FORSCHUNGSGESCHICHTE UND TYPOLOGIE DER MONUMENTALALTÄRE
Ulrike Muss
Auf Grund der Nachricht bei Strabon (XIV C 641), der Altar des Artemisions sei voll mit Statuen des Praxiteles gewesen, ist im Artemision
schon früh auch nach dem Altar gesucht worden169. Die großen und prunkvollen Altäre antiker Heiligtümer waren allerdings meist als erstes
dem christlichen Fanatismus zum Opfer gefallen, so daß es kaum überraschend war, als sich auch im Falle des Artemisionaltares dem Aus-
gräber auf dem ausgegrabenen Fundament nur ein geringer Bruchteil der dort ursprünglich vorhandenen Architektur und Skulptur bot.
W. Hoepfner beklagt in seinem 1989 erschienenen Beitrag zu den Altären von Magnesia und Pergamon den Mangel an Altarpublikationen,
durch den ein an Variationen reicher Bautypus bis heute nicht genau untersucht worden ist170. C. G. Yavis hatte 1949 eine Studie vorgelegt, in
der er sich mit Herkunft und Typologie griechischer Altäre beschäftigt171. M. C. §ahin hat sich in seiner 1972 erschienenen Dissertation dar-
um bemüht, die Entwicklung und Formenvielfalt griechischer Monumentalaltäre zu charakterisieren172. In den 80er Jahren hat sich insbeson-
dere N. Stampolides mit Form und Ableitung griechischer Altäre befaßt173.
Aber auch die Forschungen zu so bekannten Monumenten wie dem Pergamonaltar können keinesfalls als abgeschlossen gelten. Nach dem
1989 vorgelegten Rekonstruktionsvorschlag von W. Hoepfner, der bereits in anderen Publikationen Niederschlag gefunden und auch Kritik
erfahren hat174, wird jetzt von V. Kästner die Architektur und von M. Kunze die Skulptur neu untersucht175; inzwischen hat sich auch
W. Hoepfner erneut mit dem Pergamonaltar auseinandergesetzt176.
Was die chronologische Einordnung der Altäre anbelangt, so ist es zwar auch aus der bis heute schlechten Publikationslage heraus zu verste-
hen, daß es mehrmals eine Umkehrung bei der Datierung der kleinasiatischen Monumentalaltäre gegeben hat, falsche methodische Voraus-
etzungen enstanden jedoch von vornherein dadurch, daß sich jede Einordnung am Vorbild des Pergamonaltares orientierte, der, weil besser
erhalten und dementsprechend bekannt, immer auch als zeitlicher Vorläufer angesehen worden ist. Als älteres Beispiel für diese Art des Vor-
gehens sei A. v. Gerkans Rekonstruktion des Altares in Priene genannt177. Er ging davon aus, daß dieser ohne den Pergamonaltar nicht denk-
bar sei. Damit wurde ein „hegemonistisches Prinzip“ in die Argumentation eingeführt, welches weitere vom Pergamonaltar abhängige Ein-
ordnungen und Datierungen nach sich zog, wie etwa auch die des Altares des Artemistempels von Magnesia am Mäander. Auch dieses
Monument konnte v. Gerkan nur unter dem Einfluß des Zeusaltares von Pergamon entstanden sehen, obwohl damit ein Zeitansatz vorge-
schlagen wurde, der dem Datierungsvorschlag der Ausgräber widersprach. Inzwischen wurde für den Altar von Magnesia mehrere Male eine
Datierung sowohl in das späte 3. Jh. als auch ins fortgeschrittene 2. Jh. v. Chr. vorgeschlagen. Nach dem Hermogenes-Kolloquium aus Anlaß
des 13. Internationalen Kongresses für Klassische Archäologie 1988 in Berlin wird jetzt die Frühdatierung des Altares von Magnesia wieder
favorisiert178.
Umstritten waren auch immer die Rekonstruktion und die Datierung des Artemisionaltares, besonders da A. Bammer für diesen eine Rekon-
struktion vorgeschlagen hat, die Elemente - wie z. B. den Lattenzaun und den Mäanderfries - beinhaltet, die sich beide auch bei der Ara Pa-
cis finden179. Zusammen mit dem ebenfalls kontrovers beurteilten Relief einer Amazone, reichte dies für die Kritiker seiner Rekonstruktion 361-366
aus, um die Entstehung des Artemisionaltares in dieser Form im 4. Jh. v. Chr. zu bezweifeln, weil auch sie das besser bekannte und erhaltene
Denkmal als Vorbild für den Artemisionaltar in Anspruch nehmen wollen (s. S. 126ff.). Dieses scheinbar deduktive Denkmodell dreht aber
die Verhältnisse um, denn das besser erhaltene und damit bekanntere Denkmal darf nicht a priori als zeitliches Vorbild für die schlechter er-
haltenen Denkmäler verstanden werden.
