DAS DACH
Ulrike Muss
(Kat.-Nr. 121-128, Tafelabb. 344-359)
Im Kapitel zum Dach des Altares werden sowohl die Geisa als auch die Simen und die Giebel behandelt.
Mit Art. 69/4 kann zwar der Zusammenhang zwischen Kassetten und Geison verdeutlicht werden, einige größere Zahnschnittfragmente ma-
chen aber auch eine Aussage für die Rekonstruktion des Altargebälkes bzw. Daches. So kann G 1 gemäß des erhaltenen Fundamentes im
Grundriss - wie bereits von A. Bammer vorgeschlagen - nur an die westlichen Innenecken gehören, weil dort durch die Vorsprünge im Fun-
dament eine Verkröpfung des Geisons möglich ist. Eine offene Frage bleibt aber weiterhin, warum bei G 1 die Stoßfuge 3,3 cm nach oben
versetzt ist.
G 2 gibt schlüssige Information über die Dachneigung. Hier sind Kyma und Hängeplatte über dem Zahnschnitt sekundär abgeschlagen, die
durch die Schräge bewiesene ursprüngliche Existenz einer Sima ist die Voraussetzung dafür, die erhaltenen Simafragmente von der Johan-
neskirche und aus dem Artemision, heute in London, dem Altar zuzuschreiben. Von einer Giebelsima stammen Fragmente einer Hohlkehle
mit Anthemienband, von einer Traufensima Fragmente mehrerer Löwenkopfwasserspeier sowie zwei Fragmente einer Ranke. Dadurch, daß
die Löwenköpfe an das obere Auflager anstoßen, kann man davon ausgehen, daß es sich um eine Rankensima gehandelt hat, die wie die des
Tempels gestaltet war308.
Wie die Rekonstruktion zeigt, gehören die Anthemienfragmente StJ 86/5 und StJ 85/43 auf Grund ihrer Größe und Proportionen zum
Schräggeisonblock StJ 86/9. Das Verhältnis beträgt genau 1:5 (Palmettenphase zu Astragalphase). Die Abfolge der Palmetten mit einer ge-
schlossenen und einer gesprengten entspricht dem Anthemionband auf den bekrönenden Profilen des Opferherdes (Vgl. S. 119 ff.). Wenn die
Zuweisung der Rankenfragmente (StJ 77/54 und BM 73.3-5-112) und der Löwenkopfwasserspeier BM 74.7-10.118 (1 + 2 ) sowie StJ/
o. Nr. - Kat.-Nr. 123 an die Traufsima des Altares richtig ist, fand beim Altar ein Wechsel zwischen Anthemien und Rankensima an Giebel
und Traufe statt, wie dies auch für den spätklassischen Tempel rekonstruiert worden ist309. Ebenfalls ornamental differenziert zwischen Trauf-
und Giebelsima wird beim Athenatempel von Priene, dem Naiskos von Didyma, dem Artemision von Magnesia und dem Smintheion von
Chryse in der Troas. Beim Mausoleum von Halikamass dagegen war auch die Traufsima mit einem Anthemion dekoriert310.
Während sich sowohl die Ansicht der Giebelsima als auch ihr Schnitt rekonstruieren läßt, ist dies bei der Traufsima nicht möglich. Hier sind
nur von den Löwenkopfwasserspeiern größere Fragmente erhalten. Mit den beiden einzigen Fragmenten einer Ranke kann nur annähernd
ihre Form bestimmt werden, ihr Profil ist nicht mehr rekonstruierbar.
Das Schräggeison und das Anthemienband sind zusammen knapp 29,0 cm hoch, der Löwenkopf allein mißt (rekonstruiert) mindestens
28,0 cm.
Die Giebel mit dem Schräggeison können nur an den vorspringenden Risaliten im Westen gelegen sein, an ihren Ecken hat man sich Akrotere
vorzustellen. Wie das Dach dahinter gedeckt war, bleibt unbekannt.
