Muss, Ulrike; Bammer, Anton; Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Forschungen in Ephesos (Band 12,2: Textband): Der Altar des Artemisions von Ephesos — Wien: Verl. d. Österreich. Akad. d. Wiss., 2001

Page: 123
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DATIERUNG UND WERKSTATT
Ulrike Muss
Die in diesem Band vorgelegte Architektur datiert - ebenso wie die meisten Skulpturen - in das 4. Jh. v. Chr. Äußere Anhaltspunkte für eine
exaktere Datierung des Baues existieren nicht. Es ist weder bekannt, ob der Altar von demselben Brand wie der Tempel im Jahre 356 v. Chr.
zerstört wurde, noch ob er bei einem ebenfalls überlieferten Brand im Jahre 395 v. Chr.425 Schaden nahm und dann sofort wieder errichtet
wurde. Aber auch wenn der Altar synchron mit dem Tempel nach dem Brand von 356 v. Chr. erbaut bzw. wiedererrichtet worden ist, so war
er sicher früher fertiggestellt als der wesentlich größere Tempel.
Für den Tempel gelangte A. Bammer bereits in seinem Buch „Die Architektur des Jüngeren Artemisions“426 zu der Erkenntnis, daß dieser um
300 v. Chr. fertiggestellt war. Später nahm er aber an, daß am Altar noch bis in das 3. Jh. gearbeitet wurde, weil sich an den Kapitellen des
Pergamonaltares Ähnlichkeiten zu denen des Altares feststellen lassen und außerdem technische Details wie vertikale Gußkanäle dort wieder
vorkommen427. Er begründete dies damit, daß die ephesische Tempelbauhütte nach 300 v. Chr. nach Sardes gegangen sei, wo ebenfalls ähn-
liche Details nachgewiesen werden können428, und erst von dort anschließend nach Pergamon ging. Da aber Aufbau und Gestalt der Archi-
tekturglieder des Pergamonaltares von Bezügen auf die kleinasiatisch-ionische Architekur archaischer und (spät)klassischer Zeit geprägt
sind, müssen diese Übereinstimmungen nicht auch zu dem Schluß führen, daß auch am Altar der Artemis noch bis in das 3. Jh. v. Chr. gear-
beitet worden ist. Dies ließe sich auch an den Baugliedern des Altares selbst nirgends belegen429.
Die Vergleiche zwischen Altar- und Tempelkapitellen (S. 65) zeigen zwar, daß das Altarkapitell ältere Züge aufweist, die vielen hier vorkom-
menden Archaismen verhindern aber eine definitive chronologische Reihung der beiden Gebäude.
Für die Skulpturen(fragmente) lassen sich oft sowohl motivische und zeitliche Verbindungen zu den columnae caelatae des Tempels knüpfen
als auch Beziehungen zu den Mausoleumsskulpturen herstellen. Andere Skulpturen wiederum lassen Verbindungen zu attischen Grabreliefs
des 4. Jhs. erkennen. Die Wiederholung der Amazone Sciarra als Relief am Altar des Artemisions ist als eines der frühesten Beispiele für ei-
nen „Klassizismus“ im 4. Jh. v. Chr. zu werten.
Die Möglichkeiten für methodisch fundierte Vergleiche zwischen der Bauomamentik des Altares und der des Mausoleums von Halikarnass
und des Athenatempels von Priene sind beschränkt, weil diese nicht entsprechend vorgelegt sind430.
Interessant sind die Ähnlichkeiten der Altararchitektur mit den Baugliedem des Hestiaheiligtums auf Paros431. Dieser sekundär in die Kata-
poliani-Kirche in Paroikia verbauten Architektur432 konnten erst unlängst auch auf Naxos gefundene Säulen zugewiesen werden.433 Die in die
Nordwand des Baptisteriums verbauten Architrave zeigen Kymatien und Astragale, die mit ihren abstehenden Hüllblättern und eng aneinan-
der geschobenen sowie unregelmäßig gebildeten Perlen und Scheibchen mit verschiedenen Werkstücken des Altares eng Zusammengehen434.
Das Gebäude wurde dem 1. V. des 4. Jhs. und dem sog. ,Schlichten Stil‘ zugeordnet435 .
Worin könnte die Ursache für diese großen Ähnlichkeiten liegen? Sollte etwa parischer Marmor für den Altar Verwendung gefunden haben
und mit diesem auch eine Werkstatt gereist sein? Dies ist angesichts der Ergebnisse der Marmoruntersuchungen, die bereits für das Nerei-
denmonument von Xanthos und das Mausoleum von Halikarnass vorliegen keinesfalls auszuschließen. Bei beiden Monumenten wurde pa-
rischer Lychnites sowohl für Architektur als auch Plastik verwendet und bei den Mausoleumsskulpturen auch pentelischer Marmor nachge-
wiesen.436 Für den parischen Bau bringt Gruben Skopas ins Spiel, da auch das Kultbild des Baues von diesem stammte. Für das Artemision ist
überliefert, daß Skopas eine der Säulen des Tempels reliefiert haben soll437, seine Beteiligung als Architekt am Altar des Artemisions ist daher
keinesfalls ausgeschlossen, als Bildhauer wird - wie oben erwähnt - Praxiteles genannt. Ob sich hinter der mathematischen Logik, die of-
fenbar in dem Konzept des Altares steckt, auch ein Architekt wie Pytheos vermuten ließe, muß völlig offen bleiben438.