Die Einfassungsmauern von Höfen im Artemision, sei es beim Altar oder im Sekos des Tempels, üben eine spezielle Funktion aus. Sie sind 99
jeweils genau so groß, daß sie verschiedene ältere Anlagen gerade noch einschließen bzw. ummanteln; damit ergibt sich ein wesentlicher
struktureller Unterschied zu anderen Hofaltären, denen - soweit man das bisher sagen kann - ein architektonisches Konzept zu Grunde liegt,
bei dem Brandopfertisch bzw. Trapeza im Inneren mit der Umfassungswand gleichzeitig und neu entworfen worden sind. Allein aus dieser
Genese heraus wird deutlich, daß der Hofaltar im Artemision einem notwendig älteren Prinzip entspricht als andere durch keine Vorbedin-
gungen gebundenen späteren Hofaltäre180. Beim Altar im Artemision ist vielleicht gerade dadurch, daß bereits ältere Anlagen vorhanden wa-
ren, die Idee aufgekommen, diese Art von Einfassung zu entwerfen. Es erscheint daher auch wenig erfolgversprechend, für das dreiteilige
Ensemble im Inneren des Hofaltares nach Analogien zu suchen, weil diese Anlagen nur auf Grund einer lokalen und sehr spezifischen Kult-
konstellation entstanden sind und zu verstehen sein können.
Bei dem von A. Bammer ausgegrabenen Altar der Artemis von Ephesos handelt es sich um einen reinen Hofaltar, wie aus dem Grundriß er-
sichtlich ist. Dieser Altarhof mit seiner Umfassung konnte bislang typologisch mit einem von H. Walter für Samos angenommenen archai-
schen einfachen Hofaltar verknüpft werden. Durch die neuen Untersuchungen von H. J. Kienast181 ist dieser samische Hofaltar jedoch in
169 Dies ist insofern auffällig, als das Augenmerk der Forscher sonst in erster Linie den
Tempeln galt.
170 AA 1989, 601 ff.
171 C.G. Yavis, Greek Altars (1949).
172 §ahin a. a. O.
173 Stampolides a. O. (Anm. 157).
174 W. Radt, Pergamon (1988) 190ff.; M. Kunze, Neue Forschungen zum Pergamonaltar,
Kritisches Resume in: L’Espace Sacrificiel 135 ff.
175 M. Kunze und V. Kästner in: „Wir haben eine ganze Kunstepoche gefunden!“, Ein Jahr-
hundert Forschungen zum Pergamonaltar (Berlin 1986/87); vgl. ebenda H. Heres 55 ff.
zum freiplastischen Schmuck des Pergamonaltares.
176 AA 1996, 115 ff. In Pergamon wurden inzwischen von M. Klinkott neue Untersuchun-
gen und Messungen am Fundament vorgenomen, mit denen die Annahmen von
W. Hoepfner widerlegt sein sollen (Vortrag vom 21. 5. 98. in Wien anläßlich der 40. Ta-
gung der Koldewey Gesellschaft).
177 J. C. Carter, in: Alessandria e il Mondo EIlenistico-Romano, Studi in Onore di Achille
Adriani (1984) 748ff.; bes. 750f.
178 Hermogenes und die hochhellenistische Architektur, Kolloquium Berlin anläßlich des
XIII Intern. Kongresses für Klass. Archäologie (hrsg. von W. Hoepfner und E.-L.
Schwandner).
179 A. Bammer in: Festschrift Eichler 10ff.; ders. AA 1968,401 ff., bes. 413 ff.; Vgl. Lit. zu
Fl - Kat.-Nr. 129.
180 Ein vergleichbares Faktum existiert auch beim geometrischen Apllontempel von Ther-
mos: auch er umschließt kanpp einen älteren Bau aus dem 2. Jhrt. Vgl. G. Gruben in:
Greci II/l (hrsg. von S. Settis) 1996, 393.
