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Muss, Ulrike; Bammer, Anton
Der Altar des Artemisions von Ephesos (Textband): Der Altar des Artemisions von Ephesos — Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2001

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https://doi.org/10.11588/diglit.52040#0039
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DER ALTAR ALS KULTPLATZ
Ulrike Muss
A. Bammer identifizierte den von ihm ausgegrabenen Altar im Areal des Artemisheiligtums mit dem der Protothronie genannten Artemis,
den Pausanias (X 38, 6-7) beschreibt61.
„Von Theodoros habe ich nichts mehr gefunden von Werken aus Bronze; aber im Heiligtum der ephesischen Artemis gegen das Gebäude zu,
das die Gemälde enthält, befindet sich eine steinerne Brüstung über dem Altar der Protothronie genannten Artemis; auf der Brüstung steht un-
ter anderen Statuen am Ende auch ein Frauenstandbild, eine Arbeit des Rhoikos, die die Ephesier Nacht nennen. Dieses Standbild nun ist so-
wohl nach seinem Aussehen älter als das der Athena in Amphissa wie roher in der Arbeit.“ Seine Identifikation erfolgte dabei über das von
Pausanias bei der Beschreibung gebrauchte Wort ©Qiyxog (Thrinkos), welches Bammer mit der ausgegrabenen u-förmigen Umfassung
gleichsetzte62. Er verwendet den Begriff Thrinkos in der Folge als Synonym für die ephesische Altarumfassung63. Es handelt sich bei diesem
Begriff zwar um einen terminus technicus aus der Welt des Bauhandwerkes, mit Thrinkos kann aber auch allgemein eine ,Mauer4 oder Um-
fassung4 gemeint sein64. Warum Pausanias diesen Begriff gerade bei der Beschreibung des Altares der Protothronie und ein zweites Mal bei
der Beschreibung eines archaischen Grabhügels, eines Heroons, in Megara verwendete, bleibt unklar. Kein Argument gegen eine Identifika-
tion des Altares mit dem der Protothronie ist die Angabe bei Pausanias, der Altar liege in der Nähe des Gebäudes, das die Gemälde enthält. Es
ist nämlich weder bekannt von welcher Seite Pausanias das Heiligtum betrat, noch wie groß das verbaute Areal des Artemision zu seiner Zeit
überhaupt war, noch wissen wir, welche Bedeutung Pausanias den einzelnen Gebäuden überhaupt beigemessen hat; so sagt er z. B. nichts
über den Tempel selbst.
Wie bereits angedeutet, ist eine Identifikation des ausgegrabenen Altares auch über den von Pausanias in diesem Zusammenhang gegebenen
Beinamen der Artemis, Protothronie, möglich. Offenbar spielt dieser nicht nur auf die Stelle des ältesten Kultplatzes im Artemisionareal an,
sondern spiegelt sogar die Form der architektonischen Gestaltung des Platzes von früher Zeit an wieder. Interessant ist in diesem Zusammen-
hang auch, daß Kallimachos in seinem Hymnus an Artemis den von Pausanias für das Artemision überlieferten Beinamen für die samische Ar-
temis verwendet65. G. Dunst verwies darauf, daß dieses Adjektiv eigentlich der Hera als Gemahlin des Zeus zukommt, zieht aber die Parallele
zu der oben zitierten Pausanias-Steile für das Artemision von Ephesos66. Hierzu schreibt er: „Indessen ist darauf hinzuweisen, daß in Ephesos
im Heiligtum der ephesischen Artemis ein Altar der „Artemis Protothronie“ existierte, den noch Pausanias sah. Der Altar stammte offenbar
aus alter Zeit: Es ist interessant, daß Rhoikos, der zusammen mit Theodoros den samischen Heratempel erbaute, auch Schöpfer einer bron-
zenen weiblichen Statue war, die auf einem Ende der Umfassungsmauer des Altares stand; daß jener Theodoros auch am Bau des ephesischen
Artemisions beteiligt war. Jener Altar scheint wiederaufgefunden zu sein. Wenn neben dem Haupttempel der ephesischen Artemis ein Altar
existierte, der derselben Artemis als Protothronie galt, so scheint es mir natürlicher, das fragliche Adjektiv hier anders aufzufassen, als es bei
der Hera der Fall ist. Ich bin geneigt anzunehmen, daß an der von Pausanias beschriebenen Stelle ihr , zuerst errichteter4 Altar stand, daß dieser
Ort in Ephesos ihre älteste und früheste Kultstätte war“67. Eine Verbindung mit dem in Protothronie enthaltenen Wort ©pövog (Thronos) sah
dagegen Ch. Picard, der bemerkte: „II est vraisemblable, qu’elle avait fait d’abord allusion ä un ancien culte du tröne“68. Auffällig sind - nach
der Beschreibung des Kallimachos - auch andere Parallelen zwischen dem ephesischen und samischen Artemisheiligtum: Das ephesische lag
in der von den Flüssen Kaystros und Kenchraios durchzogenen Ebene und wurde nach Xenophon69 außerdem von einem Bach Selinus, nach
Plinius70 sogar von zwei Bächen des gleichen Namen umflossen. Die Auffindung eines Bachbettes im Artemision bei der Ausgrabung im Jahre
1994 läßt vermuten, daß wir hier entweder einen dieser beiden Bäche vor uns haben, oder den gemeinsamen Unterlauf beider Bäche71. Auch
das samische Artemision lag in der Nähe des Meeres, und zwar ebenfalls zwischen zwei Flußläufen, wie aus den zwei weiteren, von Kalli-
machos angeführten Beinamen der samischen Artemis, Chesios und Imbrasos, zu ersehen ist72.
Das samische Artemision hat bereits in mykenischer Zeit existiert, wie aus der Beschreibung des Kallimachos zu entnehmen ist73. Die litera-
rischen Quellen für die samische Artemis und die archäologischen für die ephesische Göttin scheinen das hohe Alter beider Kultplätze zu be-
legen74.

