eine Reihe der damals bekanntesten Archäologen sich mit dem Altar, der als Realität
noch gar nicht existierte, auseinandersetzten, wie Humann, Dörpfeld, Benndorf und Schrader. Es ist eher das Zusammentreffen von erkennt-
nisleitenden Umständen als einem lenkendem ,Weltgeist4 zu verdanken der nach über 100 Jahren zu einer Gesamtpublikation führte.
Im Folgenden soll versucht werden, zu zeigen, wie sich die Abschnitte der vorgelegten Arbeit, die ja nicht nur in historischer Sicht geordnet
sind, sondern auch in thematischer, auseinander entwickeln und sich gegenseitig ergänzen. Vor der Entdeckung der Altarfundamente war es
das vordringliche Anliegen eine Vorstellung von der Form der Architektur und der Skulptur zu gewinnen. Erst nach der Auffindung des
Grundrisses und der Einbauten wurden Kult und Opfergeschehen von Bedeutung. Letztere konnten allerdings erst nach den neuen Grabun-
gen im Tempelbereich besser verstanden werden.
Bis zum Jahre 1978 war die Idee ausschlaggebend, eine möglichst vollständige Darstellung des Altares zu liefern, der Anlaß dazu war die
Vorbereitung für die Ephesosausstellung des Kunsthistorischen Museums in Wien im Jahre 1978. Hierzu sollte ein Modell des Altares gebaut
werden, was auch geschehen ist. Dazu war es aber notwendig, den Bau nicht nur in allen seinen Details durchzudenken, sondern auch für den
Modellbau eindeutige Vorgaben zu liefern. Diese Vorstellung von Ganzheitlichkeit, die durch diesen konkreten Anlaß geboten schien, ist
aber danach immer mehr in Frage gestellt worden. Die Ganzheitlichkeit, ein Grundgedanke des Klassizismus, der unbewußt auch in das Al-
tarmodell einfloß, wurde abgelöst von der Einsicht über das Fragmentarische unseres Wissens.
Zwei Anstöße haben das Altarprojekt danach weitergetrieben: das Freilegen zahlreicher Altarfragmente auf der Johanneskirche und danach
das Auftauchen der Dokumentation der ehemaligen Bearbeiter des Altares.
So sehr es eine Genugtuung war, neues Material zum Altar zu finden, so sehr war es auch deprimierend zu sehen, daß der zufällige und ge-
legentliche Zufluß das Unvollkommene des angestrebten Zieles deutlich machte. Es war aber auch als ein dialektischer Vorgang zu sehen, bei
dem der Gewinn an Fakten einen Verlust an Bildträchtigkeit bedeutete.
1 Muss, Bauplastik 77.
2 Rüglerl9ff.
3 Hierzu zuletzt Bammer-Muss, Artemision lOff.
4 U. Eco, Das offene Kunstwerk (1978) passim.
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