181 H. J. Kienast, in: L’Espace Sacrificiel 99 ff.
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Ulrike Muss
Auf Grund der Nachricht bei Strabon (XIV C 641), der Altar des Artemisions sei voll mit Statuen des Praxiteles gewesen, ist im Artemision
schon früh auch nach dem Altar gesucht worden169. Die großen und prunkvollen Altäre antiker Heiligtümer waren allerdings meist als erstes
dem christlichen Fanatismus zum Opfer gefallen, so daß es kaum überraschend war, als sich auch im Falle des Artemisionaltares dem Aus-
gräber auf dem ausgegrabenen Fundament nur ein geringer Bruchteil der dort ursprünglich vorhandenen Architektur und Skulptur bot.
W. Hoepfner beklagt in seinem 1989 erschienenen Beitrag zu den Altären von Magnesia und Pergamon den Mangel an Altarpublikationen,
durch den ein an Variationen reicher Bautypus bis heute nicht genau untersucht worden ist170. C. G. Yavis hatte 1949 eine Studie vorgelegt, in
der er sich mit Herkunft und Typologie griechischer Altäre beschäftigt171. M. C. §ahin hat sich in seiner 1972 erschienenen Dissertation dar-
um bemüht, die Entwicklung und Formenvielfalt griechischer Monumentalaltäre zu charakterisieren172. In den 80er Jahren hat sich insbeson-
dere N. Stampolides mit Form und Ableitung griechischer Altäre befaßt173.
Aber auch die Forschungen zu so bekannten Monumenten wie dem Pergamonaltar können keinesfalls als abgeschlossen gelten. Nach dem
1989 vorgelegten Rekonstruktionsvorschlag von W. Hoepfner, der bereits in anderen Publikationen Niederschlag gefunden und auch Kritik
erfahren hat174, wird jetzt von V. Kästner die Architektur und von M. Kunze die Skulptur neu untersucht175; inzwischen hat sich auch
W. Hoepfner erneut mit dem Pergamonaltar auseinandergesetzt176.
Was die chronologische Einordnung der Altäre anbelangt, so ist es zwar auch aus der bis heute schlechten Publikationslage heraus zu verste-
hen, daß es mehrmals eine Umkehrung bei der Datierung der kleinasiatischen Monumentalaltäre gegeben hat, falsche methodische Voraus-
etzungen enstanden jedoch von vornherein dadurch, daß sich jede Einordnung am Vorbild des Pergamonaltares orientierte, der, weil besser
erhalten und dementsprechend bekannt, immer auch als zeitlicher Vorläufer angesehen worden ist. Als älteres Beispiel für diese Art des Vor-
gehens sei A. v. Gerkans Rekonstruktion des Altares in Priene genannt177. Er ging davon aus, daß dieser ohne den Pergamonaltar nicht denk-
bar sei. Damit wurde ein „hegemonistisches Prinzip“ in die Argumentation eingeführt, welches weitere vom Pergamonaltar abhängige Ein-
ordnungen und Datierungen nach sich zog, wie etwa auch die des Altares des Artemistempels von Magnesia am Mäander. Auch dieses
Monument konnte v. Gerkan nur unter dem Einfluß des Zeusaltares von Pergamon entstanden sehen, obwohl damit ein Zeitansatz vorge-
schlagen wurde, der dem Datierungsvorschlag der Ausgräber widersprach. Inzwischen wurde für den Altar von Magnesia mehrere Male eine
Datierung sowohl in das späte 3. Jh. als auch ins fortgeschrittene 2. Jh. v. Chr. vorgeschlagen. Nach dem Hermogenes-Kolloquium aus Anlaß
des 13. Internationalen Kongresses für Klassische Archäologie 1988 in Berlin wird jetzt die Frühdatierung des Altares von Magnesia wieder
favorisiert178.
Umstritten waren auch immer die Rekonstruktion und die Datierung des Artemisionaltares, besonders da A. Bammer für diesen eine Rekon-
struktion vorgeschlagen hat, die Elemente - wie z. B. den Lattenzaun und den Mäanderfries - beinhaltet, die sich beide auch bei der Ara Pa-
cis finden179. Zusammen mit dem ebenfalls kontrovers beurteilten Relief einer Amazone, reichte dies für die Kritiker seiner Rekonstruktion 361-366
aus, um die Entstehung des Artemisionaltares in dieser Form im 4. Jh. v. Chr. zu bezweifeln, weil auch sie das besser bekannte und erhaltene
Denkmal als Vorbild für den Artemisionaltar in Anspruch nehmen wollen (s. S. 126ff.). Dieses scheinbar deduktive Denkmodell dreht aber
die Verhältnisse um, denn das besser erhaltene und damit bekanntere Denkmal darf nicht a priori als zeitliches Vorbild für die schlechter er-
haltenen Denkmäler verstanden werden.