61 ev ös AgTS(xiöo5 TT]g 'E<j>eoiag itgög xb oizqua egxopEVtp xb e/_ov räg ypatfiäg
Äiöoi! Ooiyzög Ecrrtv loteo tov ßatpoü rfjq nooiToOooviqc zuAoupEvr];Aprepiöog.
ayakpara öe akka te eiti roü Ooiyzoü zai yvvatxög eixwv itpög to> ttEpart
eott]xe. TE/vq Tofi Poixov, Nt’ZTCt öe oi E<j>eaioi xakovot.
62 A. Bammer, RA 1976/1, 91 ff.; ders. EPRO 138 ff.
63 Zustimmend: Brein, EPRO 116; anders Kuhn 213 mit Anm. 81.
64 S. z. B. Passows Wörterbuch der griechischen Sprache (1913) unter Ootyzoo) den obe-
ren Teil einer Mauer oder Wand mit einem Rand, Kranz, Gesims, einer Zinne versehen,
oben einfassen, umkränzen; unter ©Qtyxög der vorstehende Rand einer Mauer, Mauer-
krone, Gesims; met.: jedes äußerste; ferner jede Ummauerung, Umfriedung, Einschluß,
Zaun. Bei F. Chantraine im etymologischen Lexikon (Dictionnaire etymologique de la
langue grecque:1968-1980) findet sich: terme technique de l’architecture, element su-
perieur, couronnement d’un mur, d’un epistyle, d’une Stele; a pu designer par extension
une clöture, un mur (Euripides, Ion 1321, etc); S. auch J. Jannoraray, BCH 64/65,1940/
41, 38 ff.; 1944/45, 38 ff.; H. K. Süsseroth, Olymp. Forsch. I (1944) 125 ff.; J. Bousquet,
FdD II, Le Tresor de Cyrene, 1952, 55 Anm. 2. (Hinweise H. Engelmann).
65 Kallimachos, Vers 228-232; Ch. Picard, Ephese et Claros (1922) 20, 33, 366 bezieht
diese Verse irrtümlich auf die ephesische Artemis.
“ G. Dunst, Chiron 2,1972, 191 ff.
67 Dunst a. O. 193 mit Anm. 8.

68 Picard a. O. 366.
w Anab. V 3, 8.
70 Plin. n.h. V 115.
71 A. Bammer in: 100 Jahre Ephesos 399ff.; s. hierzu auch M. Kerschner, ÖJh 66, 1997,
Beibl. Sp. 85 ff.
72 Bestätigt wird diese Lage nicht nur durch Kallimachos, sondern auch durch Herodot III
48; vgl. Dunst a. 0.191 f. mit Anm. 3. Der Imbrasos begrenzte das Heraion im Westen,
der Chesios lag östlich des Heraions. Zu den wechselnden Läufen des Imbrasos vgl. E.
Buschor, AM 1953,1 ff.
73 Dunst a. 0.191 mit Anm. 1. Agamemnon blieb auf seiner Fahrt nach Troja infolge einer
Windstille vor der samischen Küste liegen; die Winde setzten erst wieder ein, nachdem
er das Steuerruder seines Schiffes im Tempel der Göttin geweiht hatte. Zu diesem Hei-
ligtum s. jetzt: K. Tsakos, in: V. v. Graeve (Hrsg.), Frühes Ionien: Eine Bestandsaufnah-
me. Akten des Symposions Güzelcamh (Panionion) 1999 (in Druck).
74 A. J. Dominguez in: 100 Jahre Ephesos 75 ff.; Y. G. Vinogradov, VesDrevIstor, 1974,
56 ff. Nur wenn der Kult außer Landes gebracht wird, ist eine Identifikation mit der
Siedlung Ephesos sinnvoll. In einer Inschrift vom Schwarzen Meer, die aus dem 3. V.
des 6. Jhs. v. Chr. stammen soll, wird die Artemis daher mit dem Beinamen Ephesia er-
wähnt. In Ephesos selbst ist eine solche Verbindung offenbar erst nach der Verlegung
bzw. Neugründung der Stadt notwendig.

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