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Muss, Ulrike; Bammer, Anton
Der Altar des Artemisions von Ephesos (Textband): Der Altar des Artemisions von Ephesos — Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2001

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https://doi.org/10.11588/diglit.52040#0034
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DIE FUNDSITUATION DER WERKSTÜCKE
Ulrike Muss — Mustafa Büyükkolanci
Dem Altar zuzuordnen sind drei große Werkstückgruppen; eine, die im Jahre 1900 in der Marmorstraße auf der Höhe des ephesischen Thea-
ters gefunden wurde und deren ursprünglicher Bestand heute nicht mehr vollständig vorliegt; die zweite Gruppe stammt aus der Ausgrabung
des Altarareals von der Mitte der 60er Jahre bis zum Beginn der 70er Jahre, und die dritte Gruppe war sekundär im Bereich der äußeren Mau-
ern des Johanneskirchenkomplexes in Ayasoluk verbaut und wurde während der 70er und 80er Jahre entdeckt.
Im Jahre 1900 wurden in der Marmorstraße auf der Höhe des ephesischen Theaters die ersten Funde von Werkstücken eines Altares gemacht
(s. o. S. 21 ff.)34.
Die Vermutung der Ausgräber R. Heberdey, W. Wilberg und H. Schrader, daß eine Reihe von Architekturstücken sowie das Amazonenrelief,
die in der Marmorstraße auf der Höhe des Theaters gefunden worden waren, zum Artemisionaltar gehört haben könnten, ließ sich lange nicht
bestätigen, da weder die genaue Lage des Altares bekannt war noch im Artemisionareal selbst gleichartige bzw. verwandte Stücke zum Vor-
schein gekommen waren.
Die Auffindung des Altares im Jahre 1965 und die Grabung A. Bammers dort bis in die frühen 70er Jahre hat diese alte Vermutung durch
Funde bestätigt. In situ verbaut allerdings wurde auf dem Altarfundament kein einziges Werkstück - weder Architektur noch Skulptur - ge-
funden35. Eine C14-Untersuchung36 der Schicht über dem Altarfundament - durchgeführt anhand eines Ölbaumrestes - ergab, daß der Altar
bis etwa 800 n. Chr. von Überschüttungen frei und damit als Steinbruch zugänglich war37. Der Fundort der dem Altar zugewiesenen sekundär
verbaut gefundenen Werkstücke ist zwar nicht zufällig, ein synchrones Abtragen und Wiederverbauen der Altararchitektur und Plastik aber
läßt sich nicht beweisen, denn es ist weder bekannt, wann genau die Steine der Marmorstraße verlegt worden sind, noch wie und wann die vor
und in den äußeren Mauern der Johanneskirche gefundenen Werkstücke dorthin gelangten38. Die Nähe der Johanneskirche zum Artemision
vereinfachte natürlich den Abtransport der Werkstücke. Die meisten von ihnen stammen aus dem Schutt vor den Außenmauem des Johan-
neskirchenareales; d. h. sie hatten entweder innerhalb dieses architektonischen Komplexes eine mehrfache Verwendung mitgemacht, wobei
sie im Verlauf der verschiedenen Zerstörungen und Reparaturen zuletzt in die aus dem 7. und 8. Jh. n. Chr. stammenden äußeren Mauern ver-
baut wurden und von da herabstürzten39, oder aber sie sind eigens für diesen Mauerbau als Baumaterial aus dem Artemision herbeigeschafft
worden. Bei einigen Fragmenten sind noch Reste von Mörtel erhalten, die auf ihre sekundäre Verbauung in den Mauerverband hinweisen. Zu
den Festungsmauern auf dem Ayasoluk und denen in diesen als Spolien verbauten Funden aus dem Artemision siehe den Beitrag von M.
Büyükkolanci (hier S. 28 f.).
Die Ausbeutung des Artemisions scheint erst spät einzusetzen. Nicht verwunderlich ist, daß besonders viele Werkstücke in zweiter Verwen-
dung auf die Johanneskirche gelangten. Bei der üblichen Aufhebung antiker Kulte seit Theodosius war es notwendig, speziell einen heidni-
schen Altar möglichst restlos aufzulösen und in einen Kirchenbau zu inkorporieren. Das Eigentum der heidnischen Kulte wurde damit ge-
wissermaßen auch an das der christlichen Heiligtümer abgetreten40.
Daß Fund- und ursprünglicher Aufstellungsort aber auch weiter auseinanderliegen können, beweisen die um 1900 in Ephesos gemachten
Funde der Altararchitektur und Reliefplastik sowie anderer Steine aus dem Artemision, die heute noch in ihrer sekundären Verwendung in
Ephesos zu sehen sind. So fanden sich hier auch eine ganze Reihe von , Mauersteinen141 - wahrscheinlich von der Peribolosmauer des Hei-
ligtums -, die sich in zwei Gruppen teilen lassen, nämlich a) Blöcke, auf denen Proxeniedekrete aus frühhellenistischer Zeit geschrieben sind,
und b) Blöcke mit Fragmenten einer großen Spenderliste, auf der ephesische Bürger genannt werden, die unter Kaiser Tiberius für einen be-
425 stimmten Zweck Gelder spendeten. Neben diesen Mauersteinen mit Proxeniedekreten existiert noch eine Stele aus der Altargrabung mit ei-
nem Proxeniedekret (Art. 68/21 )42, und der Darstellung eines Wagens43.
Was dagegen die Spenderliste anbelangt, so hatte bereits J. T. Wood an verschiedenen Stellen in Ephesos eine große Zahl von Fragmenten
dieser Liste gefunden. Viele von diesen gelangten ins Britische Museum44. Einer dieser Blöcke hat auf einer Seite den Text: „Das Temenos
der Artemis innerhalb dieser Peribolosmauer ist in seiner ganzen Ausdehnung Asyl“45; über Eck findet sich ein Fragment der Spendenliste,