Die Einfassungsmauern von Höfen im Artemision, sei es beim Altar oder im Sekos des Tempels, üben eine spezielle Funktion aus. Sie sind 99
jeweils genau so groß, daß sie verschiedene ältere Anlagen gerade noch einschließen bzw. ummanteln; damit ergibt sich ein wesentlicher
struktureller Unterschied zu anderen Hofaltären, denen - soweit man das bisher sagen kann - ein architektonisches Konzept zu Grunde liegt,
bei dem Brandopfertisch bzw. Trapeza im Inneren mit der Umfassungswand gleichzeitig und neu entworfen worden sind. Allein aus dieser
Genese heraus wird deutlich, daß der Hofaltar im Artemision einem notwendig älteren Prinzip entspricht als andere durch keine Vorbedin-
gungen gebundenen späteren Hofaltäre180. Beim Altar im Artemision ist vielleicht gerade dadurch, daß bereits ältere Anlagen vorhanden wa-
ren, die Idee aufgekommen, diese Art von Einfassung zu entwerfen. Es erscheint daher auch wenig erfolgversprechend, für das dreiteilige
Ensemble im Inneren des Hofaltares nach Analogien zu suchen, weil diese Anlagen nur auf Grund einer lokalen und sehr spezifischen Kult-
konstellation entstanden sind und zu verstehen sein können.
Bei dem von A. Bammer ausgegrabenen Altar der Artemis von Ephesos handelt es sich um einen reinen Hofaltar, wie aus dem Grundriß er-
sichtlich ist. Dieser Altarhof mit seiner Umfassung konnte bislang typologisch mit einem von H. Walter für Samos angenommenen archai-
schen einfachen Hofaltar verknüpft werden. Durch die neuen Untersuchungen von H. J. Kienast181 ist dieser samische Hofaltar jedoch in
169 Dies ist insofern auffällig, als das Augenmerk der Forscher sonst in erster Linie den
Tempeln galt.
170 AA 1989, 601 ff.
171 C.G. Yavis, Greek Altars (1949).
172 §ahin a. a. O.
173 Stampolides a. O. (Anm. 157).
174 W. Radt, Pergamon (1988) 190ff.; M. Kunze, Neue Forschungen zum Pergamonaltar,
Kritisches Resume in: L’Espace Sacrificiel 135 ff.
175 M. Kunze und V. Kästner in: „Wir haben eine ganze Kunstepoche gefunden!“, Ein Jahr-
hundert Forschungen zum Pergamonaltar (Berlin 1986/87); vgl. ebenda H. Heres 55 ff.
zum freiplastischen Schmuck des Pergamonaltares.
176 AA 1996, 115 ff. In Pergamon wurden inzwischen von M. Klinkott neue Untersuchun-
gen und Messungen am Fundament vorgenomen, mit denen die Annahmen von
W. Hoepfner widerlegt sein sollen (Vortrag vom 21. 5. 98. in Wien anläßlich der 40. Ta-
gung der Koldewey Gesellschaft).
177 J. C. Carter, in: Alessandria e il Mondo EIlenistico-Romano, Studi in Onore di Achille
Adriani (1984) 748ff.; bes. 750f.
178 Hermogenes und die hochhellenistische Architektur, Kolloquium Berlin anläßlich des
XIII Intern. Kongresses für Klass. Archäologie (hrsg. von W. Hoepfner und E.-L.
Schwandner).
179 A. Bammer in: Festschrift Eichler 10ff.; ders. AA 1968,401 ff., bes. 413 ff.; Vgl. Lit. zu
Fl - Kat.-Nr. 129.
180 Ein vergleichbares Faktum existiert auch beim geometrischen Apllontempel von Ther-
mos: auch er umschließt kanpp einen älteren Bau aus dem 2. Jhrt. Vgl. G. Gruben in:
Greci II/l (hrsg. von S. Settis) 1996, 393.
181 H. J. Kienast, in: L’Espace Sacrificiel 99 ff.
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