Mit G 2 läßt sich die Neigung der Dachschräge auf 12,5° bestimmen. Die vordere schräge Fläche diente als Auflager für den letzten Dach-
ziegel, die hintere als Bettung für die Holzkonstruktion des Daches, deren Stirnhölzer sich gegen die aufsteigende - heute fast vollständig
verbrochene - Stirnfläche stemmten. In der Rekonstruktionszeichnung von Max Theuer zu diesem Werkstück, in der er auch eine Sima - von
allerdings zu geringer Höhe - ergänzt, bleibt diese, doch wohl zum Abbolzen bestimmte, Fläche leer.
Durch das Fragment des Tympanonblockes vom Schräggeison (StJ 86/9) ist auch bewiesen, daß es Satteldächer gegeben hat. Am Modell des
Altares in Wien wurden in Unkenntnis einer solchen Evidenz ausschließlich Walmdächer rekonstruiert. Bei diesem Werkstück beträgt der
Neigungswinkel 11 ° und stimmt damit annähernd überein mit dem von G 2. Das Schräggeison (StJ 86/9) ist auch in Zusammenhang mit
zwei großen Tympanonsteinen von Interesse, die von Wilberg und Theuer unter den Werkstücken ihres Amazonenaltares aufgeführt und ge-
zeichnet wurden. Wilberg rekonstruierte (1396/10) eine Front mit Giebel und den beiden Giebelsteinen mit einer Giebelneigung von 12,8°
und einer rekonstruierten Giebellänge von 9,85 m. Einer der Giebelsteine reicht dabei bis in die Giebelmitte, weil sein Abschluß auf dieser
Seite erhalten ist. Als einziges Maß ist die Höhe dieses Steines mit 88 cm angegeben. Bei dieser Rekonstruktion werden sechs Architravlän-
gen angegeben, wobei dann als - unmögliche - Lösung eine Säulenstellung in der Mittelachse des Giebels entsteht.
Darunter ist mit gleichem Maßstab und Winkel eine Giebelfront mit drei Architravlängen gezeichnet, bei der in der Mittelachse des Giebels
keine Säule steht. Bei dieser Lösung erreicht man aber in der Giebelmitte eine Höhe von 0,45 m, was eine Unterbringung des Giebelsteines
von 0,88 m an dieser Stelle unmöglich macht. Die Giebellänge beträgt hier 5,15 m. Unter beiden Giebeln ist die Architravlänge ( = Jochwei-
te) mit 1,55 m markiert.
Für die Rekonstruktion des Gebälks sind auf Wilbergs Blatt 1396/7 und mit einer Zeichnungen von M. Theuer, betitelt ,Amazonen-Altar‘
weitere Hinweise erhalten. Bei der Zeichnung Wilbergs läßt sich die Zugehörigkeit dieser Steine, mit heute unbekanntem Aufbewahrungsort,
zum Artemisionaltar durch den eingezeichneten vertikalen Gußkanal, bei der Zeichnung von M. Theuer (datiert vom 9. III. 30) durch den ein-
getragenen Dübel mit einseitigem Wolfsschlitz verifizieren. Von Theuer mit Fragezeichen (?) versehen, ist seine Vermutung, daß diese Blök-
ke ehemals zum Schräggeison gehörten.
Die Kymaphase beträgt, wie bei dem Schräggeison von der Johanneskirche, 5,8 cm. Im Gegensatz zu G 1 mit verkürzter Hängeplatte von
9,4 cm ist sie hier 21,5 cm tief. Die Höhe des von Wilberg und Theuer aufgenommenen Werkstückes beträgt 18,5 cm und setzt sich aus einer
8,0 cm hohen Hängeplatte und einer 10,5 cm hohen Sima zusammen. Dies läßt sich auch für das Geison G 1 rekonstruieren, wenn man ana-
log zu dem von Wilberg und Theuer gezeichneten Stück eine Sima ergänzt. Die horizontalen Fugenschnitte waren offenbar beim Gebälk be-
liebig angebracht, nämlich sowohl zwischen Architrav und Geison, als auch zwischen Hängeplatte und Sima. Dies spielte keine Rolle, da die
308 Rügler Taf. 30; Bammer, Architektur Abb. 9 3,0 Bammer a. 0.16; M. Schede, Antikes Traufleistenornament (1909) 17 ff.
309 Bammer, Architektur, 13 ff. mit Anm. 79.
287, 288
277,278
279,280
359
344-349 352, 353,
359
457
356-358
511
508
Textabb. 11-13
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Ulrike Muss
(Kat.-Nr. 121-128, Tafelabb. 344-359)
Im Kapitel zum Dach des Altares werden sowohl die Geisa als auch die Simen und die Giebel behandelt.