34 Wie aus der Bearbeitung dieser Werkstücke im Kapitel zu den Rekonstruktionen
(S. t26ff.) und aus den hier vollständig abgebildeten Aufnahmen von W. Wilberg er-
sichtlich ist, ist eine Reihe von Werkstücken heute nicht auffindbar. Es ist theoretisch na-
türlich möglich, daß sich diese im Gelände von Ephesos verbergen und inzwischen
überwachsen sind. Sicher kann nur gesagt werden, daß sie sich weder in unmittelbarer
Nähe des Theaters, auf oder neben der Marmorstraße und auch nicht in einem der Stein-
depots in Ephesos befinden. Suchaktionen im Kunsthistorischen Museum in Wien ha-
ben ebenfalls keine weiteren, von Wilberg aufgenommenen Werkstücke erbracht.
35 Es ist klar, daß die Fundlage eines Werkstückes in unverbautem Zustand auf einem Fun-
dament keinen absoluten Beweis für die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Gebäude
liefern kann.
36 Wien, Radiuminstitut, Pack 1967/68.
37 Soweit bekannt, sind innerhalb des Artemisionbezirkes keine Reste von Kalkofen ge-
funden worden, die Zurichtung mancher Werkstücke, insbesondere der Fragmente der
archaischen Simenreliefs (s. Muss, Bauplastik z. B. Abb. 31 f.; 128; 136) zeigen aber,
daß diese zu Kalk gebrannt werden sollten. Nur vor dem Tor der Verfolgung der Johan-
neskirche wurde ein Kalkofen gefunden.
38 Zur Geschichte dieser Mauern vgl. C. Foss, Ephesus after Antiquity, A late Antique, By-
zantine and Turkish City (1979) 113 f.
39 Zu archaischer und spätklassischer Bauplastik des Artemisions aus diesen Mauern vgl.
M. Büyükkolanci, ÖJh 62, 1993, 95 ff.

40 F. W. Deichmann, Jdl 54, 1939, 105ff.; J. Vaes, Ancient Society 15-17, 1984-86,
305 ff.; D. Metzler, Hephaistos 3,1981,27 ff. zu ökonomischen Aspekten des Religions-
wandels in der Spätantike und der Enteignung der heidnischen Tempel seit Konstantin;
Zu der in den letzen Jahren genauer erforschten Kirche im Artemision s. A. Bammer, in:
R. Pillinger, O. Kresten, F. Krinzinger, E. Russo (Hrsg.) Frühchristliches und byzantini-
sches Ephesos (1999) 86 ff.
41 Die Steine bestehen aus weißem Marmor, der manchmal an seiner Oberfläche eine grau-
blaue Farbe annimmt; die Höhe jeder Quader beträgt eine ionische Elle, die Steine sind
dreimal so breit wie hoch, ihr Auflager ist sehr sorgfältig geglättet (Hinweis H. Engel-
mann).
42 H: 41,5 cm; B: 45,0 cm; T: 7,5 cm. Gefunden 10,60 m westlich der Altarhofostkante
und 10,10 m nördlich der Innenkante des Südflügels auf der Höhe des Altarhofpflasters.
Efes Müzesi, Selguk Inv.-Nr. 1991.
43 Zur Inschrift s. D. Knibbe, ÖJh 49,1968-71, Beibl. 50 Nr. 20; H. Engelmann, ZPE 22,
1976, 83 (mit Parallelen).
44 Die damals bekannten Fragmente wurden von Reverend Hicks in den Greek Inscriptions
in the British Museum Nr. 687 publiziert.
45 Hicks Nr. 520 = IvE 1520.

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