425 R. C. Kukula, ÖJh 8,1905, Beibl. Sp. 23-32; Chr. Börker, ZPE 37,1980, 69ff.
426 40 ff.
427 A. Bammer, FuB 16,1974,183 ff.
428 A. Bammer, RA 1976, 93 f.
429 Hier sei auf die Arbeit von F. Rumscheid (Untersuchungen zur Kleinasiatischen Bauor-
namentik des Tempels des Hellenismus, 1994 verwiesen, weil sie deutlich macht, daß es
wenig Sinn hat, eine solche vergleichende Darstellung innerhalb vieler architektoni-
scher Systeme vorzulegen, ohne daß diese im Einzelnen wirklich bekannt sind. Rum-
scheid 219 datiert das Altarkapitell K 1 in das 2. Jh. v. Chr. und er vermag bei den Mä-
andern keine Hinweise auf eine vorkaiserzeitliche Entstehung zu entdecken (ebenda
279). G. Kuhn (199 ff.) hält dagegen an einer Entstehung der Altararchitekur in griechi-
scher Zeit aus guten Gründen fest, auch wenn er die Werstücke einem anderen Bau zu-
weisen will.
430 Zu Vergleichen von Tempel- und Altararchitektur mit diesen Bauten vgl. Bammer, Ar-
chitektur 28 ff. W. Keonigs schreibt etwa zum Athenatempel von Priene (IstMitt 33,
1983, 156f.), daß Vergleiche zwischen dem Athenatempel und dem Mausoleum kaum
möglich sind, „da dessen vielgepriesene Architektur zwar nach allen Richtungen aus-
spekuliert ist, die einzelnen vorhandenen Steine aber bis heute weder vermessen noch

publiziert sind. An dieser Situation hat sich bis heute nichts geändert. Zum Mausoleum
erwähnt K. Jeppesen (Jdl 1992, 85), daß bis heute ca. 1500 architektonische Fragmente
identifiziert werden konnten.
431 A. Bammer in: Paria Lithos, First International Conference on the Archaeology of Paros
and the Cyclades (2-5. 10.1997) in Druck.
432 Von G. Gruben, AA 1982, 621-683 vorläufig als ionischer Peristyl-Bau veröffentlicht.
Paros, Church of a Hundred Doors (Hrsg.: Agricultural Cooperative of Paros) 1997, 85,
87, 95, 97, nach 116.
433 G. Gruben, (Festschrift für N. Zaphiropoulos- hrsg. von N. Stampolides) 1999, 296 ff.
434 Vgl. hier S. 78 mit Anm. 298.
435 Gruben a. O. (1999) merkt aber an, daß eine Datierung nach Bauformen eine Unschärfe
von zwei Jahrzehnten aufweist, so daß der Spielraum der Datierung für das Hestia-Hei-
ligtum von 400-360 v. Chr. reicht.
436 S. Walker, in: Paria Lithos a. O. (in Druck).
437 Rüglerbes. 109 ff.
438 Literarische Hinweise hierzu existieren nicht. Zur möglichen Tätigkeit des Pytheos
beim Entwurf des Altares in Priene vgl. Carter a. O. (Anm. 177) 761 f.; H. Riemann, RE
1963, s. v. Pytheos.

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