Mit Art. 69/4 kann zwar der Zusammenhang zwischen Kassetten und Geison verdeutlicht werden, einige größere Zahnschnittfragmente ma-
chen aber auch eine Aussage für die Rekonstruktion des Altargebälkes bzw. Daches. So kann G 1 gemäß des erhaltenen Fundamentes im
Grundriss - wie bereits von A. Bammer vorgeschlagen - nur an die westlichen Innenecken gehören, weil dort durch die Vorsprünge im Fun-
dament eine Verkröpfung des Geisons möglich ist. Eine offene Frage bleibt aber weiterhin, warum bei G 1 die Stoßfuge 3,3 cm nach oben
versetzt ist.
G 2 gibt schlüssige Information über die Dachneigung. Hier sind Kyma und Hängeplatte über dem Zahnschnitt sekundär abgeschlagen, die
durch die Schräge bewiesene ursprüngliche Existenz einer Sima ist die Voraussetzung dafür, die erhaltenen Simafragmente von der Johan-
neskirche und aus dem Artemision, heute in London, dem Altar zuzuschreiben. Von einer Giebelsima stammen Fragmente einer Hohlkehle
mit Anthemienband, von einer Traufensima Fragmente mehrerer Löwenkopfwasserspeier sowie zwei Fragmente einer Ranke. Dadurch, daß
die Löwenköpfe an das obere Auflager anstoßen, kann man davon ausgehen, daß es sich um eine Rankensima gehandelt hat, die wie die des
Tempels gestaltet war308.
Wie die Rekonstruktion zeigt, gehören die Anthemienfragmente StJ 86/5 und StJ 85/43 auf Grund ihrer Größe und Proportionen zum
Schräggeisonblock StJ 86/9. Das Verhältnis beträgt genau 1:5 (Palmettenphase zu Astragalphase). Die Abfolge der Palmetten mit einer ge-
schlossenen und einer gesprengten entspricht dem Anthemionband auf den bekrönenden Profilen des Opferherdes (Vgl. S. 119 ff.). Wenn die
Zuweisung der Rankenfragmente (StJ 77/54 und BM 73.3-5-112) und der Löwenkopfwasserspeier BM 74.7-10.118 (1 + 2 ) sowie StJ/
o. Nr. - Kat.-Nr. 123 an die Traufsima des Altares richtig ist, fand beim Altar ein Wechsel zwischen Anthemien und Rankensima an Giebel
und Traufe statt, wie dies auch für den spätklassischen Tempel rekonstruiert worden ist309. Ebenfalls ornamental differenziert zwischen Trauf-
und Giebelsima wird beim Athenatempel von Priene, dem Naiskos von Didyma, dem Artemision von Magnesia und dem Smintheion von
Chryse in der Troas. Beim Mausoleum von Halikamass dagegen war auch die Traufsima mit einem Anthemion dekoriert310.
Während sich sowohl die Ansicht der Giebelsima als auch ihr Schnitt rekonstruieren läßt, ist dies bei der Traufsima nicht möglich. Hier sind
nur von den Löwenkopfwasserspeiern größere Fragmente erhalten. Mit den beiden einzigen Fragmenten einer Ranke kann nur annähernd
ihre Form bestimmt werden, ihr Profil ist nicht mehr rekonstruierbar.
Das Schräggeison und das Anthemienband sind zusammen knapp 29,0 cm hoch, der Löwenkopf allein mißt (rekonstruiert) mindestens
28,0 cm.
Die Giebel mit dem Schräggeison können nur an den vorspringenden Risaliten im Westen gelegen sein, an ihren Ecken hat man sich Akrotere
vorzustellen. Wie das Dach dahinter gedeckt war, bleibt unbekannt.
