Klebinder-Gauß, Gudrun; Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Forschungen in Ephesos (Band 12,3): Bronzefunde aus dem Artemision von Ephesos — Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2007

Page: 107
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fie_bd12_3/0114
License: Creative Commons - Attribution - NoDerivatives
0.5
1 cm
facsimile
VII. Gürtel

107

trägt einen Gürtel, dessen Darstellung sich an die Gürtel phrygischer Art aus Metall anlehnt. Das Gürtelband
ist mit Bienen und Rosetten an der Vorderseite, Hippokampen an den Seiten und Pelten auf beiden Seiten des
Verschlusses an der Rückseite reich verziert* * 737. Zu erkennen sind der halbrunde Griffbügel und ein schmal
zulaufendes Hakenelement. Allerdings scheint man zur Zeit der Anfertigung der Figur den Mechanismus des
Gürtels nicht mehr vollkommen verstanden zu haben, da der Griffbügel, verglichen mit den tatsächlich ge-
fundenen Belegen aus Metall, an falscher Stelle sitzt und der Haken unter ihm durchgeführt ist738. Da Gürtel
dieser Art nach dem 7. Jahrhundert v. Chr. kaum noch belegt sind und in der römischen Epoche nicht mehr
verwendet wurden, wird man bei der Darstellung wohl einen jener früharchaischen Metallgürtel phrygischer
Art vor Augen gehabt haben739. Vorstellbar wäre, dass noch ein Metallgürtel aus dieser Zeit existierte oder
dass Abbildungen dieser Gürtel mit dem Kultbild der Artemis Ephesia über Jahrhunderte tradiert wurden. Die
Darstellung an der ‘Großen Artemis’ könnte auch darauf hinweisen, dass eines der frühen Kultbilder in der
zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts mit einem solchen Gürtel geschmückt war740. Die große Zahl und die
unterschiedlichen Formate der im Artemision gefundenen Gürtel implizieren aber auch, dass nicht jedes
Exemplar mit einem Kultbild in Verbindung gebracht werden kann, sondern, dass Gürtel eine geläufige Vo-
tivgabe darstellten. Neben der ephesischen ‘Großen Artemis’ ist nur eine weitere bildliche Darstellung eines
solchen Gürtels bekannt: Auf einem früharchaischen Bronzeblech aus Olympia trägt eine geflügelte Potnia
Theron einen Gürtel mit einem halbkreisförmigen Griffbügel an der Vorderseite741. Das Blech wird für ein
ostgriechisches Erzeugnis gehalten und in die erste Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. datiert.
Die in Ionien gefundenen Gürtel phrygischer Art kamen vornehmlich in Heiligtümern zutage, in denen
weibliche Gottheiten, besonders häufig Artemis und Hera, verehrt worden waren742. Die beiden bekannten
Abbildungen solcher Gürtel, die ‘Große Artemis’ und das Blech aus Olympia, zeigen sie ebenfalls in Zu-
sammenhang mit weiblichen Gottheiten - nach der heutigen Fund- und Literaturkenntnis sind Gürtel also
besonders mit Frauen und weiblichen Gottheiten zu verbinden743. Dies soll jedoch nicht ausschließen, dass
auch Männer Gürtel weihten: Nach antiken Quellen trugen ionische Männer gerne und reichlich Schmuck744.
Dass Männer ebenso wie Frauen Gürtel verwendeten, zeigen zahlreiche Statuetten und Vasenbilder des 7. und
6. Jahrhunderts v. Chr.745.
Offen bleiben muss die Frage, ob und zu welchen Anlässen die Gürtel vor ihrer Weihung tatsächlich ge-
tragen wurden. Mögliche Spuren einer praktischen, wiederholten Verwendung zeigt der Gürtel Kat. 710 (Taf.
43. 44), dessen Gürtelband an einer Stelle geflickt ist und dessen Zunge bei zwei Durchlochungen abge-

Neues zum Kultbild der Artemis von Ephesos, in: H. Friesinger - F. Krinzinger (Hrsg.), 100 Jahre Österreichische Forschungen
in Ephesos. Akten des Symposions Wien 1995, AForsch 1, DenkschrWien 260 (1999) 608 f.
737 Nach einer antiken Quelle war auf dem Gürtel der Artemis von Ephesos ein Teil der sog. ephesia grammata, einer magischen
Formel, angebracht: Eustath. Od. 17, 247; dazu u. a. Fleischer 1973, 88 f. und S. Morris, The Prehistoric Background of Artemis
Ephesia, in: Muss 2001, 139 f.
738 Stupka 1972, 157 geht wohl richtig, wenn sie vermutet, dass der römische Künstler bei der Darstellung des Gürtelverschlusses
an die zu seiner Zeit bereits bekannte Schnalle mit Dorn dachte. Vgl. auch Fleischer 1973, 89.
739 So auch G. Kopeke, Neue Holzfunde von Samos, AM 82, 1967, 104 und M. J. Mellink, Rezension zu Fleischer 1973, AJA 79,
1975, 108.
7411 Auf eine mögliche Verwendung der Gürtel als Schmuck des frühen Kultbildes wiesen bereits Bammer 1991/92, 42 und Bammer
- Muss 1996, 78 hin. Auch F. Prayon, Zum Problem von Kultstätten und Kultbildern der anatolischen Muttergöttin im 8. Jahr-
hundert v. Chr., in: T. Korkut (Hrsg.), Anadolu'da Dogdu. Festschrift F. I§ik (2004) 615 f. nimmt, der Datierung des Peripteros
in das späte 8. Jh. folgend, ein auf der Rechteckbasis stehendes Kultbild an, das mit einem phrygischen Gürtel geschmückt ist.
Allerdings kann man Metallgürtel dieser Art m. E. kaum mit einem auf der sog. Rechteckbasis im Peripteros aufgestellten Kult-
bild verbinden. Zum einen ist diese Gürtelform in Ionien generell erst sehr vereinzelt ab 690-660 v. Chr. und vorwiegend in der
2. Hälfte des 7. Jhs. belegt; die Gürtel aus dem Artemision gehören ihrem Stil nach in die 2. Hälfte des 7. Jhs. Zum anderen
kommen die Gürtel nach dem bisherigen Kenntnisstand im Artemision in Schichten, die mit der Benützung der Rechteckbasis zu
verbinden sind, nicht vor.
741 Furtwängler 1890, Taf. 38; vgl. eine Detailzeichnung bei Boardman 1961/62, 189 Abb. 5; Christou 1968, 87.
742 Simon 1986, 205; Völling 1998. 250; Vassileva 2005, 95.
743 Vgl. auch Boardman 1961/62, 188 f.; Boardman 1981, 105; Völling 1998, 250.
744 Simon 1986, 199.
743 z. B. G. M. A. Richter, Kouroi (1960) 26 f. 52 Anm. 68 Abb. 14-16. 17-19. 22-24; .1. Boardman, Griechische Plastik. Die
archaische Zeit4 (1994) Abb. 54.
loading ...