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Muss, Ulrike; Bammer, Anton
Der Altar des Artemisions von Ephesos (Textband): Der Altar des Artemisions von Ephesos — Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2001

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https://doi.org/10.11588/diglit.52040#0168
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VERSTREUT UND WIEDERGEFUNDEN - ZUR POESIE DER BAUFORSCHUNG
Anton Bammer
Die Geschichte der Wiedergewinnung des Altares der Artemis von Ephesos ist wie eine endlose Erzählung, von der man nie sagen kann, ob
sie wirklich zu Ende ist. Nach der fehlgeschlagenen Grabung von Carl Humann und Otto Benndorf 1895 508 wurde der Altar zum ersten Mal
konkret, als im Straßenpflaster vor dem Theater im Jahre 1900 Werkstücke zu tage traten, die Hans Schrader als erster für den Altar der Ar-
temis in Betracht zog. Denn vor allem Wilberg, aber auch Dörpfeld waren skeptisch, wie aus ihren Briefen hervorgeht. Heberdey äußerte sich
nicht dazu, ebensowenig wie Benndorf. Sowohl Humann als auch Benndorf, die beiden Initiatoren der Altarsuche starben früh, Humann be-
reits im März 1896 und Benndorf 1907509. Nachdem auch Schrader von Wien nach Frankfurt ging (1914), erlosch das weitere Interesse am
Altar der Artemis und am Artemision überhaupt. Erst Max Theuer, der Architekt, nahm die Forschung in den 20er Jahren wieder auf. Briefe
Theuers sind nicht erhalten, auch keine publizierten Äußerungen, er scheint aber an die Zuweisung der im Jahre 1900 gefundenen Werkstük-
ke an den Altar der Artemis geglaubt zu haben, da er nicht nur die Steine neu aufnahm und auf den Titel der Zeichnungen „Amazonenbau“
443 schrieb, sondern auch die ersten Rekonstruktionszeichnungen vornahm. Eine von Georg Fürst auf der Grundlage einer Wilberg’schen Skizze
entworfenen Rekonstruktion läßt sich nicht zeitlich einordnen.
Die Erinnerung an den Altar hat sich mit F. Eichler über den zweiten Weltkrieg gerettet. Allerdings hat mir Eichler nie etwas von den Auf-
zeichnungen Schraders und Theuers sowie den verschiedenen Briefen erzählt. Vielleicht kannte er sie gar nicht. Mir waren nur die Steinauf-
nahmen Wilbergs bekannt. Es ist das Verdienst Gerhard Langmanns, daß er die Nachlässe, die er nach der Übersiedlung des ÖAI im Winter
1990/91 in den 19. Bezirk in die Franz Klein-Gasse erhalten hat, an Ulrike Muss weitergegeben hat. Erst dadurch wurde klar, daß schon Wil-
berg die Profilsteine zum Altar zählte (s. S. 133).
Eichler erzählte mir nur immer wieder, daß in Schraders Büro im Kunsthistorischen Museum eine Rekonstruktion des Altares hing.
Es gehört zur Dramatik der Geschichte, daß nicht nur der Nachlaß über Jahrzehnte hinweg verschollen war, sondern auch viele der früher be-
kannten Werkstücke heute nicht auffindbar sind. Durch die zurZeit durchgeführten Aufräumarbeiten bei Theater besteht allerdings die Hoff-
nung, daß das eine oder andere Stück doch noch zum Vorschein kommt. Auf ähnlich mysteriöse Weise sind auch einige der bei der Altargra-
bung gefundenen Werkstücke verlorengegangen. Sie sind zwar dokumentiert, aber es wäre trotzdem ein Gewinn, wenn man sie wieder selbst
in der Hand halten könnte. So ist die Arbeit des Bauforschers und Archäologen am Altar und mit dem Altar mit der des Linguisten oder
Sprachwissenschaftlers zu vergleichen, der aus verschiedensten Quellen und mittels unterschiedlichster Methoden die verschollenen Worte
einer Sprache auffindet, die er ergänzt und ihre Grammatik rekonstruiert. Die Traurigkeit, die einen befällt, wenn man die Texte und Briefe
der dahingegangenen Forscher liest, in denen sie bedauern, daß sie mit ihren Entdeckungen und Überlegungen nicht weiter kommen, läßt