Mit G 2 läßt sich die Neigung der Dachschräge auf 12,5° bestimmen. Die vordere schräge Fläche diente als Auflager für den letzten Dach-
ziegel, die hintere als Bettung für die Holzkonstruktion des Daches, deren Stirnhölzer sich gegen die aufsteigende - heute fast vollständig
verbrochene - Stirnfläche stemmten. In der Rekonstruktionszeichnung von Max Theuer zu diesem Werkstück, in der er auch eine Sima - von
allerdings zu geringer Höhe - ergänzt, bleibt diese, doch wohl zum Abbolzen bestimmte, Fläche leer.
Durch das Fragment des Tympanonblockes vom Schräggeison (StJ 86/9) ist auch bewiesen, daß es Satteldächer gegeben hat. Am Modell des
Altares in Wien wurden in Unkenntnis einer solchen Evidenz ausschließlich Walmdächer rekonstruiert. Bei diesem Werkstück beträgt der
Neigungswinkel 11 ° und stimmt damit annähernd überein mit dem von G 2. Das Schräggeison (StJ 86/9) ist auch in Zusammenhang mit
zwei großen Tympanonsteinen von Interesse, die von Wilberg und Theuer unter den Werkstücken ihres Amazonenaltares aufgeführt und ge-
zeichnet wurden. Wilberg rekonstruierte (1396/10) eine Front mit Giebel und den beiden Giebelsteinen mit einer Giebelneigung von 12,8°
und einer rekonstruierten Giebellänge von 9,85 m. Einer der Giebelsteine reicht dabei bis in die Giebelmitte, weil sein Abschluß auf dieser
Seite erhalten ist. Als einziges Maß ist die Höhe dieses Steines mit 88 cm angegeben. Bei dieser Rekonstruktion werden sechs Architravlän-
gen angegeben, wobei dann als - unmögliche - Lösung eine Säulenstellung in der Mittelachse des Giebels entsteht.
Darunter ist mit gleichem Maßstab und Winkel eine Giebelfront mit drei Architravlängen gezeichnet, bei der in der Mittelachse des Giebels
keine Säule steht. Bei dieser Lösung erreicht man aber in der Giebelmitte eine Höhe von 0,45 m, was eine Unterbringung des Giebelsteines
von 0,88 m an dieser Stelle unmöglich macht. Die Giebellänge beträgt hier 5,15 m. Unter beiden Giebeln ist die Architravlänge ( = Jochwei-
te) mit 1,55 m markiert.
Für die Rekonstruktion des Gebälks sind auf Wilbergs Blatt 1396/7 und mit einer Zeichnungen von M. Theuer, betitelt ,Amazonen-Altar‘
weitere Hinweise erhalten. Bei der Zeichnung Wilbergs läßt sich die Zugehörigkeit dieser Steine, mit heute unbekanntem Aufbewahrungsort,
zum Artemisionaltar durch den eingezeichneten vertikalen Gußkanal, bei der Zeichnung von M. Theuer (datiert vom 9. III. 30) durch den ein-
getragenen Dübel mit einseitigem Wolfsschlitz verifizieren. Von Theuer mit Fragezeichen (?) versehen, ist seine Vermutung, daß diese Blök-
ke ehemals zum Schräggeison gehörten.
Die Kymaphase beträgt, wie bei dem Schräggeison von der Johanneskirche, 5,8 cm. Im Gegensatz zu G 1 mit verkürzter Hängeplatte von
9,4 cm ist sie hier 21,5 cm tief. Die Höhe des von Wilberg und Theuer aufgenommenen Werkstückes beträgt 18,5 cm und setzt sich aus einer
8,0 cm hohen Hängeplatte und einer 10,5 cm hohen Sima zusammen. Dies läßt sich auch für das Geison G 1 rekonstruieren, wenn man ana-
log zu dem von Wilberg und Theuer gezeichneten Stück eine Sima ergänzt. Die horizontalen Fugenschnitte waren offenbar beim Gebälk be-
liebig angebracht, nämlich sowohl zwischen Architrav und Geison, als auch zwischen Hängeplatte und Sima. Dies spielte keine Rolle, da die
308 Rügler Taf. 30; Bammer, Architektur Abb. 9 3,0 Bammer a. 0.16; M. Schede, Antikes Traufleistenornament (1909) 17 ff.
309 Bammer, Architektur, 13 ff. mit Anm. 79.
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