sich insofern mildem, als offenbar in der Forschung doch immer nach Jahrzehnten Resultate zu tage kommen. So steht doch heute außer
Zweifel, daß die damals vor dem Theater gefundene Architektur zum Altar gehört. Wenn man bedenkt, daß die Erhaltung eines Monumentes
durch seine Spolien in anderen Bauwerken ohnehin bereits ein Vorgang ist, der seine Parallelen sonst vor allem auf religiösem oder literari-
schem Gebiete hat, so muß man den Artemisionaltar zu den am meisten in dieser Hinsicht geprägten Bauwerken zählen.
So wie uns die Texte der Vorsokratiker vor allem durch deren Zitieren bei späteren Schriftstellern wie Aristoteles und Platon überliefert sind
und das Phänomen der Spolie510 durch religiöse Vorstellungen wie Reinkarnation oder Kannibalismus511 seine Parallelen bzw. Erklärung fin-
det, so ist der Vorgang der Rekonstruktion mit der Technik von Dichtern vergleichbar, die Strophe für Strophe zurückgewinnen. Sowohl für
Schrader, dessen Altarforschungen offenbar durch den ersten Weltkrieg lahm gelegt wurden, als auch für Theuer, der viel später diese wieder
aufnahm, war der Altar ein virtuelles Denkmal. Er war eher ein Gebilde der Phantasie als der Wirklichkeit.
Es war dies eine Periode, in der die großen Projekte in Österreich vorbei waren, es blieb der Rückzug in die Innerlichkeit, eine große Zeit der
österreichischen Literatur und Theorie.
Für Wilberg scheint die Verfolgung der Idee des Altares zu wenig positivistisch gewesen zu sein, wie aus seinen Briefen an Schrader hervor-
geht. Er war auch schon zu sehr mit der römischen Architektur in Ephesos beschäftigt, um noch in die Fußstapfen der großen Meisterdenker
zu treten. Für Dörpfeld war die Idee des Altares an sich faszinierend, vor allem auch in Hinblick auf die Wiederaufstellung des Pergamonal-
tares in Berlin, der ihn, wie er in dem Brief an Wilberg schreibt, sehr gefangen genommen hat. Dörpfeld war natürlich ein Mann, der noch in
der Tradition der großen Projekte und Ideen stand. Ihm paßte natürlich die Vorstellung von einem großen Altar in Ephesos analog dem Per-
gamonaltar. Er sieht allerdings auch Probleme in der Zugehörigkeit der Tympanonsteine und der beiden oberhalb des Theaters gefundenen
Kapitelle. Der erst später auftretende Max Theuer interessierte sich für den ephesischen Altar auch in Hinblick auf seine Arbeit über den Al-
tar zu Magnesia am Mäander. Man sieht also doch, daß zumindest bei Dörpfeld und Theuer ganz wissensimmanente Interessen mit der Zu-
weisung der Amazonenarchitektur zum Altar gegeben waren (vgl. Tabelle S. 132).
Eichler sah die Zusammengehörigkeit von Profilsteinen mit der Amazonenarchitektur nicht als gegeben an, vor allem im Hinblick auf die
Zählung in Form griechischer Buchstaben. Ich war auch von der Eichler’schen Skepsis befangen, habe dann aber später für die Rekonstruk-
tion des Altarmodelles entsprechende Fußprofile an der Altarwand des Obergeschoßes in Erwägung gezogen. Im Modell haben wir aber dann
doch ein anderes Profil eingefügt (vgl. S. 54ff.; 133, 162). Die Wahrscheinlichkeit einer Zugehörigkeit wurde mir aber erst bewußt, als mir
die Briefe und Skizzen aus dem Nachlass bekannt wurden.

508 A. Bammer, ÖJh 67,1998 Beibl. 217f.
509 M. Kandier, G. Wlach in: 100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut 1898—
1998 (1998) 18f.
5,0 F. Deichmann, Die Spolien in der Spätantiken Architektur (1975)

511 St. Benko, Pagan Rome and the early Christians (1984) 54ff.; R. Mitchel, The Saturn
syndrome or the iaw of the father in: Nucleo historico: Antropofagia e Historias de Can-
nibalismos, Bienale Sao Paulo (1998) 134ff.; F. Achleitner, Wiener Architektur (1996)
192. Zur Kritik am Kannibalismus vgl. H. Peter-Röcker, Mythos Menschenfresser

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